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Männer und Verletzlichkeit

Warum ist das wichtig?
Weil offenbar viele Jungengruppen (nicht alle!) eine Macho-Mobbingkultur pflegen. Wobei diese Mobbingkultur vermutlich durch schwierige Verhältnisse im Elternhaus gespeist wird. Durch körperliche Gewalttätigkeiten und andere Arten der Unterdrückung und Vernachlässigung durch die Eltern, vermute ich mal. Auch durch schlechte männliche und weibliche Vorbilder, vielleicht auch abwesende Väter.
Bei Mädchen ist das meistens nicht so extrem. Je nach konkreten Rollenvorbildern und sozialem Background.
 
Ich merke dass auch bei mir obwohl ich eine Frau bin, dass ich oft hart und kalt bin. Manchmal taue ich auf und es kommt eine normale Seite zum vorschein.
Ich denke, dass ist bewusstheit gegenüber sich selber wie hart soll man sich den im Aussen zeigen? In der Arbeit da muss man meistens die Fasade halten und im privaten sollte man lernen die Fassade fallen zu lassen
 
Toller Spiegel-Artikel!! 🙂

Henry Murrain, der stellvertretende Kulturminister von Bogotá, Kolumbien, hat in der Metropole den ersten kleinen Anfang für eine Kulturrevolution gelegt - er hat dem Machismo den Kampf angesagt. Ganz praktisch, über Kurse zur Care-Arbeit z. B. Auch in Gefängnissen. Und er erzählt, was er in seiner Kindheit erlebt hat: Die Liebe seines Vaters - und das extreme Mobbing durch andere Jungen, das darauf abzielte, ihn "endlich" auch zu einem Macho zu machen.
Was Henry Murrain meint, spricht ein Häftling aus: »Der Macho ist die Fassade, dahinter steckt ein gequältes, unsicheres Kind.«

Dieser Prozess wird natürlich über Jahrzehnte und vielleicht Jahrhunderte gehen müssen.

Hier der Link:
 
Dieser Thread ist für alle Jungen, Männer und für alle Menschen, die sich als eher männlich empfinden, gedacht, die hier schreiben wollen, wie sie sich vor allem in der Kindheit und Jugend, aber auch später als Erwachsene gefühlt haben, wenn sie ausgelacht, kritisiert, verhöhnt, körperlich attackiert wurden, weil sie sich in bestimmten Situationen verletzlich gezeigt haben. Weiteres dazu am Ende dieses Posts.

Meiner Ansicht nach gibt es auf diesem Planeten kaum etwas, das für die Gesellschaften langfristig zerstörerischer ist als die Unterdrückung von Trauer, Angst und Unsicherheit bei Jungen und Männern. Die Mehrheit der Männer darf sich immer noch nicht verletzlich zeigen. In sehr vielen Familien müssen Jungen und Männer immer noch „echte Kerle“ sein, wenn sie von anderen Menschen respektiert werden wollen. Es geht dabei um Oben und Unten, um Macht- und Prestigehierarchien. „Männlich“ oder „stark“ sein heißt wahlweise „auf keinen Fall weiblich sein“, „immer die Kontrolle über die eigenen Gefühle und das eigene Leben behalten“, „alles können“, „mächtiger oder besser als andere sein“, oft auch „Kontrolle über Frauen und Kinder haben“. Trauer, Tränen, Sehnsucht nach Nähe zu den Vätern, Sehnsucht nach Trost, Angst, Unsicherheit, Verzweiflung, Einsamkeit, Schmerz, Misserfolge und psychische Krankheiten oder Behinderungen etc. dürfen nicht sein, dürfen nicht gezeigt werden. Jungen und Männer werden gemaßregelt, kritisiert, gemobbt, gedemütigt, ausgeschlossen, körperlich attackiert, wenn sie ganz normale Gefühle zeigen oder Misserfolge haben – was etwas völlig Natürliches ist. Oft werden auch Interessen oder Verhaltensweisen der Jungen, die als „weiblich“ gelten, kritisiert und unterdrückt. Sehr viele Jungen entscheiden sich aufgrund dessen, Machos, Mobber, autoritäre Väter und autoritäre Vorgesetzte zu werden, d. h. bauen eine imposante, mehr oder weniger aggressive Fassade auf, die mit dem eigentlichen Menschen dahinter nur noch wenig zu tun hat. Sie werden zum Machtmenschen und Täter, missachten oder unterdrücken selber mehr oder weniger stark alles „Weibliche“ und „Schwache“ – Mädchen, Frauen, Homosexuelle, queere Personen und Jungs und Männer, die Verletzlichkeit zeigen und viele andere Personen, die sie als schwach oder anders empfinden. D. h. sie projizieren ihre Schwäche auf andere Menschen. Oder sie werden infolge der Unterdrückung und Lieblosigkeit psychisch sehr krank bzw. flüchten in Süchte, oft aufgrund der Kälte ihrer Macho-Väter oder narzisstischen Mütter. Meiner Ansicht nach haben patriarchale Strukturen viel mit Narzissmus zu tun, aber das ist ein anderes Thema und würde hier zu weit führen. Selbstverständlich gibt es auch kalte, herrschsüchtige Frauen, Mädchen und vermutlich auch queere Personen, die die Gefühle von Jungen und Männern unterdrücken. Diese Menschen sind ebenfalls Teil der patriarchalen Strukturen, aus der unsere Gesellschaft ursprünglich stammt.

