Hallo,
die Tage kam es in einem Gespräch zum Thema Selbstmord.
Hier meinte jemand, daß Selbstmord eine Flucht sei.
Der Mensch würde von sich selbst flüchten, sich aus der Verantwortung ziehen, egoistisch sein, sich den Aufgaben nicht stellen oder es sich einfach machen.
Ich habe darüber nachgedacht, wer sich in meinem Umfeld selbst getötet hat und was die Gründe gewesen könnten.
In meiner Jugend war das R. ein Jahr jünger als ich, ich ware damals kurz vor 18 und im selben Verein. Er war auch ein Außenseiter, hatte einen sehr strengen Vater, was der von seinem Umfeld gehänselt wurde, konnte ich seine tat verstehen. Ca. 25 Jahre später hat sich sein Vater an der gleichen Stelle erhängt.
K. von seiner Tat war ich überrascht, im nachhinein wurde mir aber seine Depression bewusst.
Anfang 20 war es R. der war echt nett 🙂 ich habe mich immer gut mit Ihm verstanden, er war immer hilfsbereit und optimistisch. Ob es hier ein Kurzschluß war... Im Nachsagen hieß es, er wollte eine Beziehung zu einer Frau, die aber einen anderen wollte.
Sehr überrascht war ich über den Selbstmord meiner Schwesters Nachbar.
Seine Frau war die Kindergartenleiterin im selben Haus, wo sie auch wohnten, auf Geburtstagen hat der Mann immer voller Ideen, hat sehr viel für die Kinder gebastelt...
Für mich selbst ist Selbstmord keine Flucht, wenn ich im Leben vermeintlich mein Bestes gebe, mich ausprobiere, zu Aufgaben von mehreren Seiten eine Lösung suche, immer wieder neues probiere, scheinbar alles dabei falsch ist, kann ich so eine Entscheidung verstehen.
Ich finde es eher eine mutige Entscheidung, denn sie kostet das Leben.
Gruß Hajooo
PS: Die Umfrage muß nicht beantwortet werden 😉
Ich habe jetzt nicht die restlichen Antworten gelesen, möchte aber mal, aus der Perspektive einer Psychisch Kranken, meine Meinung dazu aufschreiben....
Ich glaube Selbstmord steht an der Stelle an der die Überforderung und Hoffnungslosigkeit restlos über den Kopf gewachsen und ein Mensch absolut am Ende seiner Kräfte ist. Wer psychisch krank ist, der ist auch irgendwann sehr ernüchtert über seine Möglichkeiten, bzw. er sieht keine mehr in dem Hilfesystem. Entweder es ist zu schwer überhaupt an Hilfe zu kommen oder aber man hat bereits alles versucht. In letzterem Fall hat man die Medikamente genommen, sich um Hilfe bemüht, verschiedene Stellen aufgesucht... auf dem Papier hört sich vieles so toll an und es scheint ganz viel Hilfe und Aussicht auf Besserung zu geben. Vielleicht hat man auch noch Hoffnung die eigenen Mitmenschen würden doch noch Unterstützung und Hilfe anbieten und man wäre nicht mehr so allein mit allem, wenn sie nur wüssten wie es einem wirklich geht. Kommt dann jedoch die Ernüchterung, dass man sich seiner Familie, Ärzten, etc. offenbart hat, aber dennoch allein gelassen wird, ist das wohl der unterste Punkt Hoffnungslosigkeit. Und so läuft es leider gar nicht selten. Man stellt fest, dass selbst wenn man sich um Hilfe bemüht hat, die Möglichkeiten in vielen Fällen leider doch sehr begrenzt sind... Ich war zum Beispiel lange in einer Klinik, was auch gut war. Doch am Ende war ich eben doch wieder ganz allein mit mir und meiner Situation. Seither nehme ich Medikamente und gehe durchgehend zur Therapie und zum Facharzt, aber da bekomme ich keine tatsächliche Hilfe die mir in meinem Alltag hilft. Und die Depression ist noch immer voll da. Ich bin so müde... Menschliche Wärme, Beistand, das Gefühl gewollt, geliebt und gebraucht zu sein, gibt es eben nicht auf Krankenkassen-Rezept. Viele psychisch Kranke sinken auch existentiell immer tiefer, verlieren alles, stehen irgendwann bei null, ohne Chance wieder in ein normales Berufsleben und damit auch finanzielle Sicherheit zurückzukehren. Auch dafür bietet das öffentliche System kaum Lösungen. So geht es mir gerade. Ich habe im Verlauf meiner Erkrankung nun notgedrungen alle Ersparnisse verbraucht, alles verloren, habe Schulden und keine Chancen mehr auf dem Arbeitsmarkt, weil ich zu lange krank war. Und auch, weil ich nach meinem Zusammenbruch und Burnout gar nicht mehr in der Lage bin mich wieder für so einen Knochenjob wie früher zur Verfügung zu stellen. Unser Arbeitsmarkt ist doch gnadenlos geworden... wehe Du wirst krank! Ich bin deshalb entlassen worden. Und wehe man hat dann wie ich eine Lücke im Lebenslauf = keine Chance mehr. Denn als Arbeitnehmer soll man ja hoch belastbar sein und darf möglichst nie krank werden. Wer stellt einen dann also noch ein, wenn man bereits länger krank gewesen oder sonst wie eine Weile aus dem Arbeitsmarkt gefallen ist?
Hinzu kommt noch, dass sich nicht selten die Mitmenschen nach und nach komplett distanzieren, wenn man psychisch nicht mehr so funktioniert und ihnen eine Weile lang nicht mehr das bieten konnte was sie von einem erwarten. Vor psychischen Erkrankungen weichen viele ja ohnehin zurück und wollen lieber keine Berührung damit haben. Wer seelische Probleme hat, gerät also nicht selten in immer schlimmere Isolation und Einsamkeit. Ein Teufelskreis... Denn je tiefer man in die Depression sinkt und je weniger man funktioniert, desto mehr wenden sich die Mitmenschen von einem ab... und desto hoffnungsloser und trauriger wird man.
Das alles funktioniert wie eine Lawine... die Probleme nehmen zu und zu... bis der Schneeberg hinter einem immer riesiger wird und einen schließlich komplett unter sich begräbt.
Ich glaube Suizid begeht jemand der keine Chancen mehr für sich sieht, der von seiner Hoffnungslosigkeit und seinem unerträglichen Schmerz komplett überrollt wird. Das ist keine Flucht und hat mit Feigheit nichts zu tun. Höchstens ist es ein Kapitulieren vor einem riesigen Leid welches nicht mehr zu ertragen ist und dessen Sinn man nicht mehr sieht.
Aber was urteilen wir eigentlich über Menschen und deren Gründe keinen Ausweg mehr zu sehen? Wäre es nicht besser stattdessen zu überlegen wie man konkret helfen, für jemanden da sein und wieder Hoffnung geben kann?