Es gibt keine Freundschaften.
Irgendwann rammt einen jeder das Messer in den Rücken.
Das finde ich sehr extrem und pauschal. Obwohl auch ich im Laufe meiner fast 60 Lebensjahre viele zwischenmenschliche Enttäuschungen erlebt habe, kann ich dieses Pauschalurteil so nicht bestätigen.
Es ist allerdings schwierig, wirkliche Freunde zu finden, und man kann es auch nur bis zu einem bestimmten Grad selbst beeinflussen. Wenn man ein oder zwei wirkliche Freunde findet, ist das ein großes Geschenk des Schicksals (oder Gottes, wenn man gläubig ist). Wir haben vieles, aber nicht alles selbst in der Hand.
Wahre Freundschaft ist selten, wird nicht jedem zuteil, und man ist auch nicht immer selbst schuld, wenn man trotz eigener Bemühungen, Hilfsbereitschaft, kleinen Gefälligkeiten etc. keine Freunde findet oder von vermeintlichen Freunden enttäuscht wird.
Die meisten eher extravertierten Menschen bilden sich ein, viele Freunde zu haben. Es sind aber bei näherem Besehen nur Bekannte.
Manchmal halten Freundschaften auch nur für einen begrenzten Zeitraum, und man entwickelt sich auseinander. Das heißt aber nicht zwingend, dass es nie eine Freundschaft gewesen ist. Und auch nicht, dass man sich zum Schluss auf eine widerwärtige, verletzende Weise voneinander trennen muss.
Was ich schon glaube ist, dass es im Vergleich zu früheren Generationen immer schwieriger wird, echte Freunde zu finden. Den meisten Menschen hierzulande geht es immer noch viel zu gut. Das macht egoistisch und oberflächlich. Früher, als die Lebensverhältnisse insgesamt noch bescheidener waren, waren die Menschen mehr aufeinander angewiesen. Dadurch gab es damals noch mehr Menschen, die ein Gefühl für Gewissenhaftigkeit, Zuverlässigkeit, Loyalität und Mitgefühl in Freundschaften entwickelt hatten. Es gab auch mehr Menschen als heute, die bereit waren, ihre eigenen Interessen mal für andere zurückzustellen. Und es gab auch mehr Menschen, die es zu schätzen wussten, wenn andere das ihnen zuliebe taten, und es nicht für selbstverständlich hielten. Vielleicht waren früher auch noch mehr Menschen an tiefgehenden Gesprächen statt überwiegend an oberflächlichem "Fun" interessiert. Durch diese Veränderungen vereinsamen heute immer mehr Menschen. Oft gerade sensiblere Menschen mit überdurchschnittlich guten charakterlichen Anlagen.
Der Bildungsstand ist dann ein Hindernis für eine Freundschaft, wenn die Gebildeteren auf die weniger Gebildeten herabsehen und die weniger Gebildeten die Gebildeteren beneiden und ihnen ohne Ansehen der Person mit dem Vorurteil begegnen, sie hielten sich doch sowieso für etwas Besseres. Wenn man Vorurteile hat, sucht man geradezu nach dem Haar in der Suppe. Jedes neutrale Verhalten eines anderes Menschen wird dann so interpretiert, dass das eigene Vorurteil bestätigt wird. Diese Gefahr besteht bei Menschen, zwischen denen ein Bildungsgefälle besteht, leider in erhöhtem Maße.
Übrigens auch bei Kontakten, die rein virtuell sind und bleiben.
Selber habe ich außerhalb der rein virtuellen Welt freundschaftliche oder "gut bekanntschaftliche" Kontakte zu einer Handvoll Personen mit unterschiedlichsten Bildungsabschlüssen - Universität, Abitur, Realschulabschluss und Hauptschulabschluss. Auch meine Verwandtschaft ist mittlerweile sehr gemischt, was das Bildungsniveau betrifft.