Damit sprichts du genau das aus, was mich so zermürbt;: diese verweigerte Anerkennung des Leids.
Ja und sie spricht dir deine erlebten Gefühle ab. So nach dem Motto, das hast du ganz falsch interpretiert.
Als ich mit etwa 18 J. meine Mutter mit diesen ganzen Erlebnissen konfrontierte, war ihre Antwort: Das fände sie ungerecht, dass ich nur die schlimmen Dinge anspreche. Sie hätte schließlich mit uns auch gebastelt und gesungen. Meine Antwort war: Ach, wie muss ich mir das vorstellen? Mein Vater bricht mir die Nase , weil er im falschen Winkel zugehauen hat und du bastelst dann mit mir ein Kastanienmännchen und weils noch nicht gut war, hast du noch was gesungen? Ihre Reaktion darauf habe ich vergessen, vermutlich weil sie wieder irgendwas Belangloses gesagt hatte.
Meine Eltern haben nie ihre Schuld zugegeben, weder meine Mutter die sich immer in einen anderen Raum verpisst hat, wenn er zu schlug. Frei nach dem Motto: Was ich nicht sehe, ist auch nicht passiert. Und mein Vater fand es richtig, dass ich nach einer schlechten Mathearbeit erstmal den Hintern versohlt bekam und mindestens 6 Monate Stubenarrest. Er nannte es, er gibt mir die Gelegenheit zum Lernen. Immerhin empfand meine Mutter diese üblichen Doppelbestrafungen als nicht so fair.
Meinen großen Bruder trieb es in eine furchtbare Alkoholsucht, die mit seinen 39 J. an einem multiplen Organversagen endete. Und mein kleinerer Bruder ist sozial nicht gut verträglich, ist nicht so beliebt und hat Probleme mit seinen Emotionen. Alles Auswirkungen aus unserer gewalttätigen Kindheit, die ebenfalls physisch wie psychisch war. Den frühen Tod meines Bruders hat sich meine Mutter damit schön geredet, dass es ja so sensibel war und die Welt zu hart für ihn war.
Ich als Sandwich-Kind hatte charakterlich ganz sicher den Vorteil, dass ich rebellisch wurde, weil ich einen sehr starken Charakter habe. Ich wusste schon mit etwa 10 Jahren, dass mein Vater mich nicht brechen wird. Zu dem Zeitpunkt habe ich keine einzige Träne mehr vergossen, wenn er mich verprügelt hat. Das hat ihn fast wahnsinnig gemacht, aber das war meine "Waffe". Mit 16 hat er mich das letzte Mal geschlagen. Nach der harten Ohrfeige habe ich zum ihm gesagt, wenn du mich noch einmal anfasst, geh ich zur Polizei. Das wäre ein Skandal gewesen, da mein Vater Lehrer war.
Ich habe anders als meine beiden Brüder mit 28 eine psychosomatische Reha mit anschließender ambulanter Therapie gemacht. Dort habe ich sehr viel mitgenommen, aber am Wichtigsten war es, dass mir jemand Außenstehendes sehr klar gemacht hat, dass das nicht meine Schuld war.
Ich will nicht sagen, dass meine Eltern alles falsch gemacht haben, wir haben auch viel Bildung mitbekommen und auch einige Werte. Aber ich war, bis ich meinen Mann kennenlernte, ständig auf der Suche nach Liebe und Anerkennung. Im Elternhaus ging es nur und auschließlich nach Leistung, die natürlich nie reichte. Charakter war im Grunde egal. Aber ich wollte als Mensch mit Gefühlen anerkannt werden und das habe ich erst mit meinem Mann gefunden.
Ich habe heute (bin 60) so einen tiefen Frieden mit und in mir. Auch meine Kindheit spielt dabei eine große Rolle, weil ich weiß, dass es mir heute nicht so gut gehen würde, wenn ich nicht diese ganze Sch... gefressen hätte. Ich bin über alltägliches so dankbar, über ein gepflücktes Gänseblümchen, den Kaffee den ich seit 29 Jahren jedes Wochenende ans Bett serviert bekomme, das Gefühl richtig zu sein zu bekommen.
Aber ich habe auch gelernt, dass ich diese Gewalt niemals aus meinem Kopf bekomme. Es gibt keine Flashbacks, aber die Erinnerung ist immer noch sehr real, mal sehr hintergründig, mal präsenter. Eine Prägung fürs Leben.