Meines Erachtens hängt die Einsamkeit in unserer Gesellschaft damit zusammen, dass es vielen zu gut geht. Die Grundbedürfnisse sind befriedigt. Hier braucht niemand zu hungern oder aus Deutschland zu flüchten, der 2. Weltkrieg ist seit 70 Jahren beendet, die allermeisten haben auch ein mehr als akzeptables Dach über dem Kopf. Vielen geht es finanziell sogar richtig gut.
Was dabei verloren gegangen ist, ist eine gewisse Bescheidenheit. Die steht nicht mehr hoch im Kurs. Man muss beruflich und privat möglichst viel erreicht haben, sich ständig verändern, den neuesten Trends folgen, immer gut drauf sein, bloß keine Sorgen, Probleme und Schicksalsschläge oder schwere Krankheiten - sonst ist man nicht mehr interessant. Statussymbole wie schöne und große Eigenheime, "dicke" Wagen, teure Klamotten und Hobbys, möglichst weite und exotische Urlaubsziele, akademische Titel, hohe Positionen und nicht zuletzt ein großer, aus einflussreichen Menschen bestehender "Freundes"kreis gehören dazu, wenn "man" dazugehören will. Wer da nicht mithalten kann, der wird links liegen gelassen.
Auf die Hilfsbereitschaft anderer ist man auch nicht mehr angewiesen, wenn man sich alle Unterstützungsleistungen "erkaufen" kann. Also ist Hilfsbereitschaft auch keine wertvolle Eigenschaft mehr, sondern eher eine, die belächelt und bestenfalls ausgenutzt wird. Selbst in der sog. "Lebenshilfe"-Literatur wird ja nur noch dazu geraten, wie man am besten "Nein" sagen und sich "abgrenzen" kann und dass man sich vor anderen geschickt darstellen und bloß nicht zu viel lächeln sollte, wenn man respektiert werden und beruflich weiter kommen will. Was soll dabei langfristig anderes herauskommen als Einsamkeit und Einzelkämpfertum?