Natürlich geht es um das Wohl des jeweiligen Kindes. Es gibt bessere Erziehungsmaßnahmen als Schlagen. Dem stimme ich grundsätzlich zu. Aber ich denke, dass es Situationen gibt, in denen eine Entscheidung für oder gegen schon ziemlich schwer ist. Soldaten werden ausgebildet, um Waffen bedienen zu können. Aber es gibt weder eine Eheschule, noch eine Erziehungsschule. Daher mal Situationen, die ich bei anderen Familien beobachten durfte und es wäre schön, wenn erfahrene Eltern antworten. Von Theorien halte ich wenig.
Wenn ein 6j-Kind mit dem Stock andere Kinder schlägt und auf wiederholte Ermahnungen nicht reagiert, Stubenarrest den nächsten Zeitpunkt nur in die Zukunft verlagert: Wie lange seht ihr zu, wie oft darf das Kind andere Kinder schlagen? Wie würdet Ihr als Vater oder Mutter handeln?
Wenn ein 6j.-Junge dazu neigt, sich selbst immer und immer wieder in Gefahr zu bringen, trotz umfangreichster Erklärungen und Verbote, wie würdet Ihr als Vater oder Mutter handeln?
ich antworte mal darauf. Weil ich viel gelernt habe darüber - so theoretisch weiß ich schon, was man da macht. an der Praxis und an den überschäumenden Emotionen hakts bei mir.
Also, der 6jährige schlägt ein anderes Kind mit dem stock:
1. Situation unterbrechen. Kinder räumlich trennen. In einem Satz klar machen, dass nicht geschlagen wird.
Was macht das? Das Kind schlägt ein anderes Kind, weil es denkt, es muss das tun. Sei es nun, weil es Spaß dabei empfindet, oder sei es, weil es das andere Kind bestrafen möchte. Grundsätzlich habe ich erlebt, dass Kinder schnelle "Ursache-Wirkung" verflechtungen mögen. Wie bei einem Computerspiel. Ich drück nen Knopf und es passiert sofort was. WAS passiert ist häufig nebensächlich. Mein Sohn starrt zum Beispiel seinen kleinen Bruder so lange an, bis der meckert, wenn ihm langweilig ist. Er tut was, und Winzling reagiert sofort. Toll. So ists nicht mehr langweilig.
Also habe ich eine besondere Schwäche von einem kleinen Kind: es mag rasche Ursache-Wirkung-Verflechtungen.
Unterbreche ich die besagte Situation, verursacht das erst mal ordentlich Widerstand. Entweder das Kind weiß schon wieder nicht, was es machen soll, oder es hat gerade Wut auf das Kind, was es gehauen hat und sieht keinen anderen Weg mit der Wut umzugehen, als sie in Schlägen auszudrücken. Für so ein Verhalten braucht es übrigens kein Vorbild. Die Kinder kommen von ganz allein auf sowas....
Diese Unterbrechung der Situation und der Widerstand, den das Kind dabei empfindet IST übrigens die Konsequenz aus dem Fehlverhalten. Diese Konsequenz ist für Kinder sehr unangenehm, weil sie in ihrem Handeln unterbrochen werden. Uns Erwachsene juckt sowas kaum. Kinder HASSEN sowas. sie laufen sehr ungern in ihrer Handlung ins Leere.
2. Kinder auffordern, sich abzuregen.
Das Kind muss nun versuchen, seine Wut, oder das gefühl der Langeweile anders zu verarbeiten, als mit dem Trietzen eines anderen Kindes.
Es muss so lange separiert werden, wie es Wut zeigt. optional kann hier Hilfe durch einen Erwachsenen folgen: Verständnis äußern. Ich verstehe, dass dich die situation jetzt aufregt. du bist wütend. Du möchtest weiter spielen.
Es gibt aber Regeln. Eine Regel ist, dass man nicht hauen darf. Hauen tut weh, also haut man nicht. (das ganze drumrum, von wegen verwahrloste Gesellschaft kann man sich dann für ein GEspräch in 10 Jahren aufheben. Ein 6jähriger interessiert sich für unmittelbare Ereignisse, nicht für Gesellschaftliche Begebenheiten, außerdem führen lang ausschweifende Reden dazu, dass das Kind vom eigentlichen Problem abgelenkt wird - es soll sich beruhigen - und dafür belohnt wird, dass es emotional reagiert. Da hast du dann ruckzuck ein kind, was bei jedem Mist hysterisch rumheult.) Bei emotionalen Kindern immer den nächsten Schritt ankündigen "Ich lass dich mal kurz allein. Beruhige dich, dann bin ich wieder bei dir."
Hat sich das Kind beruhigt, darf es wieder zu dem anderen Kind.
4. Entschuldigen.
Wer dem anderen weh getan hat, muss sich entschuldigen. Es ist egal, wer angefangen hat. Weh tun ist nicht. Entschuldigt euch.
