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Chronik einer sterbenden Seele

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Re: Chronik einer sterbenden Seele
Und heute ist ein neuer Tag. Die Sonne erhellt den Tag ob wir sie sehen oder nicht oder?

Ein neuer Tag, ein neuer Gewinn, neue Möglichkeiten, neue Entscheidungen, neue Gedanken
😉


 
Irgendwie ist man doch aber immer allein.
UND trägt dazu noch Verantwortung, für sich und damit immer auch für andere.
Finde ich.

Die Signatur habe ich aus einem Buch, das ich einmal las. Heinrich Böll hat den Satz in einem Brief während des zweiten Weltkrieges nach Hause geschrieben, als Ausdruck dafür, dass er im Herzen und in der Seele unendlich einsam war, aber durch die Kameraden, die ihn immer und überall umgaben niemals allein.

Genau wie ich unterscheidet er zwischen Einsamkeit und Alleinesein. Und dank meiner Sozialphobie fühle ich mich nur frei, wenn ich alleine sein darf, aber ich ertrage die Einsamkeit nicht, jede Sekunde schmerzt in unendlicher Qual, in der meine Seele diese Leere spürt. Deswegen mag ich dieses Zitat so sehr.

In mir wohnen auch zwei Kraftspeicher, der eine, der die Kraft enthält, mit der ich in der Welt lebe, Verantwortung für andere tragen kann, anderen helfen kann, auch in unendlicher Geduld, etwas geben, dass ich mir selbst nicht zu geben in der Lage bin.

Und der andere Kraftspeicher nährt meine Seele, mein Leben. Dieser ist komplett entleert, was erklärt, dass ich zwar noch anderen hier gerne viele ratschläge gebe, ihnen endlos gerne helfen möchte, mit allem, was mir zur Verfügung steht. Aber meine eigene Seele vermag ich nicht mehr zu halten....
 
Tag 48 meines Lebens nach dem Tode, die 4. Stunde nach Mitternacht.

Enge. Stählerne Fesseln unfangen meine Seele in einem verschlungenen Gewebe, jede Bewegung verengt die tödliche Schlinge, jeder Gedanke an ein Sprengen dieser Fesseln verursacht unendliche Schmerzen, scheidet in die Seele mit flammendem Schwert.

Mein Herz wird zerdrückt, jeden Tag ein bisschen mehr, stählerne Reifen schlingen sich um meine Brust. Ich befinde mich wieder auf der Autobahn, irgendwo, ein Ton reißt mich aus meiner Lethargie, ein Parkplatz, eine Nachricht informiert mich um die Sorge um einen lieben Menschen. Soll ich zurückkehren?

Ich finde mich im Dunkel der Nacht. Gedanken. Sorgen. Sie lenken mich weg von dem Schmerz. Erinnerungen.

Eine Nacht zuvor. Ich sollte nicht herumstreifen. Nicht hier. Nicht an diesem Ort. Der Mond erhellt die Wolken, die etwas kühlendes Naß über mich gießen, winzige Tropfen, die auf meiner brennenden Haut zu verdampfen scheinen. Immer höher sehe ich mich steigen, die vor Jahrzehnten dem Stein abgerungenen Stufen hinauf. Immer weiter, ich sehe die Schritte, die ein Körper tut. Gehört er noch zu mir? Durch den Schleier von glühenden Tränen sehe ich meinen Körper endlich dort oben sitzen. Trübe Augen sehen über das von merkwürdigen Licht erfüllte Land. Es sind meine Augen. Ich sehe ihre Bilder. die nahen Bäume. Die Wege, die unter mir verlaufen. Alles ist so friedlich in dieser Nacht....

Erschrektes Erwachen. wieder werde ich von einem Ton in die Realität zurückgerissen. Ein Parkplatz. Erneut eine Nachricht. Alles scheint in Ordnung. Ruhe. Zufriedenheit. Ich werde nicht gebraucht, nicht in dieser Nacht, darf ich gehen? Bin ich schon gegangen?

Eine Nacht zuvor. Ich sehe über das Land. Fahles Licht fällt auf mich, weißglühende Wolken erhellen meine Haut. Die trüben Augen sehen hinab, fallen. Ein endloser Fall. Doch der Boden bleibt unerreicht. Der Körper sitzt immer noch, dort oben in meinem Steinbruch, so viele Erinnerungen, die ich hieran haben sollte. Die Schmerzen in der Brust steigern sich zu unermeßlicher Pein, treiben mich nach vorn, der Kopf glüht, scheint zu zerbersten unter den Gedanken, die ihn quälen, die ihn peinigen.

