Ich hatte heute also wieder einen Termin bei meiner Therapeutin. Es ging heute gar nicht um die Thematik des Prozesses, sondern um etwas recht aktuelles.
Auf dem Weg dort hin ist es mir zugleich zwei Mal passiert, dass mich Passanten (Männer) unerwartet angesprochen und mich in ein Gespräch involvieren wollten. Inzwischen ganz typisch für mich: ich stehe wie angewurzelt da und kann mich nicht aus der Situation lösen, weil in mir in sekundenschnelle tausend Gedanken ablaufen und ich - nicht mal bewusst - Angst habe, dass die Situation schlecht ausgehen könnte. Ich verfalle dann in eine Art Starre und lasse die Situation irgendwie über mich ergehen, anstatt deutlich zu machen, dass ich keine Zeit, kein Interesse oder sonst etwas habe.
Meine Therapeutin warf den Begriff Vermeidung in den Raum. Es ist also ein Vermeidungsverhalten, das sich inzwischen verinnerlicht und verselbstständigt hat. Ich gehe sämtlichen Situationen, die ein Konfliktpotential haben, aus dem Weg, unterwerfe mich extrem, falls es doch dazu kommt oder erstarre.
Ich selbst habe das gar nicht so wahrgenommen, hätte sie mich gefragt, ob ich Dinge vermeide, hätte ich ganz klar mit Nein geantwortet (Naja, bis auf ein paar typische Ausnahmen). Dazu kommt, dass da alte Glaubenssätze "ich darf nichts falsch machen" mit reinspielen und durch die Tat verstärkt wurden.
Auch meine Tendenz, inzwischen alles als Gefahr einzustufen, wo nichtmal eine solche da ist. Jedes noch so kleine Wort wird von mir unbewusst akribisch auf Gefahr überprüft und überbewertet. Das macht das Zwischenmenschliche natürlich schwer. Deshalb auch die vielen Missverständnisse bezüglich meiner noch bestehenden oder verlorenen Freundschaften. Kurzum: ich bin nicht konfliktfahig, reagiere sensibel auf ebendiese und vermeide sie deshalb immer und überall. Nicht zuletzt aus der Angst heraus, dass Konflikte einen für mich sehr negativen Ausgang nehmen.
Wie komme ich da aber wieder raus, wenn es doch ein Automatismus ist?
Meine Therapeutin riet mir, mir in solchen Momenten bewusst zu machen, dass ich handeln kann, dass ich weiter gehe und nicht stehen bleibe, dass mir so schnell nichts schlimmes widerfährt, wenn ich bei mir bleibe. Sie sagte, ich müsse das wieder üben. Mein Organismus ist scheinbar derart auf Sicherheit getrimmt, dass das kleinste Risiko verletzt zu werden, total überbewertet und/oder vermieden wird. Das war mir bis heute nicht bewusst, aber es erklärt so manche Schwierigkeiten im Umgang mit Menschen.
Hat jemand Tipps, wie ich aus dieser Spirale herauskomme? Wie habt ihr es geschafft, Vermeidung zu überwinden?
Mein ehemals bester Freund hatte immer mal wieder von äußerer und innerer Sicherheit gesprochen. Erst jetzt begreife ich wohl, was damit gemeint war.
Vielleicht kann ich dann ja auch etwas selbstbewusster durch den Prozess, weil ich mir ein besseres Sicherheitsgefühl erarbeitet habe. 🤷♀️