Mit anderen Worten: Die Welt ist voll aufgeblähter Männer, die in hierarchischen Familien oder sogar hierarchischen Gesellschaften aufgewachsen sind und keinen Kontakt mehr zu ihren Gefühlen von Schwäche und Hilflosigkeit haben. Die bösartigsten werden Mörder und Massenmörder. Einer von ihnen (samt Gleichgesinnten und Entourage) sitzt gerade im Kreml, betreibt einen Männlichkeits- und Personenkult, denkt politisch und militärisch nur in Kategorien von Sieg oder Niederlage, lässt Zigtausende unschuldiger Menschen abschlachten und stürzt die ganze Welt in eine extrem gefährliche Krise.

Was diese toxischen Männer und Frauen nicht sehen oder nicht sehen wollen: Niemand ist immer schwach. Und wer nur die vermeintlich „starken“ Alpha-Männchen respektiert und schätzt, der hat narzisstische Züge und ist nicht wirklich gesund. Psychische Gesundheit bedeutet unter anderem: Sich selbst zu lieben, so, wie man ist. Die eigenen charakterlichen Schwächen zu sehen, zu analysieren und versuchen, sie zu beheben – was nie zu 100 Prozent gelingt. Die eigenen Gefühle wahrnehmen und angemessen ausleben zu können. Sich selbst trösten zu können. Sich anderen nahen Menschen öffnen zu können. Um Hilfe bitten können. Die Grenzen anderer Menschen zu respektieren. Langfristige echte Freundschaften und enge Liebesbeziehungen eingehen zu können. Kompromisse schließen zu können. Gut arbeiten zu können. Die eigenen Kinder so zu erziehen, dass sie eine sog. sichere Bindung an die Eltern entwickeln (siehe Bindungsforschung).

Zurück zu euch, wenn ihr hier schreiben wollt: Wer hat euch attackiert? Welches war der Grund? Wie wurdet ihr beschimpft oder auf andere Weise niedergemacht? Was wurde euch wie lange / wie oft angedroht? Wie habt ihr euch dabei gefühlt? Was hättet ihr euch damals gewünscht? Was wünscht ihr euch heute? Habt ihr euch aufgrund dieser Erlebnisse verändert?

Natürlich waren viele von euch auch wütend oder hasserfüllt wegen der Unterdrückungssituation; Wut und Hass auf den Aggressor sind oft wichtig, um die persönliche Integrität wiederherzustellen. Aber um diese „starken“ Gefühle soll es hier nur am Rand gehen, denn den meisten Männern fällt es leicht, Wut zu spüren.

Die Gefühle der Verletzlichkeit, die bei Jungen und Männern so unendlich oft unterdrückt werden, sollen hier im Mittelpunkt stehen. Es geht nicht um allgemeines Jammern, sondern um konkrete eigene Erlebnisse. Diskussionen will ich hier nicht haben, denn dann verschwindet Mann wieder in den Kopf. Wer diskutieren will, soll einen anderen Thread aufmachen. Der Thread soll auch offen einsehbar bleiben, damit möglichst viele Männer auf das Thema aufmerksam werden.

Und: Ich hoffe, ihr kommt damit klar, dass eine Frau diesen Thread eröffnet.

Respekt vor jedem, der hier schreibt. 🙂

Bei mir ist es eine längere Geschichte.
Ich bin ein Wunschkind. Meine Eltern wollten nach einem Haufen Mädchen einen Jungen. Ich war aber klein und kränklich. Deswegen habe ich mich geschämt und ich konnte mit keinem darüber reden.

