@Indryia
Ja, andere hätten wohl schneller Ausreiß genommen - andererseits hatte er schon ne 6-Jährige Beziehung?
Meine Aspie-Freundin meinte, ihr passiere so was auch ständig, es liege vielleicht nicht an meiner Prägung durch meine Mutter, sondern dass wir einfach toleranter und naiver sind als andere und wegen einzelnen Verhaltensweisen nicht gleich einen ganzen Menschen verurteilen. Das mag in manchen Situationen positiv sein, aber einem fehlt auch ein Schutzmechanismus dadurch.
Weiterhin hatte sie auch eine meiner ähnelnde Beziehung erst kürzlich und wir stellten fest, dass wir beide sehr viel bei uns die Schuld suchten. Dass wir glaubten, dass autistische Eigenheiten den anderen verwirren oder verletzen. Statt dass wir mal merkten, dass die völlig überzogen und ohne Verständnis reagieren. Mein Ex beschäftigte sich z.B. nur oberflächlich mit Autismus, teilweise wollte er das Thema lieber verdrängen und am liebsten nichts mehr davon hören, obwohl ich gerade akute Probleme deswegen hatte. Meine Freundin meint, dass er vielleicht auch ne Freundin zum Angeben suchte (was gut sein kann, da ihm seine Außenwirkung ja so wichtig ist) und dazu passt nicht, dass ich 'behindert' bin.
Definitiv hat er viel geschauspielert, aber ich habe das für bare Münze genommen und bin darauf hereingefallen. Erst mit der Zeit ist mir die Inkonsistenz seiner Worte und seines Verhaltens aufgefallen.
Ich denke auch, dass ihm gefiel, dass ich so aufmerksam war und intensiv bei der Sache, wenn er ein Problem hatte. Doch das ist bei Autisten ja besonders krass: entweder volle Zuwendung oder volle Abwesenheit und wenn eben zweiteres der Fall war, machte er mir häufig ne Szene. Dummerweise sind das dann gerade die Momente, wo ich mich AUF MICH konzentriere, mich mit einem Problem von mir außeinandersetze oder mich gerade innerlich erhole. Da war besonders unangenehm gerade dann 'den Marsch geblasen zu bekommen'.
Zu Autismus:
es stimmt, dass es bei Frauen weniger ausgeprägt ist, oder ich würde eher sagen: weniger auffält. Die Gründe wurden ja auch schon diskutiert, dass Mädchen eher beigebracht wird, sich sozial anzupassen, dass sie gut schauspielern und Rollen einnehmen können und generell eher still sind und Dinge mit sich ausmachen, statt z.B. sich schreiend auf den Boden zu werfen, was dann logischerweise sehr auffallen würde. Ich denke aber, dass das Thema autistische Frauen noch viel zu wenig beachtet wird. Ich bin froh, dass es Temple Grandin gibt, als bekannte und erfolgreiche Vertreterin von uns. Kennst du den Film über sie?
Das ist heftig, was deine Tochter durchgemacht hat - bei mir ging es mit 12 noch, das Mobbing ging los, als ich 13 war. Und ja, das hat mir geholfen mit meinem ersten Freund, da er mich sehr wertschätzte und meine Fähigkeiten sah. Er war auch sehr beliebt und ich war plötzlich nicht mehr einsam, sondern wurde in einen Freundeskreis integriert. Damit hatte ich eine Parallelwelt, die es mich in der verhassten Schule aushalten ließ.
Sie kann sich nichts vorstellen, was sie nicht gerade auch erlebt.
Das kenne ich, vielleicht nicht ganz so stark ausgeprägt, aber es ist sicher ein Grund, warum ich meinem Ex so oft verzieh - wenn er da stand, sich entschuldigte und weinte, war ich emotional ganz erfüllt von diesem derzeitigen Verhalten und vergas fast alles, was vorher war. Das ist ziemlich übel und macht einen zu einem einfachen Missbrauchsopfer. Ich denke, das könnte wirklich vielen autistischen Frauen passieren und ist etwas was in Büchern oder Wissenschaft thematisiert werden sollte, vorallem in Hinblick darauf, so etwas zu verhindern.