Mein Selbstwert ist im Keller. Ich weiß nicht, wie jemand mit meinem sozialen Hintergrund und meiner Erziehung so dumme Dinge tun konnte. Das ist glaube ich, warum ich nicht akzeptieren möchte, was aus mir geworden ist. Ich ekle mich vor mir selbst, ich habe gesundheitliche, finanzielle und ausbildungstechnische Probleme, von der moralischen Schuld ganz abgesehen. Ja, vermutlich ist das etwas arrogant, aber meine Freunde von früher und auch meine jetzigen guten Freunde (die ich leider auch ziemlich vernachlässigt habe bzw. angelogen) sind nun mal intelligente, oft sozial/ökologisch engagierte und vielseitig begabte Menschen. Und so habe ich mich auch immer gesehen. Ok, seit dem Abi vor 10 Jahren hatte ich immer wieder psychische/psychosomatische Probleme, hatte 3 Klinikaufenthalte, verschiedene Therapeuten und Medikamente. Alltäglichste Dinge fielen mir schwer. Aber trotzdem dachte ich, in meinem Inneren immer noch dieser Mensch zu sein.
Und vor 2 Jahren dann in dieser Belastungssituation wieder krasse Verschlechterung meiner psychischen und physischen Gesundheit. Hab z. B. fast 10 Kilo abgenommen, ohne es zu wollen. Hab einfach wieder mein Hungergefühl verloren. Aber warum kann ich mir nicht einen Plan machen und trotzdem essen? Hatte das schon mal genau so und weiß, dass ich da generell drauf achten muss, weil ich tendenziell bei Stress abnehme. Und ich bin schnell gestresst.
Ok, und dann schlug es in das Gegenteil um. Dinge essen, die mir nicht schmecken und die auch nicht gesund sind. Später dann eben auch von meinen Mitbewohnern. Am Anfang hatte ich keine Kontrolle darüber. Doch irgendwann habe ich es bewusst gemacht. Ich weiß nicht warum. Um mir zu zeigen, was für ein schlechter Mensch ich bin? Wie krank ist das?
Vermutlich ist mein Grundproblem wirklich, dass ich meinen Ansprüchen nicht genügen kann. Doch irgendwann fing es ja auch an, meinen Mitmenschen zu schaden. Ich hab so tolle Familie und Freunde. Ich habe mir vor langer Zeit gesagt, dass ich mir nie verzeihen kann, wenn ich sie weitermache. So, und nun stehe ich hier, 2 Jahre später, und das Weltgeschehen ist noch düsterer. Im Angesicht der Klimakrise und Ressourcenknappheit aufgrund von Krieg und allgemein ist es noch wahnsinniger, was ich getan habe. Unglaublich viel Essen verschwenden. Die Tage im Bett verbringen, meine Ausbildung an die Wand fahren,ok,das schädigt hauptsächlich mich. Auch meine Kernfamilie, die mich finanziell und moralisch so viel unterstützt haben in den letzten fast 8 Jahren. Aber diese moralische Schuld der Welt gegenüber ist schlimmer als meine finanziellen Schulden (die leider gerade in Form von Bafög-Rückzahlung und Studienkredit auch akut werden).
An deinem Post fallen mir verschiedene Dinge auf:
Zum einen benutzt du das Wort 'krank' in einer Doppelbedeutung. Zum einen sagst du 'krank', einfach als Adjektiv zu 'Krankheit'. Dagegen habe ich nichts einzuwenden: jemand, der unter einer Krankheit leidet, ist krank - egal ob es eine körperliche oder seelische Krankheit ist.
Zum anderen benutzt du dieses Wort abwertend (wie im allgemeinen Sprachgebrauch leider auch üblich) : 'das ist doch krank' sagen häufig Menschen, die eben nicht Verständnis für das Verhalten eines anderen haben, weil der unter einer Krankheit leidet.
Stattdessen ist gemeint: dieses Verhalten ist abnorm, moralisch zu verurteilen, verabscheuungswürdig.
Und gegen diese zweite Bedeutung habe ich sehr viel einzuwenden: das ist meiner Meinung nach eine der Arten, wie (psychisch) Kranke in unserer Gesellschaft stigmatisiert werden - dieser Gebrauch des Wortes 'krank'.
Es geht mir hier explizit nicht darum, eine Grundsatzdiskussion loszutreten.
Stattdessen möchte ich dich bitten, dir mal anzuschauen, wie du über deine Krankheit denkst.
Wenn du in 10 Jahren 3 Klinikaufenthalte hattest und Medikamente einnehmen musstest, dann hast du eine Krankheit.
3 Klinikaufenthalte bekommt man in Deutschland nicht 'einfach so'.
So, wie du schreibst, würde ich annehmen wollen, dass bei dir Depressionen diagnostiziert wurde.
Du brauchst natürlich nicht auf meine Spekulation einzugehen, wenn du nicht willst und dieses Thema hier auch nicht zu vertiefen.
Ferndiagnosen sind schließlich fast immer falsch und es ist allein deine Sache, was und wie viel du preisgibst.
Ich möchte dich nur anregen und dringend bitten, mit deinem Therapeuten oder deiner Therapeutin über dein Verständnis deiner Krankheit zu reden.
Wenn du eine Krankheit hast (egal welche), die es notwendig macht, dass du Medikamente nehmen musst, dass du Klinikaufenthalte und Therapien brauchst, dann ist das NICHT irgendwie unbedeutender Kleinkram, der bei der Einschätzung deiner Leistungen zu vernachlässigen wäre.
Dein Vergleich mit irgendwelchen Klassenkameraden ist da völlig unangebracht.
Wenn du krank bist, bist du in der Entfaltung deiner Talente und Fähigkeiten eingeschränkt (oder warst es zumindest in der Vergangenheit). Punkt.
Natürlich kann man sich wünschen, dass man größeres Glück gehabt hätte und gesund geblieben wäre.
Das hilft dir aber leider nicht weiter.
Und dich für deine Krankheit zu verurteilen, hilft dir auch nicht weiter.
Du klingst im Moment mit deinen Problemen stark überfordert - bist du zur Zeit in ärztlicher Behandlung und hast darüber mal gesprochen?
Vielleicht wäre es sinnvoll, dass dir eine Person bei der Regelung deiner finanziellen Angelegenheiten hilft - gibt es da jemanden in deiner Familie, den du bitten kannst?
Ich meine nicht, dass diese Person deine Schulden zahlen soll, sondern dir einfach helfen, die notwendigen Briefe zu schreiben, damit du deine Kredite später abzahlen kannst (Stundung).
Ah ja, noch was: meiner Meinung nach würde es dir besser gehen, wenn du es schaffen könntest, dein Selbstwertgefühl von deiner Leistungsfähigkeit zu entkoppelt.
Dass das in unserer Gesellschaft schwer ist, weiss ich.
Aber du bist ein Mensch, ein Kind des Universums, ein kleiner Teil der Art und Weise, in der sich die Realität selbst beobachtet - und du hast ein Recht darauf, du zu sein und zu existieren: genauso, wie jeder Stern, jede Ameise, jedes Kieselsteinchen oder Eichhörnchen.
Du musst nichts besonderes leisten, um existieren zu dürfen und dich deines Lebens zu freuen.
Alles Gute!