Traumatisierter
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Es gibt sicherlich Einzelfälle - oder mehr als Einzelfälle - die das nicht so wollen, wie es ihnen anerzogen wird, also die das: "so ist ein Mann und damit basta", nicht wollen. Diese Männer kenne ich, ja, und die leiden, ja.
Ich habe die Erfahrung gemacht, das so mancher Mann für dieses Thema zugänglicher ist, als ich es erwartet und geglaubt hätte. Wer bereit und in der Lage dazu ist, sich selbst und seine eigene Rolle zu hinterfragen, bei denen findet man durchaus ein offenes Ohr für solche Themen. Und es wird durchaus auch mancherorts schon lebendig diskutiert. Ich hoffe sehr, dass das auch zunehmen wird.
Der Mann ist auch nicht freier als die Frau. Aber er hat mehr Macht. Und damit lässt sich Unfreiheit doch ganz gut genießen, denn Macht zu haben, bedeutet: Mittel und Wege zu haben, die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.
Fragt sich nur, welche Bedürfnisse das denn sind? Ist das nicht alles nur eine Kompensation für längst vernachlässigte Bedürfnisse? Ich denke, wer die Macht braucht, der fühlt sich eigentlich im Grunde sehr ohnmächtig, denn er muss sein Menschsein in großen Teilen negieren und abschalten, und das führt ja eher zu oft natürlich nicht wirklich eingestandenen Ohnmachtsgefühlen. Irgendwann fällt aber jede Kompensation in sich zusammen, das ist eine sehr instabile Flucht in eine Scheinwelt, diese Machtgebahren. Und es führt zunehmend zur Realitätsflucht, zum nicht mehr wahrnehmen dessen, was wirklich wichtig ist. Auch das wird zunehmend zum Glück aufgearbeitet, vor allem in der Narzissmusforschung.
Ich behaupte sogar, dass es fast alles von der Erziehung abhängt, also circa über 90 %. Es wurde nachgewiesen, dass Geschlechter (und damit psychosozialees Verhalten) anerzogen werden.
Ja, das ist wohl wahr. Vor allem, weil es leider vielfach unbewusst ist, dass man im Grunde nicht Herr im eigenen Haus ist sondern in Rollenbilder abgleitet, die nicht die eigenen Bedürfnisse wiederspiegeln. Ohnmacht muss immer mit Macht kompensiert werden. Und so wendet man sich gegen den nächst Schwächeren, um sich nicht mit der eigenen Ohnmacht beschäftigen zu müssen.
Aber damit rennst du bei mir offene Türen ein!
Frage: Warum verweigern sich Männer nicht einfach? Offensichtlich gefällt es den meisten so, wie es ist? (Rhetorische Frage.)
Hm, gibt es signifikante Studien darüber, wie oft so etwas passiert? Meines Wissens nach ja eher nicht, das ist wohl auch ein Tabuthema. Ich sehe das schon in Ansätzen, dass es solche Fälle durchaus gibt. Ich begegne auch durchaus solchen Männern, wenn es auch nur eine Minderheit zu sein scheint. Allerdings ist dieses "Aufwachen" aus der Unfreiheit ja auch zunächst mit einem riesigen Schrecken verbunden, was ja erstmal verarbeitet werden muss. So mancher Zusammenbruch führt durchaus zu einem verstärkten Nachdenken über die eigenen unbefriedigenden Rollen. Was aber auch ein Identitätsproblem par exellance auslöst. Es erfordert ja auch viel Kraft, dem Mainstream zu trotzen, sich den Rollen, die von einem erwartet werden zu entziehen, denn damit steht man insbesondere am Anfang erstmal mit dem Rücken zur Wand. Vielfach sind dann auch erstmal Depressionen vorprogrammiert, damit der Teufelskreis mit der Kompensation erstmal durchbrochen werden kann.
Genau das meine ich. Ich meine, wir sind - bis auf ganz, ganz seltene Ausnahmen - alle unfrei.
Unfreiheit führt zu Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben, weil einfach die Möglichkeiten fehlen, sich selbst zu verwirklichen. Das wiederum kann sehr schnell zur Aggession/Feindbildung/Neid/Hass auf andere führen. Deshalb muss man das Problem ganzheitlich angehen.
Genau. Vielleicht kennst du ja Platons "Höhlengleichnis"? Dieses schöne Bild hat mir gezeigt, wie schwer es ist, ans "Licht" der Aufklärung zu gelangen und wie schwer es ist, der Dunkelheit zu entfliehen, weil man sie halt für "normal" hält. Hier hilft eben nur Aufklärung von Seiten derer, die die Dunkelheit bereits hinter sich gelassen haben.
