Schön, dass du hier so offen bist. 🙂
Ich schreib diesmal auch über mich, aber nur, um auf dich einzugehen und dir besser verständlich zu machen, was ich meine und was u. U. möglich wäre. Und ich hole ziemlich weit aus - hoffentlich nicht zu weit. Wenn dir das alles eh schon sonnenklar ist, kannst du mir ruhig Bescheid sagen. 🙂
Zum Thema Kontaktabbruch: Ein großer Teil meiner Familie ist ebenfalls konservativ. Da ich die meisten mag, bin ich gar nicht auf die Idee gekommen, den Kontakt zu ihnen abzubrechen, auch wenn dieser große Teil meiner Familie mich nie richtig verstanden hat. Allerdings hatte ich 16 Jahre den Kontakt zu meiner Mutter und ebenfalls mehrere Jahre den zu meinem Vater abgebrochen, weil sie damals beide so unerträglich narzisstisch (also narzisstisch, nicht Nazis) waren. Den Kontakt zu meinem Vater werde ich nicht wieder aufnehmen, sonst würde es mir wieder schlechter gehen. Dass ich so lange mit meiner Mutter nichts zu tun haben wollte, hat sie SEHR geschmerzt, aber ich denke, es hat entscheidend dazu beigetragen, dass sie begriffen hat, dass ich ein eigenständiger Mensch und nicht ein Teil von ihr bin. Sie hat mir nichts zu befehlen. Und sie hat natürlich eine Therapie gemacht, das heißt, sie war bereit dazuzulernen und ihre Ansichten in Frage zu stellen. Sie hat später sehr deutlich und in drastischen Worten zugegeben, wie falsch sie früher mit ihren Ansichten und Ansprüchen gelegen hat. Heute geht sie mit mir sehr respektvoll um und wir verstehen uns gut, was ich viele Jahre nie für möglich gehalten hätte.
Nachdem mich die Denk- und Verhaltensweisen meiner Eltern über Jahrzehnte sehr belastet haben, geht es mir jetzt mit ihnen also ziemlich gut. Es war ein harter Weg, der sich für mich aber sehr gelohnt hat.
Ich weiß nicht, wie deine Familie und deine Freunde mit dir umgehen ... du musst wissen, was du ertragen kannst und was nicht. Aber wenn man wirklich verstanden werden will, dann sollte man sich auch Leute suchen, die so ticken wie man selbst. Und dafür sorgen, dass die Leute einen respektieren, mit denen man viel zu tun hat, sonst wird man ständig verletzt. Das wäre ständiger Krieg, mehr oder weniger offen ...
Du schreibst, dass in libanesischen Familien, anders als in deutschen, Krankheit oder psychische Probleme eines Familienmitglieds auf die ganze Familie zurückfallen und quasi die Ehre oder Reputation der Familie mindern oder "beschmutzen". Aber ich denke, vor 100 oder 150 Jahren war das in Deutschland ähnlich, und teilweise ist es heute noch so. Meiner Ansicht nach geht es aber im Grunde nicht um libanesische, deutsche oder indonesische Vorstellungen von Familienehre, sondern es geht um traditionelle, patriarchale Vorstellungen auf der einen und humane, wissenschaftsbasierte Vorstellungen auf der anderen Seite. In einer patriarchalen Gesellschaft, wie auch die deutsche eine war, gehts um eine starke, makellose Fassade (und um einiges andere). Dort sollen sich die älteren Männer (teils auch Frauen) durchsetzen und mehr oder weniger über alle anderen Mitglieder herrschen. In einer auf Menschenrechten basierten Gesellschaft sollte jedes Individuum geachtet und respektiert werden, selbstverständlich auch dessen Seele. Wesentlich hierbei ist für mich nicht nur die philosophische Basis (dass es schlicht ein Gebot der Menschenwürde ist, dass jeder Mensch, auch Kinder, respektiert werden sollte), sondern auch die wissenschaftliche. Durch 50 Jahre Bindungsforschung hat sich gezeigt, welches die grundlegenden Bedürfnisse der Kinder sind, die unbedingt erfüllt werden müssen, damit sie sich gut entwickeln. Das wichtigste hierbei ist die Feinfühligkeit der Eltern gegenüber allen Äußerungen der Kinder, also das Einfühlungsvermögen. Ich habe ein Fachbuch der deutschen Bindungsforscher Karin Grossmann und Klaus E. Grossmann, "Bindungen - das Gefüge psychischer Sicherheit", darin zeichnen sie die Forschungsergebnisse ihres ganzen Berufslebens nach, und die zentrale Rolle der Feinfühligkeit wird ständig erwähnt. Nur so können die Kinder eine sogenannte sichere Bindung zu ihren Eltern entwickeln.
Die Psychologie ist in Deutschland etwa 150 Jahre alt, die Soziologie vermutlich noch älter. All die Erkenntnisse, die die Universitätsbibliotheken füllen, sind ja keine Meinungen ohne Faktenbasis (bzw. ältere Theorien werden ständig durch neue Forschungsergebnisse korrigiert). Man versucht an der U
Sondern es geht darum, was jedes einzelne Element eines Systems braucht, um gut zu gedeihen.
Du bist in einer libanesischen traditionellen Familie aufgewachsen, du bist sehr an sie gewöhnt, ähnlich, wie auch ich an meine deutsche traditionelle Familie gewöhnt war. Für mich hört sich deine Schilderung, dass du aus Rücksicht auf deine Familie kaum jemals mit jemandem geredet hast, wenn es dir schlecht ging, so an, als habe dir deine Familie verbal oder nonverbal vermittelt, dass du auch gar nichts sagen darfst. Ist das so richtig? Bisher seh dich überhaupt nicht als "schuld" dafür an, dass du über deine Probleme nicht geredet hast, ich nehme an, dass dir alle anderen Männer das vorgelebt haben, was du dann von ihnen übernommen hast. Oder hab ich dich hier falsch verstanden?
Du schreibst, du kannst nicht anders als dich zu schämen, wenn du krank bist. Das finde ich nachvollziehbar, denn ich hab den Eindruck, dass du noch ziemlich jung bist. Du lebst in diesen patriarchalen Vorstellungen von Familie, und um sich auch nur ein bisschen davon zu lösen, braucht es viel Zeit und Mühe. Ich nehme an, dass du dich hin- und hergerissen fühlst zwischen den traditionellen und modernen Vorstellungen von Familie und seelischer Gesundheit. Und du bist körperlich und psychisch krank, was mir leid tut. Das heißt, du hast ein ganz schönes Päckchen zu tragen ...
Dass ihr mit euren Kindern später so umgehen wollt, dass sie euch alles sagen können, finde ich natürlich toll! Ich habe auch dadurch den Eindruck, dass du dich in einem inneren Prozess befindest. Ist das richtig?
Natürlich bin ich der Meinung, dass du dich nicht wegen deiner Krankheit schämen musst. Du hast jetzt auch wenig Zeit, sodass ich dir für den Moment leider keinen Rat geben kann.
Was ich dir diesmal eigentlich nur schreiben wollte, war: Es ist für die Wahrheitsfindung egal, wie ein Nicht-Fachmann, eine Nicht-Fachfrau über psychische und körperliche Probleme in einer Großfamilie denken. Es kommt darauf an, was die Psychologie und die Soziologie darüber zu sagen haben. Und die sagen ganz klar, dass Mitgefühl und Feinfühligkeit das Normale sind, und nicht eine blendend weiße, starke Fassade vor der düsteren, kalten Rückseite.