Vielleicht würde es Dir helfen, Dich von der Erwartung frei zu machen, daß Eltern und auch Großeltern alle Kinder/Enkelkinder gleich behandeln müssen und niemanden bevorzugen dürfen. Das ist so ein Gefühl in uns, daß das aus Gerechtigkeitsgründen so sein muß. Und viele glauben auch, daß das der Normalfall ist. Aber ich kenne eigentlich keine Familie, in der das zu 100 % so ist. In den meisten Familien, die ich kenne, haben Eltern und Kinder auch eine andere Erinnerung zu diesem Aspekt.
Speziell Eure Familienkonstellationen - ein Enkelkind zwar weit weg, aber bekommt viel Aufmerksamkeit bis ein Enkelkind in der Nähe geboren wird - finde ich nicht ungewöhnlich. Ich erlebe eine ähnliche Situation gerade bei mehreren Freundinnen, die Oma sind. Die Freude über das erste Enkelkind ist riesig, da wird auch eine weitere Fahrt immer wieder mal auf sich genommen. eine Freundin ist zunächst sogar alle 14 Tage mehr als 200 km gefahren. Aber dann wird das Enkelkind älter, Oma sein wird etwas normales und auch anderes im Leben hat wieder stärker Bedeutung. Dann bekommt die Tochter in der Nähe ein Kind und ganz automatisch kümmert sich meine Freundin um dieses Kind mehr. Und dadurch, daß sie jetzt mehr Kontakt zu diesem näheren Enkelkind hat, baut sich auch eine anderer Vertrautheit auf. Sie erlebt einfach mehr Entwicklung direkt mit. Und auch die 200 km nimmt meine Freundin nicht mehr so gern hin und her auf sich. Die Besuche werden deutlich weniger. Sie spürt inzwischen nach einigen Jahren und nachdem der erste Enthusiasmus verflogen ist, wie anstrengend die Fahrt ist. Und auch die Aufmerksamkeit auf 2 Enkelkinder zu verteilen als wie bisher auf eins, ist anstrengend. Meiner Freundin fällt es auch viel schwerer, bei dem näheren Enkelkind mal nein zu sagen, eben weil es ja aufgrund der Entfernung nicht so ein großer Aufwand ist, dieses mitzubetreuen, den Kontakt zu halten... Meine Freundin liebt alle ihre Enkelkinder, aber der Kontakt zum ersten ist wie bei Dir deutlich geringer geworden, seitdem das zweite Enkelkind da ist.
Ich würde an Deiner Stelle schauen, wieviel eigene Verletztheit aus Deiner Vergangenheit noch eine Rolle spielt und das mitfühlend und liebevoll betrachten. Vielleicht hilft Dir als Rückmeldung zur Einordnung, daß viele hier Deine Reaktion, "dann breche ich den Kontakt ab" oder "dann dürfen sie eben nicht in unserer Einliegerwohnung schlafen" als etwas übertrieben einschätzen. Vielleicht kann das für Dich ein Hinweis sein, daß eine so harsche Reaktion auf alte Verletztheit hindeutet, die eher mit Dir als Tochter als mit Dir als Mutter des Enkelkindes zu tun hat.
Wenn Du nicht aus der eigenen verletzten Kindersicht schaust, kann man das Verhalten der Großeltern vielleicht auch anders sehen. Z.B. sie fahren einen sehr weiten Weg und kommen eine ganze Woche zum Geburtstag (so einen langen Weg nehmen sie für das andere Enkelkind nicht auf sich und so lange am Stück bleiben sie nicht für das andere Enkelkind).
Vielleicht gelingt es Dir, es unabhängig von all dem, was unter der Oberfläche noch eine Rolle spielt, einfach anzunehmen als: Es ist eine andere Situation durch die räumlich Entfernung. Die Situation der beiden Enkelkinder ist unterschiedlich. Für Dein Kind ist das vielleicht die angenehmste Erklärung , so daß es sich nicht in Frage stellt, sondern einen sachlichen Grund für die Ungleichbehandlung hat. Und vielleicht kannst Du dann irgendwann auch hinnehmen, daß die Ausgangssituation für Dich und Deine Schwester als Kinder eben unterschiedlich war, so traurig das auch für Dich war und vielleicht noch immer ist.
Ich wünsche Dir, Deinem Kind und Deinen Eltern, daß die Besuchssituationen nicht so emotional aufgeladen und erwartungsfreier sind.
P.S. nur als Anmerkung am Rande: Ich wäre als Großmutter nicht so erfreut, wenn meine Tochter extra ein Haus mit Einliegerwohnung bezieht, in der Erwartung, daß ich dort regelmäßig Zeit verbringe. Aber das ist eher mein eigenes Thema, daß ich solche Erwartungen nicht mag.