Ich kann vielleicht ein bisschen von dem Tag berichten, seht es mir aber nach, wenn es etwas wirr und unverständlich ist. Das ganze hat mich ziemlich mitgenommen.
Auch ich musste mich schon vor Prozessbeginn mehrmals auf die Toilette begeben, weil mir schlecht war. Ich nahm am Morgen einiges an Bedarfsmedikation, um überhaupt die Nerven zu behalten. Vor dem Gericht, etwas früher, empfing mich meine Anwältin und meine Prozessbegleitung. Meine Aussage konnte ich dann vorab vor zwei Richtern machen. Sie befragten mich zum Abend und natürlich zur Tat. Überall dort, wo ich mich erinnern konnte, sagte ich das, was ich wusste. Dort wo ich meiner Erinnerung nicht sicher war oder auch Dinge einfach gar nicht mehr erinnerte, sagte ich dies ebenfalls genau so. Meine Aussage dauerte gefühlt sehr lange und ging auch doch sehr unangenehm ins Detail. Aber dies musste so sein, da sich die Richter natürlich ein Gesamtbild machen mussten. Danach ging es mir erstmal ziemlich schlecht und ich wusste nicht, ob ich noch mit an der Verhandlung teilnehmen kann, weil ich mich sehr häufig übergeben musste, obwohl schon gar nichts mehr raus kam. Aber ich wollte dies und tat dies auch.
Anwesend waren zwei Richter, ein Staatsanwalt und zwei Schöffen. Als die Anklageschrift vorgetragen wurde, wurde mir erneut schlecht, was mir ziemlich peinlich war. Aber niemand war mir deshalb böse.
Der Täter äußerte sich nicht dazu. Die ganze Zeit über nicht. Stattdessen ließ er zunächst seinen Anwalt sprechen. Was dann kam, hat mir im ersten Moment die Schuhe ausgezogen. Der Täter könne es nicht gewesen sein, er habe die Diskothek frühzeitig verlassen wofür es auch einen Zeugen gab. Meine Anwältin, eine echte Löwin, schütze mich. Später korrigierte dieser Zeuge seine Aussage.
Wie heisst es noch gleich: Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Händen. Und so war es, so fühlte sich dies an.
Es waren zwei Türsteher geladen, die zwar nicht mehr bezeugen konnten, dass ich die Diskothek zusammen mit dem Täter verließ, die aber meine Aussage, dass er mich schon früher belästigte und er scheinbar auch darüber hinaus schon mehrfach wegen Sexueller Belästigung aus dem Laden flog, bestätigten. Es war ein weiterer Zeuge geladen, der bestätigen konnte, dass mich in den frühen Morgenstunden nach der Tat verwirrt und verletzt gesehen zu haben. Er hatte damals wohl ca. eine Stunde nachdem er mich sah die Polizei informiert, weil er sich scheinbar Sorgen machte. Dieser Anruf konnte bestätigt werden. Ich selbst konnte mich nur dunkel an diesen Mann erinnern, weil er mich angesprochen hatte.
