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Gerichtstermin - die Uhren stehen still

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Ich habe es jetzt nochmal versucht und ein bisschen ging es auch. Ich stehe mir da selbst im Weg, weil ich glaube zu wissen was mir blüht, wenn ich in die ZNA gehe. Der Leidensdruck ist noch nicht groß genug, um mich zu überwinden.

Novalgin bekomme ich nicht ohne Rezept, sprich für heute muss es mit Ibuprofen noch gehen. Schmerzen habe ich eigentlich nicht wirklich, eher Druck. Von den Nieren geht aber kein Schmerz mehr aus, vielleicht auch eher nur eine Art Druckgefühl. Alles in Allem also aushaltbar und viel weniger schlimm als heute Nacht.
Ich denke, dass dies eine Kopfsache ist. Die ganze Sache mit dem Prozess hat mich doch mehr mitgenommen als ich das mir eingestehen will. Jetzt erst spüre ich, was ich während dieser Stunden erfolgreich von mir wegschieben konnte.
Alle Hilfe der Welt ist gut. Mir würde schon reichen, darüber sprechen zu können. Aber irgendwie steckt das alles in mir drin fest - so wie jetzt auch die Pipi. Wenn ich die Wand aber in mir einreissen ließe, ich glaube das brächte mich um.
Ich möchte am liebsten einfach jetzt gesund sein, mich nicht mit so blöden Dingen rumschlagen müssen und mein Leben sortiert bekommen. Ich will mit all dem was war nichts mehr zutun haben. Grosse Veränderungen, positive Veränderungen, spüre ich noch keine. Aber ich stehe ja nun auch erst am Anfang.
 
Vielleicht bekämst du novalgin.
vielleicht hat das sonst wer im umfeld?
vielleicht würdest du in der zna erzählen können was noch feststeckt.
 
Das ist es nicht. Ich bekomme es nicht sortiert. Schwer zu erklären, mir aber nicht fremd. Ist auch nicht so wichtig. Meine Nieren schon. Vielleicht ist es morgen wieder gut.
 
Ein Nierenleiden ist keine Kleinigkeit und mehr als 12 Std nicht Pinkeln führt mit hoher wahrscheinlichkeit zu Problemen. Mir ist unklar, warum Du nicht direkt in die ZNA gehst? Ich würde da keine Sekunde überlegen, bevor ich so ein Risiko für meinen Körper eingehe.
 
Hallo Grisou,
ich fühle mich nicht tot, ich fühle mich irgendwie kaputt, wie eine Uhr, die nicht mehr funktioniert oder eine gebrochene Vase.
Morgen liegt der Prozess bereits eine Woche hinter mir und alles fühlt sich noch immer so an, als sei dieser Albtraum noch nicht vorbei.

Schuldgefühle ihm gegenüber habe ich keine. Dafür hat er zu viel zerstört. Aber ich habe sie meinem Umfeld gegenüber. Leider lassen sich Uhren nicht zurück drehen, auch nicht kaputte.

Meine große Angst war es immer, dass man mir nicht glauben würde. Und rückblickend betrachtet, ist nicht einmal die Tat selbst das Schlimmste, sondern der Umgang meiner sozialen Kontakte damit. Vor ihnen muss und musste ich mich immer wieder rechtfertigen und diese Angst übertrug ich dann auf alles andere. Ich hatte Angst, meine Anwältin könnte mir nicht glauben, ich hatte Angst, meine Therapeuten könnten mich in Frage stellen, ich hatte Angst, die Polizei glaubt mir nicht und ich hatte Angst, das Gericht tut dies ebenfalls nicht. Aber so war es nicht. So war es nie. Sie alle glaubten mir, haben mich ernst genommen und auch trotzdem immer meine Grenzen respektiert. Es war und ist das persönliche Umfeld, das an mir zweifelte und zweifelt, mich immer wieder Beweise erbringen ließ, dass all dies passiert und passierte...

Und selbst jetzt, wo von offizieller Seite ganz eindeutig festgestellt wurde, dass ich nicht verrückt bin, ich keine Schuld habe und ich nie übertrieben habe, ja sogar ein Urteil gesprochen wurde, verlangt mein Umfeld Beweise, für die ich wieder einmal über meine intimsten Grenzen hinaus gehen muss, um sie zu erbringen, die auch meine Schuldgefühle aufrecht halten und das, damit sie selbst ihren Frieden oder ihre Befriedigung finden und ich sie nicht verliere.

Meine beste Freundin, sie hatte Kontakt zum Täter. Das hat mein Vertrauen erneut wieder sehr erschüttert. Ich weiß selbst nicht mehr, wem ich noch trauen und glauben darf.

Nach der Tat konnte und wollte ich Menschen nie wieder in mein Leben lassen, ich habe es dennoch wieder getan und wurde wieder enttäuscht.

Das Grisou, das ist das Schlimmste, ein Albtraum und eine wohl never ending horror Story.