Meine Eltern sind Flüchtlinge und ich glaube, dass mein Vater dadurch eine Entmännlichung erfahren hat. Ich dachte, dass ich tough sein muss und keine Gefühle zeigen darf. Ich habe immer heimlich geweint. Ich wollte stark sein - für die Familie.

Mein Vater ist ein gefühliger Mann und er hat nie erwartet, dass ich meine Gefühle verberge. Es kam eher von der Gesellschaft. Und von dem was er mir auch vorlebte. Mein Vater hat PTBS (posttraumatischen Belastungsstörung), aber er hat es nicht thematisiert. Stattdessen hat er thematisiert, dass er Bauchschmerzen hat. Er hat aber nie bös reagiert, wenn ich Gefühle zeigte.

Ich bin schon früh mit der Idee vertraut gemacht worden, dass ein Mann schützen können muss, habe Kampfsport betrieben und bin mit meinen Verwandten (Männer und Jungs) zum Lasertag gegangen.

Von der Gesellschaft habe ich oft erlebt, dass ich unmännlich oder schwul wahrgenommen werde.
Als Kind hieß ich „der Schwalbenkönig“, weil ich nicht einfach weitergespielt habe, wenn ich gefoult wurde.
Ich hatte als Junge den Wunsch, Brautmodendesigner werden. Das galt als schwul. Sie haben darüber gelacht.
Auch darüber wie ich mich pflegte wurde gelacht, als ich Jugendlicher war. Ich galt als zu gepflegt und „schwul“.

Ich wurde auch ausgelacht, weil ich meine Cousins geküsst habe und weil ich meinen Vater vor dem Abschied für eine Fahrt umarmt habe. Ich habe vorgetäuscht, dass es mir nichts ausmacht. Innerlich aber war ich tief verletzt.

Ich bin Opfer von Gewalt geworden, als ich meine Schwester verteidigen wollte, der eine Männergruppe Anzüglichkeiten hinterherrief.
Ich war dann im Krankenhaus und die haben meine Cousins weg geschickt und erwartet, dass ich tough bin und allein klar komme. Das hat mich sehr verletzt und ich bin damit nicht klar gekommen. Wieder konnte ich mit keinem darüber reden.

Nach dem Angriff hatte ich Angst, allein rausgehen. Meine Cousins haben instinktiv verstanden, was mit mir ist und haben mich begleitet. Besonders einer. Wir haben es hingegen nicht thematisiert.

Es ging mir nicht gut und ich wollte mit den Leuten reden, aber ich konnte nicht. Schließlich habe ich es doch getan. Es hat mich viel Überwindung gekostet.

Unlängst pöbelte mich eine Männergruppe wegen meiner Jacke mit Fakefur an. Sie fragten mich, ob ich schwul sei. Die Jacke sei schwul. Ich habe mich wie ein geprügelter Hund weg geschlichen und so getan, als ob ich sie nicht bemerke.

Hinterher habe ich mich schrecklich gefühlt. Ich wollte weinen, konnte aber nicht weinen.
 
Hi BinNichtWertlos,

danke für deinen sehr offenen und emotionalen Beitrag! Danke, dass du dich getraut hast, über das Mobbing, die Zurückweisungen und deine Familie zu schreiben!

Es tut mir sehr leid, dass du so viel Zurückweisung, Vernachlässigung, Gewalt und Mobbing erfahren musstest. Über so viele Jahre. Und keinen Trost.

Ich nehme an, dass du ein sehr sensibler Mensch bist, und dann haut eben alles richtig rein. Wenn man dann außerdem noch fast nie mit jemandem richtig reden konnte, fühlt man sich vermutlich verunsichert und vielleicht sogar depressiv. Ich bin hochsensibel, wurde in der Kindheit unterdrückt und geschlagen und weiß, wie es ist, wenn man die ersten 25 Jahre mit niemandem richtig reden konnte.

Wie dieser Angriff vor deinem Krankenhausaufenhalt konkret aussah, weiß ich natürlich nicht, aber ansonsten denke ich, du hast nichts falsch gemacht. Du hast einfach teilweise gezeigt, wie du wirklich bist, und das war etwas, was sich alle anderen Jungs und Männer um dich herum eben nicht getraut haben. Und es ist zwar ärgerlich für einen selbst, wenn man kränklich ist, aber es ist nichts daran unmännlich. Es ist eben so.

