Höchstwahrscheinlich habe ich den längsten Teil meines Lebens hinter mir. Und weil mir das hin und wieder bewusst wird, stelle ich immer wieder fest, dass ich ein wenig neidisch auf Menschen und ihren Glauben an einen/viele Gott/Götter bin, denn für mich ist die Chance relativ hoch, dass mein letzter Atemzug das finale Ende meiner Existenz sein könnte. Ok, ein wenig Hoffnung besteht noch, dass "Energie" etwas viel komplexeres sein könnte, als wir bisher begreifen und dass der Energieerhaltungssatz noch viel weitreichendere Folgen haben könnte, als mir mein Physiklehrer weiß machen wollte, aber es ist nur ein Gedanke.
Jemand hat mir einmal gesagt, dass Glauben nichts anderes bedeutet, als sich für seinen Glauben zu entscheiden und daran festzuhalten. Glaube beflügelt, Glaube kann Mut machen, Glaube kann einen besseren Menschen aus mir machen. Das habe ich schon mehrfach erlebt. Was also spricht dagegen? Wenn der Glaube so viel Gutes bewirken kann, dann wäre es doch völlig dämlich nicht zu glauben. Und die Angst vor dem Tod reduziert sich auf ein Schulterzucken, denn vielleicht hatte Dietrich Bonhoeffer ja doch recht: "Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag." Wie oft haben mich die Worte meiner Oma als Kind vor meinen Albträumen bewahrt und meinen Glauben gestärkt.
Aber seit einigen Jahren bin ich erwachsen. Ich habe die Macht von Gedanken und Visionen in vielen anderen Zusammenhängen erfahren. Manchmal bin ich erschrocken, manchmal war ich froh und noch vieles mehr. Aber mein kindlicher Glaube ist mit den Jahren immer stiller geworden. Heute ist er nur noch eine sehnsuchtsvolle Erinnerung, Vergangenheit. Die Beliebigkeit meiner Erfahrungen hat meinen Glauben begraben, langsam verschüttet. Was macht mein Glaube für einen Unterschied? Ist "an den Weihnachtsmann glauben" weniger? Warum komme ich in die Hölle, nur weil ich nicht katholisch bin? So viele Fragen, auf die ich keine Antwort finde. Aber inzwischen brauche ich diese Antworten auch nicht mehr, denn ich kann auch ohne die Fragen leben. Ja, vielleicht bin ich manchmal etwas niedergeschlagener, als zu den Zeiten, als ich gläubig war. Vielleicht frage ich mich heute häufiger: "Was soll der Sch...ß"?! Weil ich nicht mehr darauf vertraue, dass alles
seine Richtigkeit haben wird. Und dann flüstert so eine Stimme in mir: "Ist 'an Gott glauben' dann vielleicht doch nur Egoismus, damit Du Dich nicht so fürchten musst und Deine Einsamkeit nicht so sehr spürst?". Auch darauf habe ich keine Antwort.
PS: Liebe
@Eva, Dein "Angriff an die Ungläubigen" hat mir einen Lachanfall beschert, danke dafür. Das meine ich nicht zynisch oder abfällig. Wer heute alles "ungläubig" ist und zu den "Ungläubigen" zählt und ich sitze jetzt auch in dieser Schublade und drücke mir den Hintern platt. Ich bin eine "Ungläubige"!! Und es macht keinen Sinn, mit mir darüber zu reden. Jo, hmmm, also ... da fehlen mir jetzt doch ein wenig die Worte. Muss Glaube wirklich etwas Elitäres sein, das wertet und ausgrenzt? Na ja, dann schauen wir mal, ob die Kojen im Himmel Namensschildchen haben.
Aber eines weiß ich: es kommt der Moment der Wahrheit. Ein wenig gespannt bin ich dann doch, auch wenn ich gerne noch ein Weilchen hier sein möchte, denn das hier ist mein Leben. Und zu lieben ist das, was meinem Leben Sinn gibt, auch wenn diese Erde in ein paar Milliarden Jahren verglühen wird. Ein paar Fragen nerven mich heute nicht mehr so sehr und das ist durchaus in Ordnung. Und wenn es wirklich diesen Gott der Liebe gibt, wird er dann tatsächlich eine himmlische Grenzkontrollbehörde am Start haben, die mies gelaunte Engel Schalterdienst in der Eingangskontrolle schieben lässt? Aber was weiß ich schon!? Mal sehen, was da noch kommt.