alle Gesellschaftssysteme vergessen eines: Die Unterdrückung der Frau. Deshalb kann es nicht funktionieren; in einer Gesellschaft, in der per se eine Hälfe immer noch - und das wird auch noch eine zeitlang so bleiben - benachteiligt ist, wird es nie wirkliche Freiheit geben. Die einen werden immer die anderen ausnutzen und das System der Macht/Gewalt/Unterdrückung wird nie aufhören, denn Macht/Gewalt/Unterdrückung wird sich so immer weiter fortsetzen, weiter gegeben werden. Von Generation zu Generation.
Wer Gewalt/Unterdrückung in der Kindheit erfährt, gibt sie immer weiter.
Dass es jede Menge Unterdrückung gab und gibt, dass es auch die permanente Unterdrückung der Frau im Patriarchat gegeben hat und immer noch gibt, da gehe ich mit dir völlig konform. Nur reicht das noch nicht aus, um den Ursachen der vielfältigen Unterdrückung und der Unfreiheit aller auf den Grund zu gehen, die meiner Meinung nach noch sehr viel weiter geht. Es wird immer angenommen, so habe ich auch mal gedacht, dass der Mann wirklich freier ist als die Frau. Scheinbar ist er das, jedenfalls nach unseren kulturellen Kriterien gesehen, aber ist der Mann das menschlich gesehen denn wirklich? Wird man denn wirklich gefragt als Mann, ob man dieses vorgegebene Rollenverständnis überhaupt will?
Die Freiheit des Mannes wird leider oft genug in den Vordergrund gebracht und einfach angenommen, ohne seine Rolle in der hiesigen Sozialisation auch mal gründlich zu hinterfragen. Wenn Frauen sich vom Joch der Unterdrückung befreien wollen, dann ist das eine gute Sache, die ich auch sehr unterstütze. Aber es ist keine gute Sache, die Rolle des Mannes dabei völlig zu vernachlässigen, als gäbe es hier nicht auch genügend Probleme, was einer Aufarbeitung allemale wert wäre. Letztendlich, das schreibst du ja auch, hängt sehr viel von der Erziehung ab, welche Rollen wir einnehmen und einnehmen müssen. Die Freiheit des Mannes ist meines Erachtens keine wirkliche Freiheit dadurch, dass ich mehr Möglichkeiten zur Dominanz und zu einer monitär größeren wirtschaftlichen Freiheit gelange, während es im sozialen Bereich absolut desaströs ist.
Männer werden vor allem bei der Entwicklung sozialer Eigenschaften und bei der Akzeptanz der eigenen Gefühle sehr stark benachteiligt. Männer müssen stets stark sein, das lernt man als Mann sehr früh. Und hierbei sind auch die Frauen ja sehr stark über die Erziehung beteiligt gewesen, auch sie haben das Rollenbild des Patriarchats sehr stark verinnerlicht und weitergegeben. So durften Männer stets einsam den Kämpfer abgeben, durften in Kriegen massenhaft sterben, mussten sich damit abfinden, in der Familie eine immer geringfügigere Rolle zu spielen, weil sie ja ohnehin "nur" noch die Ernährer abgeben dürfen. Inwieweit das in eine gefährliche Kompensation führt und in den Aufbau von Machtstrukturen, das ist meines Erachtens auch alles eine Ursache des Problems.
Das Problem, das ich bei der Frauenbewegung oft sehe, ist, dass es hier leider oft genug dazu kommt, dass das männliche Freiheitsideal gar nicht hinterfragt wird, dass manche Frauen sich sogar in die angebliche Freiheitsdomäne des Mannes flüchten und sich selbst dann auch weiterhin in dieser Rolle von sich selbst abspalten und sich so oft noch tiefere Gräben und Unsicherheiten zwischen den Geschlechtern auftun. Befreiung ja, da bin ich dafür, auf jeden Fall. Aber wenn das gelingen soll, dann müssen alle Rollenbilder unbedingt hinterfragt und auch sukzessive abgeschafft werden. Ohne neue Feindbilder zu schaffen. Unterdrückende sind ja oftmals selbst Menschen, die sehr stark unterdrückt worden sind, wer wirklich frei erzogen wird, der neigt nicht zur Unterdrückung. Genau dieser Zusammenhang ist sehr wichtig!
