In vielen Fällen ist der Selbstmord das traurige Ergebnis einer schweren Depression, die dringend behandlungsbedürftig gewesen wäre. In ganz tragischen Fällen - siehe damals Robert Enke - kommt es trotz Therapie zum Suizid.
Die Fälle, in denen jemand im Vollbesitz seiner geistigen und psychischen Kräfte einen sog. Bilanzselbstmord begeht, sind nach meiner Wahrnehmung seltener. Andererseits kann Selbstmord als untauglicher Versuch auch darauf hinweisen, dass jemand hysterisch ist und sich auf diese Weise Aufmerksamkeit verschaffen möchte. Auch Jugendliche in Pubertätskrisen sind schnell geneigt, zum Äußersten zu gehen, oder Menschen, die sich in ihren Liebeskummer hineinsteigern.
Von Flucht würde ich so schnell nicht reden. Das ist eine bequeme Ausrede für Menschen, deren Gleichgültigkeit dazu beigetragen hat, dass ein Mitmensch sich immer einsamer fühlt und bei schweren Problemen oder Sorgen keinen anderen Ausweg mehr sieht, als sich umzubringen. So mancher, wenn auch nicht jeder, Selbstmord könnte verhindert werden, wenn die Menschen sich mehr umeinander kümmern würden - auch dann, wenn man sich keinen "Spaß" und keine persönlichen Vorteile davon versprechen kann. Viele pflegen doch heute nur noch ihre Renommierbekanntschaften mit Leuten, die den gängigen Erfolgsmaßstäben entsprechen und mit denen sie angeben können, und bezeichnen das als Freundschaft.🙄 Sobald jedoch der angebliche Freund größere oder langwierige Probleme zu schultern hat (Arbeitslosigkeit, berufliche oder private Erfolglosigkeit, schwere Krankheit oder andere Schicksalsschläge mit "chronischen" Folgen), zieht man sich allmählich immer mehr zurück, hat einfach nie Zeit für ihn und lässt ihn auf diese Weise möglichst geräuschlos fallen - eine moderne und sehr verbreitete Form von seelischer Grausamkeit.
Nach meinen persönlichen Erfahrungen reicht es für einen Rückzug der Mitmenschen ja schon aus, wenn man zwar beruflich durchaus etwas erreicht hat, seinen Lebensunterhalt ohne Weiteres allein bestreiten kann und seinen Mitmenschen gegenüber auch freundlich, interessiert und hilfsbereit ist, aber z.B. (kumulativ)
- nicht die riesengroße Karriere gemacht hat und diese auch nicht mehr machen wird
- nie geheiratet und keine eigene Familie hat (nur Wochenendbeziehung) und auch nicht im schicken Eigenheim lebt
- körperlich nicht allzu attraktiv ist (Übergewicht oder sonstige Gründe)
- sehr unsportlich ist und solche Aktivitäten also nur äußerst ungern mitmacht bzw. manche auch gar nicht mitmachen kann
- zurückhaltender und introvertierter ist als der Durchschnitt
- von Kindheit an chronisch kranke engste Angehörige hatte, sodass bereits die Kindheit dadurch geprägt und belastet war
- nicht mit einem großen Freundeskreis, der aus erfolgreichen Menschen besteht, aufwarten kann
- in nach heutigen Maßstäben vergleichsweise bescheidenem Rahmen Urlaub macht (nur deutschland- und allenfalls europaweit, keine Fernreisen, wie heute üblich, um "mitreden" zu können)
- ein enger Angehöriger psychisch schwer krank (Psychose) ist und man ihn nicht zu einer Behandlung zwingen kann (wie im hier schon mehrfach geschilderten Fall meiner Schwester), aber die eigene Lebensqualität dadurch massiv beeinträchtigt wird
etc.
Wie soll das dann erst gehen, wenn man auch noch dauerarbeitslos ist, nur ganz wenig Geld hat, selber schwer krank ist? Ist doch kein Wunder, wenn ein Mensch, der nicht mal Kontakt zu Arbeitskollegen und Nachbarn und vielleicht auch sonst nichts hat, was ihm Halt gibt (wie z.B. der christliche Glaube), sich dann eines Tages bei einem erneuten Schicksalsschlag umbringt. Wer das dann als Flucht bezeichnet, macht es sich verdammt einfach.