Deine Zeilen haben mich beschäftigt, weil die Würde des Menschen sogar in unserem Grundgesetz als "unantastbar" festgelegt wurde. Aber dass das nicht genügt, musstest Du und viele andere leider erleben.
Aus meiner Sicht besteht die Würde eines Menschen aus mehreren Teilen: wie Du Dich selbst siehst, wie andere Dich sehen und wie Du gerne gesehen werden möchtest. All dies kann sich sehr von einander unterscheiden und hat Auswirkungen auf Deine Glück, Deine Hoffnungen und Deine Zufriedenheit. Äußere Wunden heilen oft schneller, als es innere Wunden vermögen. Dir wurde massiv vor Augen geführt, wie schnell schlimme Dinge geschehen können und dass man dem manchmal schutzlos ausgeliefert ist. Ja, Deine Werte wurden in den Schmutz getreten und Du stellst Dir nun einmal diese Fragen und hast Zweifel daran, ob Du noch der Mann sein kannst, der Du sein möchtest.
Und dann beschämt Dich zusätzlich, dass Du auch von anderen über dieses "Ereignis" definiert wirst, ob Dir Frauen und Kinder noch vertrauen können, dass Du sie beschützen kannst. Das ist wohl für jeden Mann, der sich eine Familie wünscht von zentraler Bedeutung. Das Mitleid in den Augen anderer kann einen stolzen Mann zutiefst kränken. Da bewirken tröstende Worte eher das Gegenteil, auch wenn sie freundlich gemeint sind. Wahrscheinlich fühlst Du Dich unschuldig in ein Gefängnis gesperrt, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint, weil nicht nur Du damit immer und immer wieder konfrontiert wirst, sondern weil auch andere Dich immer wieder in diese Ecke stellen und sei es auch nur mit Blicken oder dass es sich für Dich so anfühlt.
Dass Du durch Deine Ängste, Dein Sicherheitsdenken und Deine Hibbeligkeit selbst noch dazu beiträgst, ohne es zu wollen, macht es zusätzlich schwerer. Es gibt also Deinen "Beitrag" zur Lösung dieses Problems und daran arbeitest Du offenbar. Du bist schon sicherer, belastbarer und stärker geworden, machst Kampftraining, suchst das Gespräch, obwohl Du das alles am liebsten verschwinden lassen würdest. Du stellst Dich diesen Problemen, wie es ein guter Mann tun würde. Aber der innere Schmerz geht nicht weg. Deine Angst wieder zu "versagen" (hast Du denn wirklich "versagt"? Ich finde das ganz und garnicht), Deine Ansprüche an Dich selbst sind immer da und Du ziehst alles in Zweifel, um besser vorbereitet zu sein. Trifft das in etwa zu?
Zur Würde eines Menschen gehört auch, für würdig gehalten zu werden, von sich selbst und von anderen. Und nun frage ich Dich: wem traust Du mehr? Einem Menschen, der noch nie aushalten musste, was Du aushalten musstest, oder einem Menschen wie Dir, der nicht aufgegeben hat, der sich seinen Ängsten stellt und der sich bewusst geworden ist, wie kostbar und zerbrechlich so ein Leben sein kann? Du und
@Shorn seid kurz aneinander geraten. Auch er ist ein Mensch, der Furchtbares ertragen musste und der sich wohl auch deshalb eine raue Schale zugelegt hat. Ihr seid beide Kämpfer, denen diese Fähigkeit aufgezwungen wurde und die nun damit leben müssen. Es hat euch verändert und nicht nur zum Besseren. Aber wie kommt man gegen "dunkle Seiten" an? Manchmal ist "Licht" dafür nicht ausreichend.
Du siehst Katastrophen, wo andere nicht verstehen warum. Du bist hibbelig, auf dem Sprung, wo andere einen gemütlichen Tag erleben und Du bist ängstlich, wo andere keine Gefahr sehen. Dafür hast Du leider mehr als genug Gründe und Ausreden sind das nicht.
Und nun eine Erkenntnis aus meinen 63 Lebensjahren: leider findet sich nicht selten die Lösung von Problemen hinter einer Tür, durch die ich nicht gehen will. Du willst diesen ganzen Mist nicht mehr, aber Du wirst ihn auch nicht los, in dem Du ihn ignorierst. Was Du erreichen willst, wird niemals durch Deinen Herzenswunsch erreicht werden, sondern leider dadurch, dass Du Deinen schon begonnen Weg fortsetzt. Ich kenne nichts Würdigeres als einen Menschen, der bereit ist, seine Verantwortung zu sehen und sie zu tragen und dabei zu wissen, dass das auch schief gehen kann und manchmal auch schiefgehen wird. Und DU bist trotzdem da, suchst weiter nach guten Wegen. Wenn das keinen Respekt verdient, dann weiß ich nicht, wozu Respekt noch gut sein soll.
Gerade weil Du die Augen vor dieser Ungerechtigkeit nicht verschließt, machst Du anderen Mut. In dem Du Dein Herz nicht zu Stein werden lässt und Gleiches mit Gleichem vergiltst, zeigst Du einen Ausweg aus der Spirale der Gewalt und in dem Du offen ansprichst, welchen Preis Du dafür jeden Tag bezahlst, wirst Du verlässlich und würdig, denn Du weist, wovon Du redest und das spürt man.
Der "Knackpunkt" scheint mir zu sein, dass Du erkennen darfst und musst, dass Du Dir nichts zu vergeben hast. Du hast nicht "versagt". Du wurdest Deiner Würde nicht beraubt. Du hast sie Dir bewahrt, weil das für Dich kein theoretisches Hirngespinst ist, sondern Du stehst jeden Tag dafür ein. Jetzt steht für Dich an, das in Dein Herz zu lassen. Du hast eine Stärke bewiesen, die eben nicht aus heißer Luft und Drohgebärden besteht, die Dich nur einsam macht. Du bist ein Mensch mit einem tapferen Herzen, den sein Stolz nicht verblendet und sinnlos hart macht. Kann es mehr Würde geben? Einen Mann wie Dich meinen Freund nennen zu dürfen, würde mich stolz machen.