Ich verstehe Deine Gefühle und es tut mir leid, dass Du bis heute Deine Kindheit nicht verarbeitet hast.
Schlussendlich hängt Deine Realität nicht von der Deiner Mutter ab!
Hast Du Dir mal vor Augen geführt, was Deine Alternative als Kind gewesen wäre? Offenlegen, den Eltern nicht gehorchen, im Krankenhaus erzählen, was die Realität war? Was wäre dann erfolgt? Du wärst den Eltern weggenommen worden, ab ins Kinderheim, womöglich keine Pflegeeltern in Sicht oder am Ende solche, die es nicht besser machen, denn auch das war und ist eine Realität, die nicht allzu selten ist.
In meiner Kindheit gab es zwar keine Schläge, dafür psychischen Terror. Das ist als Kind oftmals garnicht filterbar, erst später, aber da kommt die eigene Reflektion bereits hinzu und damit auch das Verständnis für Verhaltensweisen und angenommene Schutzmuster. Man bewertet Geschehenes deutlich abstrakter. Daher beispielsweise nie ein Therapiegrund.
Bei Dir sehe ich hingegen starken Therapiebedarf, denn Deine Erlebnisse spiegelst Du nur am Verhalten Deiner Mutter und erwartest eine Entschuldigung, um zu verzeihen. Verzeihen aber heist nicht, dass man eine Bedingung voranstellt, um es zu tun. Man verzeiht Fehlverhalten, weil man selbst damit abgeschlossen hat. Man verzeiht aus sich heraus, ganz egal, ob es demjenigen, dem verziehen wird, etwas bedeutet oder nicht. Einem selbst bedeutet es etwas, ist Teil des eigenen Abschlusses.
Ich persönlich sehe niemanden in einer Rechtfertigungsposition für das eigene Verhalten, es gab sicherlich Gründe und Hauptsache ist, dass man daran nicht zerbricht und mit sich selbst klarkommt. Was wäre Deiner Mutter passiert, hätte sie sich schützend vor Dich gestellt? Hätte Dein Vater sie dann vergewaltigt, wieder und wieder, ihren Willen gebrochen wieder und wieder? Ist das vielleicht sowieso passiert? Sie muss es niemandem erzählen, nicht um sich zu rechtfertigen für ihre Abhängigkeit zu den damaligen Gesellschaftsnormativen, sie könnte es freiwillig tun, wenn es ihr gut täte.
Außer Frage steht, dass kein Kind und auch kein Mensch überhaupt jemals sowas verdient hat und trotzdem gibt es das, teilweise sogar geduldet durch die damaligen Gesetze, und heute gibt es das, obwohl Gesetze es lange nicht mehr als Lücke aufweisen.
Meinen eigenen Seelenfrieden erreiche ich nur in mir und nicht durch ein Eingeständnis damals Mitbetroffener. Deren Erleben war ein anderes, deren Schaden war ein anderer und nur damit muss man umgehen.
Ich habe alle Verfehlungen verziehen, die positiven Momente leben weiter, in mir und in mir zusammen mit den Eltern. Ich stelle weder das Verhalten meines Vaters in Frage, weil ich weiß, wodurch es geprägt wurde und nicht mehr heilbar war, ich stelle meine Mutter nicht in Frage, die schlicht zu schwach war, sich klar zu positionieren und es heute noch ist. Ich muss ihnen keine Stachel in ihre Seelen setzen im Alter und erzwingen, dass sie meine Realität adaptieren und aus ihrer Bahn genommen werden. Sie sind alt und mein Weg ging, auch durch die Kindheit, in eine andere Richtung, nämlich in eine vollkommene Unabhängigkeit und in klare Positionierung gegen Gewalt und damit sind unsere Kinder groß geworden, zwischen meinem Mann und mir gibt es keinerlei Machtgefälle und wir können prima mit unseren Senioren (Elternhäusern), können zusammen friedlich und zufrieden sein.
Insgesamt erscheint es mir, dass Du eine große Abhängigkeit von Deiner Mutter hast, ansonsten würdest Du den Kontakt abgebrochen haben, wie es andere Menschen tun.
Wie Du reagieren wirst, genau in dem Moment, wenn Deine Mutter verstirbt, darauf wirst Du keine Antwort haben bis es passiert ist. Den Müll/die Negativlast der eigenen Seele kann man nur selbst entsorgen, ganz egal, ob es die Verursacher noch gibt oder nicht.