Ich glaube, das Schreckliche an Gewalt in der Erziehung und der Grund, weshalb sie einen so prägt, ist nicht der Schmerz (Schmerz kann man viel aushalten, wenn man muss), sondern der Vertrauensbruch: Kinder sind schutzlos. Sie brauchen jemand, der sie liebthat, für sie da ist, sie unterstützt und begleitet. Jemand, dem sie vertrauen können, weil er die Schutzlosigkeit nicht ausnützt. Und wenn die Person(en), die dafür da sind, zu schützen und zu lieben (Eltern, Verwandte, Ertzieher, etc) dies trotzdem tun und schlagen, prügeln, missbrauchen, ist ein Kind in folgender Situation: Es ist allein. Es braucht Hilfe. Ohne Papa/Mama/etc... kann es gar nicht leben. Aber genau diese Leute tun ihm weh, verletzen, demütigen, missbrauchen, OHNE das ein Kind am Anfang überhaupt Worte hat, um das zu begreifen. Und genau das macht die Seele kaputt.
Was ist man selbst wert, wenn diejenigen, die einen schützen sollen, es nicht tun. Ist man es wert, beschützt zu werden? Was ist man für ein Mensch? Einer, an dem niemand etwas liegt? Solche Erfahrungen in der Kindheit können das ganze Selbstwertgefühl von Anfang an kaputt machen. Wie ein Stachel, der das ganze Leben über in einem wirkt: Du bist nichts wert. Dich braucht keiner - wie kann man sich davon freimachen, wenn man erwachsen wird? Wie soll man da raus kommen, ganz allein? Wie soll man lernen, sich selbst zu lieben, wenn einen in der Kindheit keiner lieb hatte?
Da bricht die komplette Grundlage für eine gesunde Entwicklung einfach weg. Wie ein Haus, bei dem das Fundament veggammelt, so dass alles, was darauf gebaut wurde, immer einsturzgefährdet bleiben wird. So stelle ich es mir mit dem Erwachsenenleben vor: Alles, was man sich aufgebaut hat, wackelt und muss irgendwie zusammengehalten werden, weil das Fundament schon in der Kindheit so erschüttert wurde, dass das Haus nicht halten kann. Immer wieder läuft das Lebenshaus selbst Gefahr, einzustürzen.
Und dann kommen in der Jugend um im Erwachsenenalter noch Verhaltensweisen hinzu, mit denen man versucht, weiterzuleben. Der eine verletzt sich selbst, der nächste wird depressiv und verkriecht sich, der Dritte schläft mit jedem Möglichen, ein anderer nimmt Drogen, sucht auf Parties das Vergessen, wieder ein anderer kriegt nichts mehr auf dieReihe, bricht die Schule ab, und viele suchen sich Partner, die mit Gewalt und Missbrauch da weitermachen, wo in der Kindheit ein anderer aufgehört hat, etc... - und schwupps kommt ein Riesenstrauß an Erinnerungen dazu, die einem peinlich sind, für die man selbst verantwortlich ist und die einen bestärken, sich selbst wertlos und schrecklich zu finden. Und so prägt einen das Leben. Ich möchte allen, die sich hier wiederfinden, Mut machen: vergebt Euch Eure Jugendsünden. Jeder baut Scheiße. Das hat nichts damit zu tun, wie wertvoll man ist! Seid nachsichtig mit Euch selbst und versteht, dass die ganze Kindheitsscheiße auch irgenwie raus muss. Ihr habt keine Schuld. Nur die Verantwortung, Euch selbst gern zu haben, mit allen Fehlern und Mängeln (die jeder hat!).
Ich wünsche all denen mit ihren Geschichten, die sich keiner vorstellen kann, von Herzen, dass sie sich unabhängig machen können von dem, was ihnen in der Kindheit beigebracht wurde. Jeder Mensch ist etwas wert, weil er Mensch ist. Wer erwachsen ist, kann sich wehren und kann den eigenen Kindern etwas anderes beibringen. Wer erwachsen ist, kann für das Kind, das er mal war, weinen. Wer erwachsen ist, hat eine Chance, das Unrecht zu verstehen, das einem als Kind zugefügt worden ist und kann das Kind in sich selbst trösten und in den Arm nehmen. Wer erwachsen ist, kann sich von denen distanzieren, die ihm wehgetan haben und sein Vertrauen missbraucht haben, weil er nicht mehr auf sie angewiesen ist, sondern für sich selbst sorgen kann. Er kann anklagen, seine Meinung vertreten und den Menschen ihre Fehler vorhalten. Wer erwachsen ist, kann sich seine Fehler selbst verzeihen und sich trotzdem gut finden und braucht dafür niemand mit einem Gürtel oder Besenstiel in der Hand.
All Ihr mit Euren Geschichten: Ich wünsche Euch die Stärke und Kraft, die ihr braucht! Ich möchte Euch auch Mut machen: Ich bin glücklich geworden. Ohne Patentrezept, sondern mit Liebe und einem neuen Fundament. Irgendwo gibt es noch all die schlimmen Erinnerungen, aber ich bin mit ihnen im Reinen, ich kann sie angucken und nachfühlen, wenn ich es will, aber sie überrollen mich nicht mehr. Ich habe mir ein neues Haus gebaut. Alles Gute!