Endlose Wolken ziehen vorbei, formen immer wieder Bilder, die über mich wachen. All die Menschen, die in meinen Gedanken kreisen. Ich sehe Körper ohne Gesicht, Gefühle, Gedanken in einer anderen Welt. Realität?

Die Schmerzen, meine Seele droht zu zerbersten, mein Herz ist gefangen von einer eisernen Faust, die es zu zerquetschen droht, hart und unerbittlich, eiskalt ist ihr Griff, durchflutet den ganzen Körper mit kaltem Schmerz.

Tränen fallen vor mir herab, winzige Tropfen, die mir vorraus gehen, ich sehe ihnen nach, sie verlieren sich in der Tiefe. Wie viele Minuten, Stunden, Jahre sitze ich nun schon hier? Ein Blick auf den Arm. Fahles Licht fällt auf die weiße Linie, das Mahnmal meiner Schwäche, vor vielen Jahren schon verheilt, der winzige Strich scheint im fahlen Licht zu leuchten, schmerzt in Verlangen nach Vollendung.

Nein. Nicht in dieser Nacht. Nicht jetzt. Nicht so.

Der Körper steigt die glatten Stufen wieder hinunter, strauchelt, aber fällt nicht. Ein endloser Weg durch die Nacht.

Realität. Bäume und Sträucher fliegen an mir vorüber. Es dauert Bruchteile von Sekunden, bis ich merke, dass ich es bin, der sich bewegt. Immer noch die Autobahn. All diese Gedanken kehren immer wieder in meinen Kopf zurück. Schmerzen dort, brennen wie ein Feuer, das mich langsam von innnen verzehrt. Ich spüre nur noch wenig Kraft, aufflackern, immer wieder, in lohender Glut für die Menschen da draußen, die ich nicht alleine lassen möchte.

Ist es an der Zeit für mich zu gehen, in die Nacht zu verschwinden, mit den leisen Schritten eines Wolfes? Lange kreisen die Gedanken über die vergangene Nacht. All der Schmerz tobt immer noch so tief in meiner Seele, die Einsamkeit, die mich umgibt zerfleischt mein Herz in grausamer Qual. Und doch schlägt es tapfer weiter, jagt das glühende, rote Feucht durch die Adern, bis diese zu bersten drohen. Ich konzentriere mich auf das beruhigende Brummen vor mir. Helle Lichter jagen vorbei, eilen mir vorraus. Andere glückliche Seelen, ich verspüre Freude darüber, dass sie mich umgeben.

Ich sehe die Lichter einer Stadt. Meiner Stadt. noch wenige Meilen durch die Nacht, dann bin ich wieder an dem Ort, an dem meine Existenz stattfindet. Immer noch jagen Gedanken der vergangenen Nacht durch mich hindurch. Schatten der Erinnerung legen sich lockend auf die Seele. Hätte ich gehen dürfen? Was hält mich hier? Menschen, so fern und doch so nah, unerreichbar. Die Pflicht, zu existeieren, wie ein Krieger, der den ewigen Kampf noch nicht gewonnen hat. Ich habe ihn verloren. Denn ich bin noch hier.

Endlose Tränen, endloses Verstecken, so viele Hoffnungen, die nur noch schwer durch den Panzer aus Schmerz dringen, so viele Jahre der Qual. Ich sehe wieder auf das winzige weiße Band, das meinen Arm ziert. Vor Jahren.... doch genauso wie heute, der gleiche Schmerz, der gleiche Weg, keine Änderung. Versagen. Der Schmerz bleibt mein Begleiter, keine Kraft ihn zu beenden. Keine Kraft zu leben. keine Kraft zu gehen. Schweben im unendlichen Nichts der Leere dazwischen.

Nun bin ich wieder daheim, in der Lage all das nieder zu schreiben. Der Schmerz ist etwas erträglicher jetzt. Das stählerne Band das meine Seele mit kalter Qual umgibt etwas gelockert. Ich werde bleiben, die Schmerzen ertragen, das Dunkel um mich genießen Lernen, die Qualen in mich aufnehmen als einen Teil von mir. ...
 
ich kenne diesen schmerz nur zu gut.
und ich habe selten einen text gelesen, der ihn so treffend, berührend und ja...wunderschön (!) beschreibt!

danke, nachtwolf.

und viel kraft!

es wird leichter werden, ganz bestimmt.
gib der zeit eine chance.

und schreib weiterhin so schöne texte!

gruß,
shanny
 

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