Ich möchte euch kurz schreiben wie der Tag war.
Ich hab die Große nach langen Zweifeln nach der Schule mitgenommen und bin mit ihr ins Krankenhaus gefahren. Sie hat gewartet und ich bin ins Zimmer und habe meinem Freund im Lauf des Gesprächs gesagt, dass sie mitgekommen ist. Er wollte sie auch sehen. Soweit die gute Nachricht. Nun die Schlechte:
Mein Freund hat sich wirklich zusammen gerissen. Er hat immer noch Schmerzen, aber die Nachwirkungen von der Narkose lassen langsam nach. Kein Fieber, keine Übelkeit mehr.
Ob es wirklich so eine gute Idee war mit der Großen dort aufzuschlagen, dass stelle ich nach dem Tag trotzdem sehr in Frage.
Meine Tochter hat sich wirklich bemüht auf optimistisch zu machen. Mein Freund hat versucht sich zu freuen. Sie hat ihm extra seine Lieblingsbücher mitgebracht, aber der Small talk war doch sehr aufgesetzt und gezwungen optimistisch. Als Mutter merkt man ja, wenn das Kind schauspielert. Eigentlich haben beide ein großes Schauspiel aufgeführt.
Mein Freund hat die Situation irgendwann auf seine Art gelöst und sie gebeten ihm einen Schokoriegel aus der Cafeteria zu holen.
Dadurch waren wir dann wieder alleine. Er meinte zu mir, ich hätte sie nicht mitnehmen sollen. Ob ich nicht gemerkt hätte, dass ihr das zusetzt. Ich hab ihm gesagt, dass sie es wollte und dass ich knapp verhindert habe, dass sie sich nach der Schule in den nächsten Bus setzt und direkt hier her kommt.
Er hat mich nur skeptisch angesehen und dann das Thema gewechselt. Er war schon etwas besser drauf, aber trotzdem nicht wie früher. Irgendwie bedrückter. Wir haben uns dann verabschiedet.
Letztlich hatte er Recht. Im Auto fing meine Tochter dann ohne Vorwarnung an zu weinen.
Aber nicht mal wegen der Situation.. Sie meinte: Papa tut mir so leid wegen seiner Hand. Wer macht sowas? Das hat er nicht verdient.
Irgendwie kamen mir dann auch die Tränen und es hat damit geendet, dass wir beide im Auto saßen und flennten. Im nachhinein hätte ich mich stärker zusammen reißen müssen, aber mir war auch alles zu viel.
Ich hab sie dann gefragt, ob wir Papa nicht zusammen anrufen wollen.
Auch weil ich dieses aneinander vorbei Gerede leid war. Beide haben sich bei mir ihr Herz ausgeschüttet, ohne mal miteinander zu reden. Vielleicht war die Idee völlig bescheuert von mir, weil er sich dadurch sicher noch schlechter gefühlt hat, aber ich hatte das Gefühl, dass es das einzig Richtige ist.
Die Große hat ihm dann am Telefon unter Tränen gesagt, dass sie ihn vermisst und dass ihr das was ihm passiert ist wahnsinnig leid tut.
Für meine Große war das ein beachtlicher Schritt, weil sie sich an manchen Tagen vollends daneben benimmt. Ich fand das richtig erwachsen von ihr.
Es kam dann lange Zeit nichts von ihm, bis er sehr zittrig sagte, dass er sie auch lieb hat und dass das sein Job ist, passieren kann und sie sich keine Sorgen machen soll. Er passt schon auf sich auf.
Ich wusste, dass er weint.
In dem Moment war es schlimm auszuhalten wie schlecht es beiden geht, aber hinterher ging es meiner Tochter besser.
Später habe ich dann nochmal mit meinem Partner telefoniert, der zu Beginn auch viel besser klang.
Rückwirkend hätten sie das Gespräch wohl lieber gleich führen sollen. Ich habe ihm gesagt, dass er alle Unterstützung der Welt hat und dass es keine Schande ist, wenn er psychologische Hilfe in Anspruch nimmt.
Er meinte, es geht schon wieder und er freut sich, wenn er bald nach Hause kommt.
Dann hat er sich entschuldigt, dass ich ihn am Tag davor in diesem Zustand gesehen hab.
Ich hab ihm klipp und klar gesagt, dass es keinen Grund gibt sich dafür zu schämen, weil das eins von vielen Dingen ist, die eine Beziehung ausmachen. Füreinander da zu sein.
Auch da kam wieder eine Weile nichts. Dann hat er leise in den Hörer geweint.
Eine Stunde später stand ich ohne Kinder vor seinem Zimmer. Ich hätte es nicht ausgehalten ihn nicht zu sehen und so schlafen zu gehen.
Die Krankenschwester war natürlich nicht begeistert, weil die Besuchszeit vorbei war. Ich hab sie dann überreden können, dass ich nur 5 Minuten brauche.
Er hat nichts gesagt. Ich habe nichts gesagt. Wir haben uns einfach umarmt und stumm geweint.
Seine ersten Worte: Es ist grad alles zu viel.
Ich sagte: Ich weiß.
Es war gut, dass ich nochmal hin gefahren bin. Ich glaube er brauchte das. Und ich brauchte das auch.
Meine Familie ist grad sehr am Limit und das macht sich bei jedem anders bemerkbar.
Mein Sohn isst weniger und meine Tochter hat Alpträume und ist heute Nacht seit langer Zeit zu mir ins Bett gekrabbelt, was sie normal nur macht, wenn sie krank ist.
Mein Sohn, der seinen Papa ja nun schon seit einigen Tagen nicht gesehen hat, fragt ständig ob er auch wirklich noch lebt. Mein Freund hat mir das okay gegeben morgen beide mitzubringen. Ist denke ich auch für unseren Sohn bitter nötig.
Ich weiß nicht, ob ich bei meinem Freund auf therapeutische Hilfe drängen soll. Ich will ihn auch zu nichts überreden oder was meint ihr?