Ich finde es toll, dass du es immer mal wieder riskiert hast, deine Gefühle zu zeigen, und ich finde es toll, dass du das anziehst, was dir gefällt!
Übrigens: Du weißt wahrscheinlich, dass es einige Männer gibt, die Röcke und Männerkleider tragen. Es gibt irgendwo ein Video eines Interviews mit Aviv Geffen, einem israelischen Rockmusiker, in seinen Jugendjahren, da trägt er eine Art glitzernden Hänger. Sieht richtig gut aus, finde ich. Er kann sowohl seine lauten und aggressiven als auch seine leisen Emotionen zeigen, und genau das find ich gut. 🙂

Hast du heute Menschen, zu denen du Vertrauen haben und mit ihnen reden kannst, wenn es dir schlecht geht? Die Familie kann man sich nicht aussuchen, Freunde und Freundinnen schon. Der Gedanke, der mir kam, als ich deinen Post gelesen hab, war, dass du eigentlich ein völlig anderes Umfeld bräuchtest.

Vielleicht würde es dich interessieren, das Buch des Soziologen Didier Eribon zu lesen, "Rückkehr nach Reims". Er erzählt darin seine Lebensgeschichte, aber nicht nur das, er erklärt auch, wie die soziale Schicht, aus der er stammt, fühlt und denkt. Er ist ein Franzose aus der Provinz, seine Familie und sein (ehemaliges) Umfeld gehören zur Arbeiterschicht, er selbst ist schwul, ist während der Schulzeit oft gemobbt worden, ist sehr viel intelligenter, feinfühliger und reflektierter als seine Familie, und ich glaube, er hatte zwar erst auch Schwierigkeiten, sich an der Universität wohlzufühlen- logisch, er kannte das Bildungsbürgertum, aus dem die meisten Studis stammen, eben nicht - , aber schließlich hat er die Kreise gefunden, die zu ihm passen, und es geht ihm jetzt gut. Eribon ist Soziologieprofessor oder -dozent, und seine Mutter weiß nicht mal genau, was Soziologie bedeutet. Er lebt in zwei komplett getrennten Umwelten, quasi auf zwei Planeten - aber da die Familie ihn weder auf der psychologischen, beruflichen noch der gesellschaftlichen oder politischen Ebene versteht oder verstehen will, hat er nicht mehr viel mit ihr zu tun.
Ich dachte, vielleicht interessiert es dich, von jemandem zu lesen, der auch ganz anders als sein Umfeld war und woanders Zufriedenheit gefunden hat.
Aber vielleicht bist du eh schon auf der Suche oder hast echte Freunde gefunden.

Natürlich wäre es toll, wenn wir alle in einer Umwelt leben würden, in dem Männer und Jungs über ihre Gefühle reden und sie zeigen könnten. Und wo endlich mal akzeptiert würde, dass Menschen unterschiedlich sind. Aber das dauert noch ...🙄

Danke nochmal für deinen Mut!🌷 🙂
Kaela
 
Zuletzt bearbeitet:
Bei mir ist es eine längere Geschichte.
Ich bin ein Wunschkind. Meine Eltern wollten nach einem Haufen Mädchen einen Jungen. Ich war aber klein und kränklich. Deswegen habe ich mich geschämt und ich konnte mit keinem darüber reden.

Meine Eltern sind Flüchtlinge und ich glaube, dass mein Vater dadurch eine Entmännlichung erfahren hat. Ich dachte, dass ich tough sein muss und keine Gefühle zeigen darf. Ich habe immer heimlich geweint. Ich wollte stark sein - für die Familie.

Mein Vater ist ein gefühliger Mann und er hat nie erwartet, dass ich meine Gefühle verberge. Es kam eher von der Gesellschaft. Und von dem was er mir auch vorlebte. Mein Vater hat PTBS (posttraumatischen Belastungsstörung), aber er hat es nicht thematisiert. Stattdessen hat er thematisiert, dass er Bauchschmerzen hat. Er hat aber nie bös reagiert, wenn ich Gefühle zeigte.

Ich bin schon früh mit der Idee vertraut gemacht worden, dass ein Mann schützen können muss, habe Kampfsport betrieben und bin mit meinen Verwandten (Männer und Jungs) zum Lasertag gegangen.

