Sehr viele Menschen haben das Bedürfnis, sich einer Sache zu verpflichten, die größer ist, als sie selbst und schließen dafür auch weitreichende Kompromisse. Hätten wir dieses Bedürfnis nicht, würden wir wahrscheinlich noch heute in Kleinstgruppen durch die Wälder streifen. Die Gründe für dieses Bedürfnis sind so vielfältig wie die Menschen selbst, aber immer spielt der Eigennutz dabei ein mehr oder weniger große Rolle. Erst wenn wir Menschen uns zusammen tun, können wir Berge versetzen, Bevölkerungsgruppen auslöschen, die Natur verändern, Krankheiten besiegen, Städte bauen, Schwimmbäder füllen, Kontinente besiedeln und andere Menschen unterjochen.
"Gott will es" führte im Mittelalter zu den Kreuzzügen und wer wäre ich, dem zu widersprechen! Und wenn dann noch einige Jungfrauen, Land und Gold dazu kommen? Nun ja, warum sollte ich Gottes Willen und seiner unendlichen Weisheit widersprechen wollen?!
Jede Organisation besteht schlussendlich aus einzelnen Menschen und Menschen fällen Entscheidungen, nicht Organisationen. Welchen Sinn macht es, einer Kirche Entscheidungen von vor 500 Jahren vorzurechnen? Der eigentliche Punkt ist: die Gründe für die damaligen Entscheidungen können auch heute noch Gültigkeit haben, weil die Mechanismen der menschlichen Psyche noch heute funktionieren.
Es gibt Menschen, die vorneweg gehen und es gibt Menschen, die lieber jemandem folgen und dabei die eigene Verantwortung zumindest teilweise abgeben, abschieben oder einfach nicht mehr wahrnehmen wollen. Dieses (geistige) Vakuum nutzen andere für ihre Zwecke. Die Größe des Glaubens an so manche vorgefertigte Begründung ist schier unbegrenzt. Wenn dieser Wunsch dann noch virtuos mit Gefühlen "untermauert" wird, dann ist fast alles möglich. Vom Städtebau über die Sklavenhaltung, von der Mondlandung bis zum Holokaust.
Ich verstehe nicht wirklich, warum hier ein verbaler Kreuzzug gegen Kirchen geführt wird, deren Geschichte nicht mehr änderbar ist. Diese Geschichte zeigt nur, wozu WIR ALLE fähig sind. Nur manchen fehlt es an Kraft, Wahnsinn, Intelligenz und Größenwahn und das ist vielleicht auch ganz gut so. Andere wollen "gute Wege" finden, Situationen verbessern und auch das gelingt miteinander und mit unter. Auch dafür gibt es sehr viele Beispiele, die aber selten so "rein" sind, wie die furchtbaren Taten der Geschichte. Es ist leichter, schneller und einfacher, etwas zu zertreten, als es wachsen und gedeihen zu lassen. "Gute Wege" sind aufwändiger als "schlechte Abkürzungen". Solange andere für mich denken und arbeiten, ist es für mich einfacher.
Kirchen schleppen Altlasten mit sich herum, die Veränderungen nur schwer möglich machen, mit auch deswegen, weil viele Mitglieder diese Veränderung nicht wollen, solange die Summe aller Übel das eigene Erleben noch erträglich machen. Wir Menschen verhalten uns doch so oft wie Frösche in einem Topf voll Wasser auf dem Herd. Wird die Temperatur nur langsam erhöht, wehren wir uns nicht und gehen dabei drauf. Auch das lehrt die Geschichte.
Warum sich aufhalten mit dem Beklagen von Intoleranz gegenüber von Menschen gemachten Organisationen, deren Komplexität und Reaktionsfähigkeit den Anforderungen nicht mehr entsprechen kann, warum auch immer? Solange nicht jeder einzelne von uns bereit ist, seine wahren Beweggründe für sein Tun und Lassen zu betrachten und daraus Konsequenzen zu ziehen bereit ist, solange ist ein Lamento über Kirchen, Staaten, Firmen nur wieder das Streuen von Sand, um vom eigentlichen Problem abzulenken: welche Sache IST ES NOCH WERT, dass wir uns ihrer verpflichten? Kirchen, Parteien, Institutionen sind so anfällig für Korruption, Menschelei, Machtgier und so vieles andere, dass wir da ansetzen müssen und nicht darüber jammern dürfen, dass einer den Mülleimer noch nicht gelehrt hat und der jetzt gewaltig stinkt.
Ich für meinen Teil muss mich schämen, dass ich es nicht fertig bringe, neben meinen alltäglichen Verpflichtungen mich noch mehr einer Sache zu verpflichten, die es mir wert ist und wirklich einem höheren und guten Ziel dient.