Ich denke einfach, dass viele Leute einen unsichtbaren Gesellschaftsdruck verspüren, der sie dann so extrem prahlen und vielleicht sogar Sachen erfinden lässt. Wenn mir Leute irgendwie "verkaufen" wollen, sie hätten 30-40 Freunde (hier im Forum war ja auch mal jemand, der das behauptet hat), dann frage ich mich immer, wie das möglich sein soll, diese Kontakte alle auf dem gleichen Level zu halten. Da muss es zwangsläufig Gradierungen geben, sprich dass ein Großteil vielleicht Verwandte, Nachbarn, Bekannte sind... und vielleicht nur ganz wenige wirklich gute Freunde (oder eben sogar gar keine!!!).
Auch wenn es vielleicht misanthropisch klingt, aber ich glaube den Leuten längst nicht mehr alles. Viele übertreiben. Da werden dann Arbeitskollegen oder Nachbarn, wo man nur mal sich zum Kaffee vielleicht bestenfalls trifft, zum best friend hochstilisiert. Ich decke ja im Endeffekt vielfach diese Übertreibungen, teilw. sind es sogar Lügen, regelrecht auf bei den Leuten, weil man es entweder explizit mal mitbekommt, dass da kontakttechnisch nicht so viel geht, wie behauptet wurde, oder weil ich eben dann mal die andere Seite zu hören bekomme, sprich die Person, die als super-duper-mega-geiler Freund hingestellt worden ist. Tja, traurig aber wahr, das meiste kriege ich raus. 😉
Von dem her sind mir dann wirklich Leute lieber, die von vornherein authentischer sind und dann eben auch durchaus zugeben, dass sie eher einen kleinen Kreis haben. Was ist daran schlimm, wenn's gut läuft? Ich meine, realisieren lassen sich sogenannte Freundeskreise mit 20-40 Personen doch auch gar nicht. Will man denn nur noch an der Strippe hängen oder die "angeblichen Freunde" abfertigen, wie es die Fachärzte mit Kassenpatienten machen, so alle im 10 Minutentakt oder wie??? lol... tut mir leid, ich gerade einen Lachanfall ob dieses Gedankens. 😀
Na, ich würde an vieler Leute Stelle einfach mal weniger glauben und auch mal mehr rational abwägen, ob das alles so stimmen kann (20-40 Leute, wie soll das gehen? wenn jemand berufstätig ist, wie intensiv sollen diesen Kontakte dann sein usw.).
Ich halte das ehrlich gesagt für kaum machbar, mit mehr als max. 7-8 Leuten wirklich enger im Kontakt zu stehen und selbst das ist schon überzogen jetzt. Diese Anzahl an Leuten hatte ich durchaus mal. Allerdings kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, dass selbst bei dieser vergleichsweise geringen Anzahl schon auch Leute bei mir untergegangen sind oder ich sie immer auf andere Wochenenden vertrösten musste.
Gerade Leute, die viel arbeiten - brauchen die nicht auch mal Erholung? Also die Leute aus meinem näheren Umfeld verbringen auch mal ganze Abende daheime oder auch am Wochenende machen nicht alle immer rigoros Action. 😀
Ob das jetzt taktlos ist, dass jemand vom angeblich so überwältigenden Freundeskreis schwärmt, lass ich mal dahin gestellt. Ich denke einfach, die Leute übertreiben bloß. Vielleicht aus einem eigenen Minderwertigkeitsgefühl heraus oder weil es angeblich so en vogue ist, mit dem halben Stadtviertel befreundet zu sein. *rofl* Viele setzen viel mit geil gleich oder denken, sie werden populärer, umso mehr Leute sie haben. Solche Erzählungen über den und den Freund und dann noch wieder diesen Freund erinnern mich immer an mein "Haus, mein Auto, meine Yacht, meine Tiere". Das hat so was mit Zurschaustellung von Statussymbolen zu tun. Ich meine, es wird bei Bourdieus sozialem Kapital ja auch postuliert, dass je mehr man davon hat, desto besser steht man im Grunde da. Es wird bloß selten hinterfragt, ob das soziale Netzwerk denn wirklich so toll ist. Spätestens wenn man physisch oder psychisch erkrankt, sieht man dann, ob die Freunde wirklich so megageil sind oder ob man sich den Super-GAU damit eingefangen hat. 😉
Also ich würde diese "Möchtegern-Popularity-Contests" nicht ernst nehmen. Mich beeindruckt das nicht, wenn jemand mehrere Dutzend Leute hat. Dann denke ich mir immer: schön, eine erhöhte Quantität ersetzt keine Qualität und letztere kann bei wahllosem Pilzesammeln von Kontakten einfach nicht gegeben sein. Wie will man die Leute intensiver kennen lernen, wenn man jedem nur eine begrenzte Menge an Zeit offerieren kann!
Mich persönlich schreckt das auch eher ab, wenn ich Leute kennen lerne, die so einen gigantischen Freundeskreis ihr eigen nennen. Da denke ich mir dann auch immer: wo ist da der Platz für mich noch? Muss ich mir den irgendwie erkämpfen mit irgendwas? *kicher* --- und wenn ich mich bei Freunden irgendwie fühle, wie der GKV-Patient beim Facharzt, dann ist das für mich auch kein erfolgreiches Fundament, um damit weiterhin die Schiene der Freundschaft zu befahren und mal die nächsten Bahnhöfe anzufahren und dort neue Fundamente anzulegen...