Von der Gesellschaft habe ich oft erlebt, dass ich unmännlich oder schwul wahrgenommen werde.
Als Kind hieß ich „der Schwalbenkönig“, weil ich nicht einfach weitergespielt habe, wenn ich gefoult wurde.
Ich hatte als Junge den Wunsch, Brautmodendesigner werden. Das galt als schwul. Sie haben darüber gelacht.
Auch darüber wie ich mich pflegte wurde gelacht, als ich Jugendlicher war. Ich galt als zu gepflegt und „schwul“.

Ich wurde auch ausgelacht, weil ich meine Cousins geküsst habe und weil ich meinen Vater vor dem Abschied für eine Fahrt umarmt habe. Ich habe vorgetäuscht, dass es mir nichts ausmacht. Innerlich aber war ich tief verletzt.

Ich bin Opfer von Gewalt geworden, als ich meine Schwester verteidigen wollte, der eine Männergruppe Anzüglichkeiten hinterherrief.
Ich war dann im Krankenhaus und die haben meine Cousins weg geschickt und erwartet, dass ich tough bin und allein klar komme. Das hat mich sehr verletzt und ich bin damit nicht klar gekommen. Wieder konnte ich mit keinem darüber reden.

Nach dem Angriff hatte ich Angst, allein rausgehen. Meine Cousins haben instinktiv verstanden, was mit mir ist und haben mich begleitet. Besonders einer. Wir haben es hingegen nicht thematisiert.

Es ging mir nicht gut und ich wollte mit den Leuten reden, aber ich konnte nicht. Schließlich habe ich es doch getan. Es hat mich viel Überwindung gekostet.

Unlängst pöbelte mich eine Männergruppe wegen meiner Jacke mit Fakefur an. Sie fragten mich, ob ich schwul sei. Die Jacke sei schwul. Ich habe mich wie ein geprügelter Hund weg geschlichen und so getan, als ob ich sie nicht bemerke.

Hinterher habe ich mich schrecklich gefühlt. Ich wollte weinen, konnte aber nicht weinen.

Vielleicht hast du meinen Vorschlag, dir Freunde zu suchen, die dir mehr ähneln, als Abweisung empfunden. Vielleicht hast du angenommen, ich schlag dir vor, dass du in eine andere soziale Gruppe verschwinden sollst. Aber so meine ichs natürlich nicht. Ich denke , dass es vermutlich noch Jahre und Jahrzehnte dauert, bis deine Familie und dein sonstiges patriarchales Umfeld einsehen, dass sie sich selbst ändern müssen. Reden lernen, alle Gefühle zulassen lernen etc. Und dass ihnen genau das gut tun wird.
Natürlich verstehe ich, dass du auch von deinem jetzigen Umfeld richtig geliebt bzw. respektiert werden möchtest! Aber ich denke, man sollte sich nichts vormachen und nicht dort etwas suchen, wo nichts ist (Verständnis, Feinfühligkeit etc.) Klar mögen dich einige oder viele Familienmitglieder, Freunde, Bekannte - aber ich glaub nicht, dass du auf absehbare Zeit dort alles findest, was du dir wünschst.
Und im eigenen "Rudel" fühlt man sich halt am besten.

Und zweitens: Möglicherweise hast du dich über mich geärgert, weil ich das Beispiel von Didier Eribon gebracht hab oder weil ich mich aufgeschlossen gegenüber Männer-Röcken etc. gezeigt hab. Also weil ich schwule und emanzipierte Männer völlig in Ordnung finde. Ich weiß nicht, ob ich dich richtig verstanden hab, aber man kann deinen Beitrag so auffassen, dass du dich einerseits darüber beklagst, dass dein Gefühlsausdruck und deine weicheren Seiten hart kritisiert worden sind (und dein Schmerz ist ja voll und ganz nachvollziehbar), dass du andererseits aber sehr gekränkt warst, dass man dich immer wieder als "schwul" bezeichnet hat. Wenn du nicht schwul bist, könntest du (zu dir selbst) ja auch einfach sagen - nee, bin ich nicht, aber wozu gekränkt sein? Was beim Vorwurf "du bist schwul!" wehtut, ist ja, dass gemeint ist: "Du bist als Mann nichts wert", und ich finde es völlig ok, dass du darauf mit Schmerz reagierst. Du hast natürlich ein Recht auf deine eigene Meinung, aber wenn du Schwule ablehnst, sie als minderwertige Menschen betrachtest, finde ich das nicht in Ordnung. Schwul-Sein tut niemandem was Böses.
Falls ich dich falsch verstanden hab, vergiss dies hier einfach. 🙂
 

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