Hi Nyu,
ich habe schon vor längerer Zeit die Diagnose ADHS bekommen und eine Therapie gemacht. Probleme im Berufsleben sind mir bekannt, damit hatte ich auch schon zu kämpfen. Aus Erfahrung kann ich dir sagen, dass es egal ist, für welchen Beruf du dich entscheidest. Wichtig ist, dass du etwas machst, was dir Freude bereitet und womit du dich identifizieren kannst. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens als Assistenz/Sekretärin gearbeitet. Das ist ein Job, der viel Konzentration, Struktur, Organisation, usw. erfordert und als nicht-ADHS-geeignet verschrien ist. In der Vergangenheit hatte ich meine Probleme, das gebe ich zu. Aber ich möchte betonen, dass nicht das ADHS in erster Linie daran schuld war, sondern meine eigene Einstellung zur Arbeit. Seit ich mir meine Gedanken darüber gemacht und aus eigenem Antrieb so manches verändert habe, lief es sehr viel besser im Büro und viele Probleme lösten sich in Luft auf.
Thema Konzentration:
Ich reagiere auf manche Geräusche sehr empfindlich und kann mich dann schlecht konzentrieren. Ganz besonders schlimm ist es, wenn ich mir mit einer anderen Sekretärin das Büro teilen muss und wir gleichzeitig telefonieren oder sie im Büro mit Kollegen redet, während ich telefoniere und meinen Gesprächspartner schlecht verstehe. In solchen Situationen ist ein Headset eine gute Lösung.
Thema Prioritäten:
Es ist ganz wichtig, dass du deine Prioritäten richtig setzt. Ich habe es mir im Laufe der Jahre angewöhnt, diejenigen Aufgaben zu priorisieren, die besonders wichtig sind und am dringendsten erledigt werden müssen. Früher habe ich erst die Aufgaben gemacht, auf die ich ganz besonders viel Bock hatte und wichtigere Sachen immer wieder aufgeschoben. Das war die falsche Vorgehensweise.
Thema Ablenkung:
Du solltest am Arbeitsplatz immer deine Aufgaben im Blick haben und ihnen die höchste Priorität einräumen. Seit ich das mache, läuft es bei mir bestens. Früher habe ich während der Arbeitszeit manche Dinge getan, die nicht so sehr ins Büro gehören... mit den Kollegen viele Privatgespräche geführt, in meiner Raucherzeit öfters mal Zigarettenpausen eingelegt und natürlich viel privat im Internet gesurft. Folglich musste ich sehr viele Überstunden machen, weil mir diese Zeitfresser einen guten Teil meiner eigentlichen Arbeitszeit nahmen. Als ich irgendwann mal beschlossen habe, die Arbeit zu meiner höchsten Priorität zu machen und andere Dinge erst zu tun, nachdem sämtliche Aufgaben erledigt waren, reduzierten sich die Überstunden von selbst.
Thema Regeln:
Jeder Betrieb hat seine eigenen Regeln. Die Mitarbeiter sollten sich daran halten. Klar weiß ich, dass ADHS-Menschen nicht so sehr auf Regeln stehen und lieber machen, wonach ihnen gerade der Sinn steht. Aber glaub´ mir, du kannst dir so viel unnötigen Ärger ersparen, wenn du die Regeln befolgst. Wenn du eine halbe Stunde Mittagspause hast und bei euch nicht gestempelt wird, solltest du dich trotzdem an die halbe Stunde halten und nicht überziehen. Wenn bei deinem Arbeitgeber die private Nutzung des Internets verboten ist, lasse es bleiben, auch wenn du mal Zeit hast und es dich in den Fingern juckt.
Thema Autonomie/Selbstbestimmtheit:
Menschen mit ADHS wollen in der Regel frei und selbstbestimmt leben. Auf der Arbeit muss man sich aber auch mal unterordnen und kann nicht immer sein eigenes Ding durchziehen. Früher konnte ich ganz schön zickig werden, wenn mir ganz spontan Überstunden aufgebrummt wurden und ich keine Lust hatte, private Verabredungen kurzfristig abzusagen/zu verschieben. Oder wenn Chefs mir meinen beantragten Urlaub im gewünschten Zeitraum nicht genehmigen wollten, weil sie mich genau dann im Büro dringend brauchten. Oder wenn mir eine neue Aufgabe übertragen wurde, auf die ich nicht großartig Lust hatte - die Vorgesetzten verteilen die Aufgaben, wir müssen die Arbeit erledigen. So einfach ist das. Da hilft kein Gemecker, da muss man durch und fertig. Man kann nicht immer alles haben, was man gerne hätte und muss auch manchmal Kompromisse eingehen.
Es ist superwichtig, dass du dein Fehlverhalten niemals mit ADHS entschuldigst. Du selbst entscheidest, welcher Aufgabe du eine höhere Priorität einräumst oder ob du trotz Verbot ins Internet klickst. Und dann übernehme auch die Verantwortung dafür und schiebe es nicht auf ADHS.
Auch mit ADHS ist es möglich, Erfüllung im Berufsleben zu finden - unter der Voraussetzung, dass man seine Arbeit liebt und sich an gewisse Punkte hält 😉 .