AW: Mobbbing in der Schule - war: "Schlag zurück!!"
Wie gesagt, betreue ich eine Kindergruppe an einer Grundschule. A und B waren beide bei mir in der Gruppe. Sie besuchen die zweite Klasse. A war mir bereits seit Monaten aufgefallen, weil er immer depressiver wurde, häufig niedergeschlagen aus der Schule kam. In verschiedenen Gesprächen, die ich mit ihm führte, erzählte er mir alles möglichen Gründe für seinen Kummer, nie aber den wahren Grund. Der kam erst heraus, als im Dezember seine Mutter ihn abmeldete und berichtete, dass A schon längere Zeit in der Schule von B heftig getrietzt würde und B ja auch nach der Schule in der Gruppe wäre. Sie, die Mutter sei der Ansicht, dass sich ihr Sohn A besser fühlen würde, wenn er nicht auch noch nach der Schule den Angriffen von B ausgesetzt sei. Zunächst einmal war ich sehr betroffen, denn dass B A ständig ärgert, war mir nicht aufgefallen, wohl aber A's Wesensveränderung.
Am selben Tag noch rief ich bei B zuhause an und berichtete von dem Gespräch mit A's Mutter. B's Mutter war ebenfalls sehr betroffen und willigte sofort zu einem Gespräch mit beiden Kindern und beiden Müttern und mir ein, was auch eine Woche später stattfand. Die Woche bis zu dem Gespräch nutzte ich, um A's Mutter dazu aufzufordern, A für das Gespräch fit zu machen. A war mittlerweile so mutlos geworden, dass zu befürchten stand, dass er sich selbst wenig bis gar nicht in dem Gespräch äußern würde, was aber seiner Situation nicht zuträglich gewesen wäre. Ich besorgte A einen sogenannten "Mutstein" und überreichte ihm den zusammen mit einem Brief, in dem stand, dass es wichtig wäre, dass er wieder Mut bekommt und seine Sache selbst vertritt, natürlich mit Unterstützung der Erwachsenen.
In dem Gespräch eine Woche später ging es weniger darum, wie böse und verachtenswert sich B gegenüber A in der letzten Zeit verhalten hatte, sondern vielmehr darum, dass dieser versteht, was seine Handlungen und auch seine Bemerkungen bei A ausgelöst hatten. Ich fragte B, warum er sich A gegenüber so verhalten hatte. B antwortete, dass A halt nicht so wild sei wie er und dass er ihn deshalb nicht leiden könne. A war wirklich tapfer und hat B erklärt, dass er wegen ihm gar nicht mehr gerne in die Schule käme, manchmal sogar Bauchweh deswegen hätte. Ich fragte B, ob er das so wirklich gewollt hätte. B gab zu, dass er nicht gewusst hätte, dass sein Verhalten solche Folgen hatte. B's Mutter hielt sich während des ganzen Gesprächs im Hintergrund. A's Mutter ergänzte hie und da die Ausführungen ihres Sohnes und ich hatte die Vermittlerrolle.
Nachdem B beteuerte, dass er A nicht mehr ärgern wolle und sich auch bei A entschuldigte, gab ich BEIDEN Kindern eine Aufgabe. Sie erhielten beide einen Kalender, in den sie täglich eintragen sollten, wie es ihnen miteinander geht. Keinen Roman, sondern nur eine kurze Bemerkung, damit sie bei dem wöchentlichen Treffen - welches wir dann noch vereinbarten für einen Zeitraum bis zu den Osterferien - erklären konnten, worum es ihnen gegangen war.
Jede Woche setzten wir uns nun für einige Minuten zusammen, schauten, was in den beiden Kalendern stand und besprachen wie es den beiden miteinander ergangen war. Am Anfang standen da noch ganze Sätze, dann nur noch Wörter, später lachende Gesichter, aber auch das war den beiden bald zuviel und die Gesichter wichen einem + . Vor einigen Wochen gestanden beide, dass sie meist vergessen würden, etwas in den Kalender einzutragen. Wir führten die wöchentlichen Treffen dennoch bis zu den Osterferien fort. Letzte Woche war das letzte Treffen. A und B spielen wieder gerne miteinander und aus A ist wieder ein fröhlicher kleiner Junge geworden, der gerne in die Schule geht und sich seines Wertes innerhalb der Klasse bewusst ist.
Ich hatte vorher noch nie mit Mobbing zu tun und habe mich unter anderem hier im Forum schlau gemacht. Was mir aufgefallen war, dass viele Mobbingopfer berichteten, dass sich nach einem Gespräch mit dem Täter die Situation erst verbesserte, um hinterher schlimmer zu werden als je zuvor. Das wollte ich unter allen Umständen vermeiden. Deshalb begleitete ich die beiden noch eine Weile mit Gesprächen. Deshalb auch die Kalender, denn ich wollte keinesfalls, dass A zum Petzen gezwungen war, wenn doch nach dem Gespräch wieder etwas vorfallen sollte.
Ich denke, an dieser Situation sind beide Kinder gewachsen. Jeder hat etwas dazugelernt und keiner ist als Verlierer daraus hervorgegangen. Genau das war mein Ziel.
Gruß
Sisandra