Wie du siehst, habe ich mit keinem Wort erwähnt, dass hier irgendwer bestraft werden muss.
Muss auch keiner. Strafe ist ne Erwachsenenerfindung. Strafe ist RAche und Genugtuung. hab ich mit meinem Kind auch gemacht. Sowas hab ich dann konsequente Erziehung genannt. Und jetzt will mein sohn für jedes kleine verbrechen Rache nehmen. Ich hätte ihn nicht mal schlagen müssen, um aus ihm einen Tyrannen zu machen, der zuschlägt, wenn ihm jemand ein spielzeug nimmt. Ich muss ihn nur ordentlich bestrafen und von ihm verlangen Reuhe zu zeigen.
Ich hab dir das beispiel mit den schnellen Ursache-Wirkung-Kurzschlüssen genannt. Kinder bevorzugen solche Kurzschlüsse. Sie fühlen sich in sowas sicher und wiederholen sie. Egal, ob das irgendwer gut findet, oder nicht. Selbst wenn du laut schimpfst, juckt das nicht, so lange die Ursache-Wirkung-Kette nciht unterbrochen wird. Mit lautem und langatmigen Schimpfen ergänzt man die Wirkungskette um ein Glied und hat nichts gewonnen.
Unerwünschte Handlungen müssen ins Leere verlaufen. Nur dann werden sie unterlassen. Einfach, weil sie für ein Kind keinen Sinn ergeben. wieso sollte ich ein anderen Kind mit einem Stock hauen, wenn ich dafür mein Spiel unterbrechen muss.
Es gibt eine ganze Menge Leute, die machen das instinktiv und ich bin mir sehr sicher, dass du mit dazu gehörst. In dem Moment, wo dein Kind ein anderes mit einem Stock geschlagen hat (darf ich an der Stelle an dein Beispiel mit dem kleinen Jungen, der nicht aufräumen wollte und deswegen von dir mit nem Kochlöffel verhauen wurde erinnern?), wirst du vermutlich ganz richtig gedacht haben, dass so ein Verhalten absolut inakzeptabel ist und dass er sowas nie wieder machen soll. Da reden nicht den erwünschten Effekt gibt (denk bitte hier an mein Beispiel mit dem zusätzlichen Glied in der Kurzschlusskette), wird das Verhalten bestraft. Hier haben dir deine Moralvorstellungen und die damit einhergehenden Emotionen zu Fehlverhalten verleitet.
Ich bin mir ganz sicher, dass es für dich fremd klingt, wenn ich sage, eine Bestrafung war nicht notwendig.
Jetzt ist es aber so, dass die Praxis der Bestrafung seit Jahrtausenden existiert und es immer noch einen Großteil in der Bevölkerung gibt, der sich bester psychischer Gesundheit erfreut. Ja. Es gibt auch Leute, die sagen "Schläge haben mir nicht geschadet". Ich möchte hier anmerken, dass es günstige und ungünstige Wege der Bestrafung gibt.
Günstig sind alle Bestrafungen, die kurzfristig geschehen. Man kriegt halt gleich nen Klaps auf den Po undn icht erst vor dem zu Bett gehen.
Günstig sind alle Bestrafungen, die mit der Tat im Einklang stehen: Mein Kind matscht mit dem Essen - dann kommt das Essen halt weg. Ihm den Sandmann zu verbieten, wenn es mit dem Essen matscht, liegt nciht mit der Tat im Einklang.
Günstig sind einheitliche Bestrafungen: Wenn ich jedes Mal eine Ohrfeige kassiere, wenn ich den kleinen Bruder in den Zeh zwicke, kann ich das Ereignis vorhersehen und mir überlegen, ob es das jetzt wert ist, ihn in den Zeh zu zwicken (oder ob ich schnell genug bin, dass es keiner merkt)
Wenn meine Mama oder mein Papa aber nur mal kurz sagen "he, lass das" und es passiert nichts weiter und beim 5. Mal krieg ich plötzlich eine geschallert, dann ist das weniger günstig.
Mir rutscht die Hand aus, wenn ich mich zu sehr aufrege. Das ist wesentlich ungünstiger, als ein berechnetes Über-das-Knie-legen-und-Hintern-versohlen.
Ich finde es falsch, mein Kind zu schlagen. Ich möchte ihm in Wut nciht weh tun und ich möchte ihm auch nicht bewusst weh tun. Aber meine Beobachtung ist nun mal - und das belegen auch Studien - es gibt auch Erziehungsmethoden mit Gewalt, die funktionell sind. Wesentlich ungünstiger sind diskontinuierliche Versuche, das perfekte Erziehungsverhalten zu zeigen und dabei - wie ich - die eigenen Grenzen weder wahrzunehmen noch zu respektieren.