Was jetzt zurück bleibt ist Enttäuschung und irgendwie auch Trauer und das fortwährende Gefühl noch immer nicht glaubwürdig genug zu sein. Das ist das, was mich kaputt macht. Dennoch fühle ich mich besser, weil ich mich sicherer fühle und gehört. Und weil ich weiß, dass es einen Weg dort raus gibt - wenn auch als ein anderer Mensch.

Meine Therapeutin, die mich am Freitag nach dem Prozess empfing, fragte mich, wie es mir nun geht und ich berichtete ihr. Sie entschuldigte sich bei mir, weil ihr ein paar Tränen kamen. Das zeigte mir, wie viel in mir doch kaputt ging, denn nicht ihr hätten die Tränen kommen sollen, sondern mir. Aber stattdessen weine ich an Orten und Stellen, wo es überflüssig, "zu viel" und unangebracht ist und an Stellen, wo es vielleicht mal nötig wäre, spüre ich nichts und bin taub.

Meine Mutter sagte damals, als ich ihr mich anvertraute: "Kind, trags mit Fassung".
Das werde ich nun tun. Etwas anderes bleibt mir auch nicht übrig.

Er bekam 6,5 Jahre. Aber darum geht und ging es mir nicht, denn keine Zahl macht mich wieder "ganz".
 
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Meine Mutter sagte damals, als ich ihr mich anvertraute: "Kind, trags mit Fassung".
Das werde ich nun tun. Etwas anderes bleibt mir auch nicht übrig.

Er bekam 6,5 Jahre. Aber darum geht und ging es mir nicht, denn keine Zahl macht mich wieder "ganz".

6,5 Jahre ist aber etwas in einem Land, in dem es fast nur Kuscheljustiz gibt, da haben sich Deine Strapazen wenigstens gelohnt.
 
Ich kann vielleicht ein bisschen von dem Tag berichten, seht es mir aber nach, wenn es etwas wirr und unverständlich ist. Das ganze hat mich ziemlich mitgenommen.

Auch ich musste mich schon vor Prozessbeginn mehrmals auf die Toilette begeben, weil mir schlecht war. Ich nahm am Morgen einiges an Bedarfsmedikation, um überhaupt die Nerven zu behalten. Vor dem Gericht, etwas früher, empfing mich meine Anwältin und meine Prozessbegleitung. Meine Aussage konnte ich dann vorab vor zwei Richtern machen. Sie befragten mich zum Abend und natürlich zur Tat. Überall dort, wo ich mich erinnern konnte, sagte ich das, was ich wusste. Dort wo ich meiner Erinnerung nicht sicher war oder auch Dinge einfach gar nicht mehr erinnerte, sagte ich dies ebenfalls genau so. Meine Aussage dauerte gefühlt sehr lange und ging auch doch sehr unangenehm ins Detail. Aber dies musste so sein, da sich die Richter natürlich ein Gesamtbild machen mussten. Danach ging es mir erstmal ziemlich schlecht und ich wusste nicht, ob ich noch mit an der Verhandlung teilnehmen kann, weil ich mich sehr häufig übergeben musste, obwohl schon gar nichts mehr raus kam. Aber ich wollte dies und tat dies auch.
Anwesend waren zwei Richter, ein Staatsanwalt und zwei Schöffen. Als die Anklageschrift vorgetragen wurde, wurde mir erneut schlecht, was mir ziemlich peinlich war. Aber niemand war mir deshalb böse.
Der Täter äußerte sich nicht dazu. Die ganze Zeit über nicht. Stattdessen ließ er zunächst seinen Anwalt sprechen. Was dann kam, hat mir im ersten Moment die Schuhe ausgezogen. Der Täter könne es nicht gewesen sein, er habe die Diskothek frühzeitig verlassen wofür es auch einen Zeugen gab. Meine Anwältin, eine echte Löwin, schütze mich. Später korrigierte dieser Zeuge seine Aussage.

Wie heisst es noch gleich: Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Händen. Und so war es, so fühlte sich dies an.