Und warum wird die dann so glorifiziert? Es müssen andere "soziale Räume" her, die Menschen müssen sich irgendwo aufgehoben/zuhause/geborgen fühlen.
Genau diesen Weg versuche ich für mich auch zu gehen. Eben weg von dem Ideal, in die Kernfamilie zu flüchten, um dort die nötige Geborgenheit zu finden. Was ja ohnehin in sehr vielen Fällen wohl auch gar nicht mehr auf Dauer funktioniert. Und eben hin zu breiteren sozialen Räumen, durch beständige Beziehungen. Weg von dem Trend zum Rückzug von der als anonym empfundenen Gesellschaft, wie es in dem Bestreben zu einem Aufbau einer Kernfamilie, die sich nach außen hin weitgehend abschottet, ja noch so verbreitet ist.
Information alleine reicht nicht aus. Sie ist sehr wichtig, klar, wer nix oder wenig weiß, wird nicht weiter kommen beim denken, demjenigen fehlen dann auch die Gesamtzusammenhänge von einzelnen Problemen, aber: Information alleine macht Menschen nicht fähiger zur Freiheit bzw. "unanfälliger" gegenüber Fremdenhass und sonstigen seltsamen "Verführungen". Information reicht nicht aus.
Richtig, die Erkenntnis ist nur ein Teil des Weges. Weiter kommt man wohl nur, wenn man sich eben auch selbst hinterfragt und sein Leben dementsprechend ändert. Wenn man vor allem dann auch den Mut dazu aufbringt, gegen den Strom zu schwimmen. Ich habe aber zum Glück auch die Erfahrung gemacht, dass ich damit längst nicht alleine dastehe, dass es auch andere gibt, die diesen schwierigen Weg versuchen zu gehen.
Ich glaube, das gilt für alle Religionen.
Ich glaube auch, die weitaus meisten Menschen erkennen das nicht 😕
Könnte man durchaus meinen, ist aber zum Glück nicht so, wenn man den Verlauf der Geschichte betrachtet. Es kam schon zu einer immer stärkeren Aufklärungswelle, so dass die Religionen zwar immer noch eine große Bedeutung haben, dass sie aber sehr viel Boden verloren haben, die ehemals weitgehend absolute Macht so wie früher, die haben sie ja längst nicht mehr. Der Islam als jüngster Sproß der autoritär angelegten Religionen hinkt hier noch sehr hinterher, das ist zweifelsohne so.
Sag ich doch. Und die werden immer weiter gegeben.
Auch die Unfreiheit, das "du bist nicht o.k.", das Rollenbild, all das wird immer weiter gegeben. Und darin liegt der Kern der Unzufriedenheit, der Anfälligkeit für Extreme, für "starke Männer, die es richten" etc pp.
Wenn du die Zeit heute mit der Zeit von Heinrich Mann, von dem ja "Der Untertan" stammt, vergleichst, dann glaube ich, hat sich ja schon einiges getan. Auch wenn das noch längst nicht überwunden ist, so hat sich doch gezeigt, dass die angeblich "starken Männer", wie es zu Zeiten des Nationalsozialismus ja so stark propagandistisch aufgebaut wurde, nicht wirklich stark sind, im Gegenteil. Sie ziehen in ihrer Machtversessenheit eher eine Spur der Verwüstung hinter sich her. Ich kann nur hoffen, dass die Menschen daraus lernen bzw. gelernt haben. Denn gut Aufklärung darüber gibt es jedenfalls mehr als genug.
Welche Destruktivität meinst du?
Diese Sorte Destruktivität, die du angesprochen hast, dass der Mensch sich vermeintlich nach Unterdrückung sehnt, dass er sie braucht. Das war ja ein wichtiges Kernthema von Erich Fromm gewesen, der sich vehement dagegen verwehrt hat, dass der Mensch von Natur aus so ist. Ich denke, das ist sogar ein wichtiger Teil der Propaganda, um das Böse und die Unterdrückung auch zu legitimieren. Erich Fromms Arbeit zu diesem Thema habe ich als besonders bahnbrechend empfunden, und viele andere haben seine Arbeit aufgenommen und auch weitergeführt.
Anatomie der menschlichen Destruktivität ? Wikipedia
Anatomie der menschlichen Destruktivität: Amazon.de: Erich Fromm, Liselotte Mickel, Ernst Mickel: Bücher
Hier ist auch ein Vortrag von Erich Fromm aus dem Jahr 1971 zu diesem wichtigen Thema zu finden, in dem er die angeblich angeborene Destruktivität des Menschen und seinen Hang zu autoritären Strukturen hinterfragt und meines Erachtens auch sehr gut wiederlegt:
Fromm.Erich..Über die Ursprünge der Aggression.(1971).b.mp3