Aus der Ermittlungsakte ging hervor, dass die Wohnung, in die er mich zu sich einlud, gar nicht seine ist, sondern die seiner Mutter. Das hat mich ziemlich schockiert. Die Mutter selbst konnte nicht für ihn Aussagen, da sie scheinbar im Pflegeheim lebt. Aber so ganz bekomme ich seine Lebensverhältnisse nicht wieder zusammen. Das medizinische Gutachten aus der anonymen Beweissicherung und der Krankenhausbericht haben bestätigen können, dass ich die Wahrheit sagte. Weil ich meine Aussage bzw. die Anzeige erst so spät machte, wollte der Anwalt des Täters darauf hinaus, dass meine Erinnerungen nicht stimmen. Damit kam er aber nicht durch, da auch das Glaubwurdigkeitsgutachten im Rahmen des OEG meine Glaubwürdigkeit schon damals bestätigte und auch das medizinische Gutachten mit meinen Schilderungen und Verletzungen übereinstimmte. Da seine Spuren auf meiner Kleidung sowie auch in mir drin und dran nachgewiesen werden konnten, ließ dies keine Zweifel offen und das, obwohl ich mich nicht mehr an alles erinnern kann und bis heute nicht weiß, wie ich nach Hause gekommen bin. Ausserdem veranlasste meine Anwältin eine Begutachtung des Täters, woraus u.a. hervor ging, dass er eine Neigung zu sexuellen Gewaltfantasien hat. Auch ist er wohl früher schon mehrfach wegen kleineren Delikten aufgefallen. Meine beste Freundin (wenn sie das noch ist) konnte bestätigen, dass ich niemand bin, der sich in besonderer Weise an Typen ranschmeisst, denn das wurde mir unterstellt und sie konnte auch bezeugen, dass ich mich ihr anvertraute. Auch konnten Nachrichten, die der Täter mir nach der Tat schrieb in Teilen nachgewiesen bzw. auf ihn zurückgeführt werden. Leider nicht alle, sodass hier Zweifel offen blieben. Auch kam heraus, dass meine beste Freundin Kontakt zum Täter hatte.
Nachdem dies alles auf den Tisch kam, zog sich der Anwalt mit dem Täter zurück. Während dieser Pause hatte ich das Gefühl umzukippen. Aber meine Anwältin und meine Prozessbegleitung haben sich gut um mich gekümmert. Nach der Pause wendete sich das Blatt und plötzlich räumte der Täter Teile der Taten ein. Nur das, was auch nachgewiesen werden konnte. Dass er mir unmengen Wasser ins Gesicht schüttete, konnte nicht mehr zweifelsfrei bewiesen werden. Er gestand also und wollte dann darauf hinaus, dass er zu betrunken war und sich nicht mehr richtig erinnerte. Damit widersprach er sich aber in seiner vorherigen Aussage und es widersprach sich auch mit den Handlungen, die er generell und an mir vollzog. Er räumte dann später noch mehr ein, aber das sprengt hier dann doch den Rahmen. Das Gutachten bestätigte auch, dass ich ihn am Bein verletzt habe und deshalb blieben am Ende keine Zweifel bestehen, dass er mir das angetan hat. Die Tatsache, dass ich wegen ihm eine PEP machen musste, wertete das Gericht als perfide.
Nachdem das Urteil gesprochen wurde, hatte er das letzte Wort, aber er sagte nichts. Er sagte die ganze Zeit einfach nichts. So laut und gemein er immer in meinem Kopf herumspukte, mich auslachte, so klein und still war er an diesem Tag. Klein mit Hut, wie meine Anwältin es mir versprochen hatte.
Ich fühlte danach erstmal gar nichts, war wie eingefroren. Und so geht es mir jetzt eine Woche später auch noch.
Ich habe sicherlich einiges jetzt vergessen zu erwähnen oder nicht in der korrekten Reihenfolge, aber zusammengefasst war dies der Tag, vor dem ich mich so sehr habe gefürchtet. Geschrieben klingt es wahrscheinlich harmlos, aber das Ganze hat mich viel Kraft gekostet und einen Teil von mir unwiederbringlich gebrochen. Vieles kam und kommt wieder hoch, was ich dachte verarbeitet zu haben.
Was ich aber wichtig finde ist:
Ich hatte bis zu diesem Tag immer in meinem Kopf, dass es dort um mich geht, ich dort auf der Anklagebank sitze und tausend schlimme Fragen über mich ergehen lassen muss. Erst dort vor Ort realisierte ich, dass ich "lediglich" Zeugin und auch Nebenklägerin bin und nicht ich mich vor Gericht für das, was mir passierte, verantworten muss. Das musste alleine er.
Sein Albtraum endet, wenn es gut für ihn läuft, nach 6,5 Jahren. Meiner endet niemals. Ich habe einen Teil von mir, meiner Persönlichkeit, verloren und auch für mich sehr wichtige Menschen. Das wiegen diese Jahre niemals auf.
Vielleicht hilft meine Niederschrift dem ein oder anderem Mädchen, ihren Weg zu gehen.
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