Es waren zwei Türsteher geladen, die zwar nicht mehr bezeugen konnten, dass ich die Diskothek zusammen mit dem Täter verließ, die aber meine Aussage, dass er mich schon früher belästigte und er scheinbar auch darüber hinaus schon mehrfach wegen Sexueller Belästigung aus dem Laden flog, bestätigten. Es war ein weiterer Zeuge geladen, der bestätigen konnte, dass mich in den frühen Morgenstunden nach der Tat verwirrt und verletzt gesehen zu haben. Er hatte damals wohl ca. eine Stunde nachdem er mich sah die Polizei informiert, weil er sich scheinbar Sorgen machte. Dieser Anruf konnte bestätigt werden. Ich selbst konnte mich nur dunkel an diesen Mann erinnern, weil er mich angesprochen hatte.
Aus der Ermittlungsakte ging hervor, dass die Wohnung, in die er mich zu sich einlud, gar nicht seine ist, sondern die seiner Mutter. Das hat mich ziemlich schockiert. Die Mutter selbst konnte nicht für ihn Aussagen, da sie scheinbar im Pflegeheim lebt. Aber so ganz bekomme ich seine Lebensverhältnisse nicht wieder zusammen. Das medizinische Gutachten aus der anonymen Beweissicherung und der Krankenhausbericht haben bestätigen können, dass ich die Wahrheit sagte. Weil ich meine Aussage bzw. die Anzeige erst so spät machte, wollte der Anwalt des Täters darauf hinaus, dass meine Erinnerungen nicht stimmen. Damit kam er aber nicht durch, da auch das Glaubwurdigkeitsgutachten im Rahmen des OEG meine Glaubwürdigkeit schon damals bestätigte und auch das medizinische Gutachten mit meinen Schilderungen und Verletzungen übereinstimmte. Da seine Spuren auf meiner Kleidung sowie auch in mir drin und dran nachgewiesen werden konnten, ließ dies keine Zweifel offen und das, obwohl ich mich nicht mehr an alles erinnern kann und bis heute nicht weiß, wie ich nach Hause gekommen bin. Ausserdem veranlasste meine Anwältin eine Begutachtung des Täters, woraus u.a. hervor ging, dass er eine Neigung zu sexuellen Gewaltfantasien hat. Auch ist er wohl früher schon mehrfach wegen kleineren Delikten aufgefallen. Meine beste Freundin (wenn sie das noch ist) konnte bestätigen, dass ich niemand bin, der sich in besonderer Weise an Typen ranschmeisst, denn das wurde mir unterstellt und sie konnte auch bezeugen, dass ich mich ihr anvertraute. Auch konnten Nachrichten, die der Täter mir nach der Tat schrieb in Teilen nachgewiesen bzw. auf ihn zurückgeführt werden. Leider nicht alle, sodass hier Zweifel offen blieben. Auch kam heraus, dass meine beste Freundin Kontakt zum Täter hatte.

Nachdem dies alles auf den Tisch kam, zog sich der Anwalt mit dem Täter zurück. Während dieser Pause hatte ich das Gefühl umzukippen. Aber meine Anwältin und meine Prozessbegleitung haben sich gut um mich gekümmert. Nach der Pause wendete sich das Blatt und plötzlich räumte der Täter Teile der Taten ein. Nur das, was auch nachgewiesen werden konnte. Dass er mir unmengen Wasser ins Gesicht schüttete, konnte nicht mehr zweifelsfrei bewiesen werden. Er gestand also und wollte dann darauf hinaus, dass er zu betrunken war und sich nicht mehr richtig erinnerte. Damit widersprach er sich aber in seiner vorherigen Aussage und es widersprach sich auch mit den Handlungen, die er generell und an mir vollzog. Er räumte dann später noch mehr ein, aber das sprengt hier dann doch den Rahmen. Das Gutachten bestätigte auch, dass ich ihn am Bein verletzt habe und deshalb blieben am Ende keine Zweifel bestehen, dass er mir das angetan hat. Die Tatsache, dass ich wegen ihm eine PEP machen musste, wertete das Gericht als perfide.

Nachdem das Urteil gesprochen wurde, hatte er das letzte Wort, aber er sagte nichts. Er sagte die ganze Zeit einfach nichts. So laut und gemein er immer in meinem Kopf herumspukte, mich auslachte, so klein und still war er an diesem Tag. Klein mit Hut, wie meine Anwältin es mir versprochen hatte.

Ich fühlte danach erstmal gar nichts, war wie eingefroren. Und so geht es mir jetzt eine Woche später auch noch.

Ich habe sicherlich einiges jetzt vergessen zu erwähnen oder nicht in der korrekten Reihenfolge, aber zusammengefasst war dies der Tag, vor dem ich mich so sehr habe gefürchtet. Geschrieben klingt es wahrscheinlich harmlos, aber das Ganze hat mich viel Kraft gekostet und einen Teil von mir unwiederbringlich gebrochen. Vieles kam und kommt wieder hoch, was ich dachte verarbeitet zu haben.

Was ich aber wichtig finde ist:

Ich hatte bis zu diesem Tag immer in meinem Kopf, dass es dort um mich geht, ich dort auf der Anklagebank sitze und tausend schlimme Fragen über mich ergehen lassen muss. Erst dort vor Ort realisierte ich, dass ich "lediglich" Zeugin und auch Nebenklägerin bin und nicht ich mich vor Gericht für das, was mir passierte, verantworten muss. Das musste alleine er.

Sein Albtraum endet, wenn es gut für ihn läuft, nach 6,5 Jahren. Meiner endet niemals. Ich habe einen Teil von mir, meiner Persönlichkeit, verloren und auch für mich sehr wichtige Menschen. Das wiegen diese Jahre niemals auf.

Vielleicht hilft meine Niederschrift dem ein oder anderem Mädchen, ihren Weg zu gehen.

 
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Ich war nie mutig, ich war verzweifelt und dumm genug zu hoffen, dass alles wieder gut wird. Auch das trage ich mit Fassung.
 
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