Es gibt durchaus sehr gute Literatur innerhalb der Frauenbewegung, die versucht, das Problem inzwischen ganzheitlich anzugehen. Eine Frau und Frauenrechtlerin der ersten Stunde, die das auch sehr gut dargelegt hat, ist Astrid von Friesen, das Buch "Schuld sind immer die anderen!" von ihr hat mir auch nachhaltig die Augen geöffnet:
Schuld sind immer die anderen! Die Nachwehen des Feminismus. Frustrierte Frauen und schweigende Männer: Amazon.de: Astrid von Friesen: Bücher
Wirklich frei wären wir ohne Kernfamilie, die diese Machtstrukturen etabliert, ohne religiöse Dogmen, mit gleichen Chancen für alle, das wäre eine Revolution.
Da stimme ich dir zu, das wäre in der Tat ein schönes Ziel! Hierzu gibt es inzwischen ja auch mehr als genug Aufklärung, die das auch mehr als nur bestätigen, wo es auch interessante Lösungsansätze zu lesen gibt. Hier ist eine Übersicht dazu:
Autoritärer Charakter ? Wikipedia
Und hier auch ein Überblick über die Arbeit von Wilhelm Reich dazu:
Wilhelm Reich ? Wikipedia
Insbesondere die Entwicklung hin zur Reduzierung der Familie auf die Kernfamilie wurde sehr oft kritisiert und thematisiert. Hier sind vor allem Wilhelm Reich, Max Weber und vor allem auch Christopher Lasch, Erich Fromm und Adorno zu nennen. Heute sind wir bereits soweit, dass selbst die Kernfamilie nicht mehr als sozialer Raum für den einzelnen Menschen funktioniert.
Die Menschen sind aber leider dazu mental und psychisch nicht fähig, das ist der böse Teil dieser Wahrheit; die Menschen brauchen ihre Familie, ihre Unterdrückung, ihren Hass, ihre Führer, ihre "dicken Macker", die das sagen haben, sie brauchen jemand - oder mehrere - die ihnen sagen, wo es langgeht, sie brauchen ihre Bildzeitung, ihren Fußball, ihr Bier, ihre Rituale, ihren wöchentlichen standardisierten Beischlaf, beim Frauen eh nicht kommen, Männer brauchen deshalb Puffs und Frauen Frauenzeitungen und Kränzchen und Tratsch und Klatsch, um wiederum über die Männer herzuziehen und es wird sich nie was ändern zwischen den Geschlechtern, weil die Gewalt/Macht/Hassstrukturen in der Familie entstehen und auch immer so weiter gegeben werden.
Das könnte man in der Tat meinen, wenn man dazu nicht die Entwicklung der Aufklärung über eine lange Zeit heranzieht. Es gibt zum Glück eine Entwicklung hin zu mehr persönlicher Freiheit, die sich nicht mehr stoppen läßt, weil die Informationsmöglichkeiten und damit die Möglichkeiten zur Aufklärung für die Menschen zum Glück immer größer geworden sind. Jeder kann sich heute durchaus informieren und befreien, was dabei allerdings kontraproduktiv wäre, dass neue Feinbilder die alten ersetzen.
Und damit wären wir nun auch wieder bei der aktuellen Debatte hier in diesem Thread angelangt. Das Hinterfragen der Feindbilder und wie sie entstehen, kann nur gelingen, wenn vor allem der Hang dazu, Feindbilder aufzubauen, nach Schuldigen zu suchen, endlich abgelegt wird. Die Ursachen sind komplex genug für die Intoleranz und die Unterdrückung, es reicht aber schon einzusehen, dass wir alle, und das gilt eben vor allem für die Kulturen mit autoritär strukturierten Religionen, ein Teil dieser jahrtausendelangen Unterdrückung waren und immer noch sind.
Ich sehe es nicht so negativ, dass wir diese Destruktivität wirklich brauchen. Das wird den Menschen leider oft genug eingeredet. Auch deswegen bleibt es vielleicht oft so wie es ist, weil diese Aussagen halt eine Resignation hervorbringen. Der Mensch strebt schon von Natur aus nach persönlicher Freiheit und nach ganzheitlicher Entwicklung und keineswegs möchte er in die Unterdrückung, das ist jedenfalls meine feste Überzeugung. Das ist viel eher ein Problem der längst überholten autoritär geprägten Erziehungsstrukturen.