Nein, Dagoa, so geht es nicht.
Du schreibst im vorigen Beitrag: "Da ist in Wahrheit der Wunsch der Vater des Gedankens, die eigenen Wünsche werden als die eines Gottes ausgegeben,"
Das ist keine Annahme von Dir, sondern eine Behauptung. Und dieser Behauptung widerspreche ich. Und dies tue ich in der Annahme, dass Du Deine Behauptung nicht beweisen kannst.
Also über Beweise müssen wir hier nicht diskutieren. Eine Einigung in Deinem Sinne würde voraussetzen, dass wir uns einig sind, dass nur das als Beweis zulässig ist, was durch unsere 5 Sinne erfassbar ist. Bewusstsein, Verstand, Gewissen... würden ausgeschlossen sein, was ich für falsch halte. Würden Indizien ausreichen, wie z.B. der moralische Gottesbeweis von Kant?
LG, Nordrheiner
Der beste Beweis ist doch der, daß jedes Gottesbild genauso aussieht, wie der jeweilige Gläubige es gern hat. Der blauäugige Gutmensch sieht einen "lieben" Gott, der alles schon (irgendwie und irgendwo...) zum Besten richtet, der Krieger aus einer Erobererkultur sieht einen Gott, der den tapferen sprich skrupellosen Krieger im Jenseits mit einem Plüschbordell samt 72 Jungfern zum Dauerfi*en belohnt. Verstehst Du, was ich meine? "Gott" ist nichts anderes als ein Spiegel, der auf einen Altar gestellt wird und in dem jeder, der hineinschaut, genau das sieht, was er am liebsten sehen möchte - nämlich einen "Gott" nach dem eigenen Ebenbild, der die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zuerst einmal versteht, dann natürlich erfüllen soll und als drittes auf eine unangreifbare, metaphysische Ebene erheben soll, auf der sie dann für jeden anderen (Menschen) zum "unangreifbaren Gesetz" werden sollen, vor dem alle anderen gefälligst in Demut und Ehrfurcht zu kuschen haben. Der Mensch schuf Gott nach seinem Ebenbild, nicht umgekehrt. (Hat, glaub ich, schon ein gewisser Feuerbach geschrieben, die Erkenntnis ist nicht neu.) Und der Mensch neigt nun mal dazu, sich selber zum Maß aller Dinge zu machen und zu glauben, der "eigene Gott", sprich das eigene, übersteigerte Selbst, sei das "Ideal", zu dem alle anderen, wenn nötig auch gegen ihren Willen, hingezwungen werden müßten. Und deswegen ist Religion eine ständige Quelle des Unfriedens, und wird es auch immer bleiben.
Zu Kant gibt es eine Kurzversion auf Wikipedia unter "Gottesbeweis", aus der man herauslesen kann, daß Kant die Existenz eines Gottes als "ultimative moralische Instanz" voraussetzte - weshalb also gleich am Anfang der Indizien ein Denkfehler steht, die Natur, die Welt, das ganze Universum kennen nämlich gar keine Moral. Moral ist eine rein menschliche Erfindung, ein Mittel zur Aufrechterhaltung eines sozialen Zusammenlebens in einer Gruppe oder Horde, das jedoch ganz nach Bedarf verändert werden kann, es gibt also gar keine "ultimative Moral", an die jeder Mensch, jedes Lebewesen, jedes Atom oder jede Staubwolke im All sich halten müßte. Zitat aus Wikipedia: "Für die praktische Vernunft sei es dennoch moralisch notwendig, das Dasein Gottes anzunehmen, denn das moralische Gesetz führt über den Begriff des höchsten Guts zur Erkenntnis aller Pflichten als göttliche Gebote". Heißt für einen Atheisten in salopp freier Übersetzung ungefähr so: das menschliche ("moralische") Gesetz wird durch Benutzung des Schlagwortes "Gott will es so" (Gott = "höchstes Gut") zur allgemeinen Verpflichtung als "göttliches" Gebot hochgesteigert... (und darf dann als Schlußfolgerung, logischerweise, nicht mehr hinterfragt, angezweifelt oder gar abgesägt werden - weil ja "gottgewollt").
Witzigerweise kommt dann die Einschränkung "Die Wirklichkeit eines höchsten moralisch-gesetzgebenden Urhebers (sprich Gott) ist also bloß für den praktischen Gebrauch unserer Vernunft hinreichend dargetan, ohne in Ansehung des Daseins desselben etwas theoretisch zu bestimmen.", das heißt auf gut Deutsch, sobald man das nützliche Konstrukt "Gott" erst einmal erfolgreich im Gehirn der Menschen installiert hat, ist er sehr brauchbar, um beispielsweise in Gesetzestexten oder in ganz allgemeinen Fragen der "Moral" auf ihn verweisen zu können. Wenn aber gar keine Existenz eines Gottes vorausgesetzt ist - dann fällt dieses ganze schöne Bauwerk in Stücke, weil man dann die "Moral" auf andere Art legitimieren müßte, auf eine Art, die näher am realen, lebenden Menschen ist als ein unerreichbarer, unangreifbarer Gott im fernen Olymp, und das wäre zu Zeiten Kants (geboren 1724, gestorben 1804), zweifellos eine ganz andere Art von Legitimation gewesen als heute, nach den Lernprozessen, die die Europäer seit damals durchgemacht haben... (mit Abschaffung von Leibeigenschaft und "gottgewollter" Adelsherrschaft, Weltkriegen, Diktaturen, Holocaust, technologischen und gesellschaftlichen Fortschritten und vielen anderen Bereichen...)
... und das ist auch der Grund, warum ich beim Zitieren von "älteren" Philosophen grundsätzlich zu einer Prise Salz greife. Was hätten Kant & Co. wohl formuliert, wenn sie heute leben würden und ggf. in atheistischen Familien großgeworden wären, in denen die Existenz von "moralerhaltenden Göttern" eben nicht als "selbstverständlich" vorausgesetzt wurde?
(P.S. falls sich jemand fragt: ja, ich beherrsche die Übersetzung "Beamtendeutsch" in Normalsprache).
🙂 Hilft eminent beim Entwirren philosophischer Statements...