Mein Eindruck ist, dass Du vor einiger Zeit angefangen hast zu erkennen, wie wenig Du im Grunde "im Griff" hast, nicht einmal Dich selbst. Du stellst schockiert fest, dass Du Dich von Situationen stressen und beeinflussen lässt und Du durch Deine Ängste mit Lügen und Wegducken den Weg des geringsten Widerstands suchst. Mit anderen Worten: Du bist eben doch nicht der/die Superheld:in, die/der Du vielleicht gerne wärst. Manche Dinge fallen Dir schwer, manche überfordern Dich und andere erfordern so viel Aufwand, dass Du sie nicht "unterbringst". Und dann sind da noch die lieben Mitmenschen, die gerne ihre eigene Welt bestätigt sehen wollen und die Dir ihre Zuneigung und ihre Aufmerksamkeit nur schenken, wenn sie etwas dafür bekommen. Ein wenig zu lügen scheint da der schnellste Weg zum Erfolg zu sein und manchmal klappt es ja auch. Und so heilt der Zweck immer wieder die Mittel.
Wenn da nur nicht dieser Anspruch an Dich selbst wäre, es doch "besser" machen zu müssen, was immer dieses "besser" auch sein mag. Verzeih mir, wenn mir Deine innere Haltung sogar etwas arrogant vorkommt, denn warum glaubst Du, dass Du all das "besser" beherrschend würdest oder solltest, wie viele andere Menschen? Und nur, weil es nicht "von alleine" läuft, siehst Du Dich zu drastischeren Mitteln gezwungen, denn diese Welt macht Dich "schwarz", obwohl Du "eigentlich weiß" bist?
Die Wahrheit und die Realität ist, dass es überhaupt nicht um "gut" oder "böse" geht, sondern ob der von Dir verursachte "Schaden" irgend jemand interessiert. Wenn Du die Arbeit schwänzt, dann müssen Deine Kollegen mehr tun und das kann einfach nerven. Also wünsche auch ich mir Kollegen, die mich nicht einfach hängen lassen und wer seinen Teil nicht erfüllt, muss gehen. Aber wenn Du krank bist, dann kann das jedem passieren. Es ist nur die Frage, ob sich das wieder ändert und wann.
Wenn Du lügst, dann ist das ein guter Hinweis auf mehrere Missstände: was glaubst Du fehlt Dir, was kannst Du nicht oder nicht rechtzeitig? Warum fühlst Du Dich nicht stark genug, dazu zu stehen? Was müsstest Du können oder haben, um nicht mehr lügen zu müssen? Wenn Du Dich um die Beantwortung dieser Fragen drückst, wirst Du früher oder später als "nicht belastbar" aussortiert.
Einen ganz wichtigen Punkt habe ich von meiner Oma gelernt: in 100 Jahren spricht wahrscheinlich niemand mehr darüber, womit Du und ich uns heute abmühen. Das hat auch sein Gutes, denn Du darfst und kannst Dir Deine Fehler, Dein Lügen und Deine Schwächen vergeben. Sonst bist Du Dir selbst gegenüber ein schlechter Freund und ein noch schlechterer Lehrer. Würde ein Lehrer das tun, was Du tust, würde er mit Schimpf und Schande von der Schule fliegen (müssen), denn ein Lehrer sollte unterstützen, Türen öffnen, Selbstbewusstsein stärken und Talente fördern. Aber Du trampelst auf Dir herum. Was ist daran sinnvoll? Was ist daran klug? Eben! Rein garnichts!
Was würde ein guter Freund tun, wenn er feststellt, dass sein Freund "feststeckt"? Würde er nicht mit zupacken? Würde er nicht mit einem Lächeln auf den Irrsinn dieser Welt schauen und Dir Mut machen, weil morgen auch noch ein Tag ist, an dem Du neue Entscheidungen treffen kannst? Und würde ein Freund nicht Verständnis zeigen, weil jeder Mensch manche Dinge (noch) nicht kann und vielleicht Alternativen aufzeigen? Manches kann ich nicht oder nur mittelprächtig und so geht es vielen Menschen um mich herum. Weder Du noch ich tragen die Verantwortung der Welt auf unseren Schultern. Es reicht, wenn hin und wieder etwas klappt und Du dafür Geld bekommst. Sei also nicht so arrogant und glaube, dass an Dir die Welt genesen sollte. Wenn es mal soweit kommt, dann schauen wir mal. Aber bis dahin sei Dir ein guter Freund oder eine gute Freundin und kümmere Dich um einen der wichtigsten Menschen in Deinem Leben: um Dich. Vergib Dir Deine Macken und das nicht nur 10 mal, sondern 999 Mio. mal.
Schau Dir Deine Glaubenssätze an und finde heraus, wie Du zu ihnen gekommen bist. Dann übernimm dafür die Verantwortung und entwickle sie weiter und passe sie der Realität an und nicht umgekehrt! Deine Gedanken bauen mit an der Realität, die Du wahrnimmst. Dazu brauchst Du den Mut, nicht weiter auf Dich einzuschlagen, nur weil Du das Gefühl hast, das tun zu müssen. Du brauchst den Mut, zu Dir selbst zu stehen wie Du bist und nicht, wie Du glaubst sein zu müssen und Du musst Deine eigenen Entscheidungen treffen.
Ein Nachteil des Erwachsenseins ist, dass sich Deine Mitmenschen oft garnicht so sehr für Deine Probleme interessieren, weil sie selbst genug davon haben. Wenn Du als Kind mit Problemen Aufmerksamkeit bekommen hast, dann funktioniert das nun einfach nicht mehr so gut. Du musst nur Deine Strategie ändern, nicht mal so viel von Dir selbst. Ja, das nervt und macht Mühe. Aber lieber schlecht gefahren, als gut gelaufen, oder? Dass Du Dich als schwarzes Schaf siehst, interessiert nicht wirklich. Also lerne Schritt für Schritt der Mensch zu sein, der Du sein möchtest und das mit dem Fliegen und dem roten Cape schlag Dir aus dem Kopf. Etwas weniger tut es durchaus. 😊 Sei freundlich zu Dir. Damit fangen viele guten Veränderungen an.
Graybear, du triffst einen Punkt. Ja, vermutlich wollte ich "weiß" sein, früher war ich meistens vernünftig, hilfsbereit, vielseitig interessiert und diszipliniert... Und es tut weh, zu merken, dass ich dieser Mensch momentan nicht bin. Aber sollte ich nicht wieder versuchen, so zu werden? Natürlich akzeptieren, dass ich nicht fehlerfrei bin und versuchen, mich nicht zu hassen, und trotzdem die beste Version meiner selbst werden wollen?