Ich bin auch so eine Tochter, die eine völlig andere Einstellung zum Leben hat, als meine Mutter.
Aus meiner Sicht kann ich deine Tochter verstehen, wir ihr gerade zumute sein muss. Sie möchte leben und kann es nicht, weil ihr deine "andere" Lebensweise auf die Füße fällt, sie möglicherweise gerade Probleme in ihrem Leben hat und sie diese Probleme auf ihre Erziehung zurückführt. Das passiert oft im Rahmen einer Therapie o. ä. wie hier schon jemand schrieb. Lass Sie einfach in Ruhe, so schwer das für dich sein muss - ich hätte es mir von meiner Mutter gewünscht. Sie war damals aber nicht soweit und ich auch nicht.
Es war ein schleichender Prozeß, indem ich meine Mutter über Jahre nicht regelmässig sah - und wenn, gab es fast immer Streit. Andere entfernte Familienmitglieder, die ich nicht mochte, passten genau in ihr Leben und mit denen genoß sie es aus meiner Sicht in vollen Zügen. Ich konnte mein Leben nicht genießen aufgrund meiner Kindheit/Vergangenheit.
Ich kann aus heutiger Sicht, Jahre später nur sagen, dass ich vieles bereue, aber weder ich noch sie konnten über unseren Schatten springen. Meine Mutter ist heute schwer krank und pflegebedürftig. Sie wird in einer Pflegeeinrichtung gepflegt, erkennt meine Tochter und mich nicht mehr. Ich habe die gerichtliche Betreuung für sie übernommen (mittlerweile seit 12 Jahren). Die Leute, mit denen sie sich so gerne umgab, man ahnt es schon - können heute "nichts mehr mit ihr anfangen".
Für mich ist es die größte Strafe, sie so hilflos und krank zu sehen und ich würde die Zeit gern zurückdrehen, wenn es ginge, aber es geht nicht. Ich habe ein Foto hier auf dem Schreibtisch von ihr, auf dem sie 23 Jahre alt ist und noch nichts von mir wußte - ich spreche jeden Tag mit diesem Foto in der Hoffnung, ihre Seele versteht mich und das, was mit uns passiert ist, kann ich dadurch aufarbeiten.
Ich fühle mich schuldig, und das ist hart. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht bereue, dass wir uns nicht mehr aussprechen konnten. Ich weiß heute, wo meine Anteile liegen und wo ihre, aber ich kann es ihr nicht mehr sagen. Das ist schlimm ...
Mache nichts weiter, außer ihr zu schreiben, dass du ihr alle Zeit der Welt gibst. Und wenn sie möchte, ist deine Tür offen. Sie wird in dieser Zeit an sich "arbeiten" und wenn sie soweit ist, kommt sie von ganz alleine glaube ich. Nutze die Zeit und versuche auch etwas zu reflektieren.
Ich bin selbst Mutter und habe ein sehr gutes Verhältnis zu meiner erwachsenen Tochter. Wenn sie sich von mir vereinnahmt fühlt, dann sagt sie es und ich nehme mich zurück. Ansonsten schätzt sie meinen Rat. Diese Offenheit hatten meine Mutter und ich leider nicht.
Ich hoffe, mein Beitrag bringt ebenso etwas Klarheit für dich, wenn auch etwas verspätet.