Hast Du Dir mal vor Augen geführt, was Deine Alternative als Kind gewesen wäre? Offenlegen, den Eltern nicht gehorchen, im Krankenhaus erzählen, was die Realität war? Was wäre dann erfolgt?
Ich hatte diese Gedanken damals oft:
Was passiert, wenn ich jemandem erzähle, was sich in unserem gutbürgerlichen Reihenhaus wirklich abspielt?
Ich hätte einfach niemals den Mut gehabt, mich an eine außenstehende Person zu wenden.
Trotz allem hing ich außerdem an meiner Familie.
Die Vorstellung, in einem Heim oder einer Pflegefamilie zu leben, war für mich beinahe genauso schrecklich wie die Zustände zu Hause einfach auszuhalten.
Zusätzlich war da die Angst, dass man mir nicht glaubt oder dass man meinem Vater einfach nur sagt: "Tu das nie wieder"
Dann wäre mein 'Verrat' aufgeflogen und mein Vater hätte mich womöglich totgeschlagen. Ich bin sicher, dass er meinen Tod niemals bewusst riskieren wollte. Er schien manchmal sogar selbst bestürzt, wenn er sah, was er angerichtet hatte. Aber wenn er wütend war, war er einfach nicht mehr Herr seiner Sinne. Das Risiko war für mich als Kind unkalkulierbar.
Bei Dir sehe ich hingegen starken Therapiebedarf, denn Deine Erlebnisse spiegelst Du nur am Verhalten Deiner Mutter und erwartest eine Entschuldigung, um zu verzeihen. Verzeihen aber heist nicht, dass man eine Bedingung voranstellt, um es zu tun
Mir geht es gar nicht um eine theoretische Debatte.
Mir geht es darum, dass ich mich schlicht nicht in der Lage sehe, jemandem zu verzeihen, der von sich behauptet, frei von jeder Schuld zu sein.
Für mich ist das so, als würde ich mich vor meine Mikrowelle setzen und ihr verzeihen, dass mein Mittagessen darin angebrannt ist.
Verzeihen setzt (zumindest für mich) voraus, dass das Gegenüber überhaupt erkennt, dass ein Unrecht stattgefunden hat.
Da meine Mutter alles leugnet, gibt es für sie gar nichts, wofür sie Vergebung braucht. Ich fordere keine Bedingungen, ich stelle nur fest, dass Verzeihen hier völlig ins Leere läuft und es auch für mich kein Befreiungsschlag ist, wenn ich "edelmütig" verzeihe.
Einem Opfer von Gewalt zu sagen es soll verzeihen ist ungefähr so, als wenn ich jemandem der Pleite ist rate, einfach seine Schulden zu bezahlen. Er muss es einfach nur tun, und schon hören alle Qualen auf. Der Gläubiger freut sich, die Bank ist happy, die Leute ringsum zollen Respekt und man kann auch wieder tun, was man gern möchte.
Das bringt es auf den Punkt!
Welche Beweggründe deine Mutter früher auch immer hatte - ihre Kinder "aufzuteilen" in die zwei Verbündeten, ihre Schätzchen, und andererseits den "Buhmann" - der vom Erbe nix sieht, weil die "Guten" schlauerweise schon vorher bedacht wurden - das ist für mich einfach das Zeichen für einen Sch ... Charakter.
Und das mit dem Erbe wäre der letzte Grund, mich von dieser Familie zu distanzieren. Auch die Geschwister scheinen ja gut mit dieser Rollenverteilung klar zu kommen und sie nicht zu hinterfragen. Was ein mieses Spiel.
Diese Aufteilung in 'Gut' und 'Böse' hat die Familie systematisch zerstört.
Abgesehen davon, dass mein Vater seine cholerischen Anfälle hauptsächlich an mir abgearbeitet hat, sehe ich meine Mutter als Drahtzieherin.
Dass meine Geschwister diese Rollenverteilung und später den finanziellen Vorteil einfach so annahmen, ohne irgendetwas zu hinterfragen, hat den emotionalen Bruch zu meinen Brüdern noch verstärkt.
Ich denke aber, dass die beiden in gewisser Weise ebenfalls Missbrauchsopfer sind.
Meine Mutter hat sie zu gefügigen Marionetten erzogen.