Nordrheiner
Sehr aktives Mitglied
Zu Kant gibt es eine Kurzversion auf Wikipedia unter "Gottesbeweis", aus der man herauslesen kann, daß Kant die Existenz eines Gottes als "ultimative moralische Instanz" voraussetzte - weshalb also gleich am Anfang der Indizien ein Denkfehler steht, die Natur, die Welt, das ganze Universum kennen nämlich gar keine Moral.
Genau. Halte mal diesen Deinen richtigen Gedanken fest.
Moral ist eine rein menschliche Erfindung,
Das ist falsch. Selbst ohne vorgegebene Gesetze sieht sich der Mensch selbst als schuldig an, weil er nicht tut, was er selbst als richtig erkannt hat. Dies wird zuweilen auch im Bewusstsein des einzelnen Menschen deutlich.
ein Mittel zur Aufrechterhaltung eines sozialen Zusammenlebens in einer Gruppe oder Horde, das jedoch ganz nach Bedarf verändert werden kann, es gibt also gar keine "ultimative Moral", an die jeder Mensch, jedes Lebewesen, jedes Atom oder jede Staubwolke im All sich halten müßte.
Was die Menschen „erfinden“, erfinden können, sind Richtlinien oder z.B. Gesetze wie das BGB.
Zitat aus Wikipedia: "Für die praktische Vernunft sei es dennoch moralisch notwendig, das Dasein Gottes anzunehmen, denn das moralische Gesetz führt über den Begriff des höchsten Guts zur Erkenntnis aller Pflichten als göttliche Gebote". Heißt für einen Atheisten in salopp freier Übersetzung ungefähr so: das menschliche ("moralische") Gesetz wird durch Benutzung des Schlagwortes "Gott will es so" (Gott = "höchstes Gut") zur allgemeinen Verpflichtung als "göttliches" Gebot hochgesteigert... (und darf dann als Schlußfolgerung, logischerweise, nicht mehr hinterfragt, angezweifelt oder gar abgesägt werden - weil ja "gottgewollt").
Nicht so schnell. Wer moralisch handelt, das heisst also vernünftig, erwartet Glückseeligkeit. Die Gesetze lehren uns lediglich, wie wir uns verhalten sollen, geben richtige (oder auch mal lückenhafte oder falsche) Anweisungen zur Erreichung des Glücks. Nur handeln nicht alle Menschen moralisch, selbst in Bezug ihrer eigenen Selbstbestimmung und Selbstwahrnehmung tun sie das nicht. Da aber die Anforderung (an sich selbst und an anderen Menschen moralisch zu handeln) nicht aus der Natur selbst heraus begründet werden kann – siehe jetzt Deine Aussage im 1. Absatz, die Du festhalten wolltest/solltest – die nach moralischen Gesetzen handelt, die den recht Handelnden belohnt und den Bösen bestraft, folgert Kant daraus, dass es eine oberste Instanz geben müsse.
Zur Verdeutlichung wiederhole ich sinngemäß: Moral ist in der Natur/Universum nicht vorhanden. (= Deine Aussage, der ich zustimme.) Dem Menschen wohnt Moral inne. Lediglich Gesetze oder Regeln zum Zusammenleben kommen vom Menschen, der versucht, seine Interpretation von Moral per Gesetz zur allgemein verbindlichen Verhaltensregel zu erheben. Und da bin ich wieder bei Dir, wenn Du sagst, dass der Mensch (i.d.R.) unzulässig behauptet, diese Vorschriften seien von Gott gewollt.
Kant folgert aus der vorhandenen im Menschen innewohnenden Moral, dass es eine oberste Instanz geben müsse.
Das Problem des Menschen besteht aus meiner Sicht darin, dass er Gesetze oder moralische Richtlinien entwirft, bei denen fraglich ist, inwiefern diese einen Bezug zur „obersten Instanz“ haben. Also wenn der Mensch diese Richtlinien so entwirft, dass er seine egoistischen Interessen verfolgen kann, kommen wir zu Deinen berechtigten Vorwürfen der Gängelei sowie anderer menschenfeindlichen Aktionen.
Witzigerweise kommt dann die Einschränkung "Die Wirklichkeit eines höchsten moralisch-gesetzgebenden Urhebers (sprich Gott) ist also bloß für den praktischen Gebrauch unserer Vernunft hinreichend dargetan, ohne in Ansehung des Daseins desselben etwas theoretisch zu bestimmen.", das heißt auf gut Deutsch, sobald man das nützliche Konstrukt "Gott" erst einmal erfolgreich im Gehirn der Menschen installiert hat, ist er sehr brauchbar, um beispielsweise in Gesetzestexten oder in ganz allgemeinen Fragen der "Moral" auf ihn verweisen zu können.
Nein, da kann ich Deiner Interpretation nicht folgen. Dieser Textabschnitt von Kant besagt lediglich, dass wir alleine aus der Erkenntnis, dass es eine höhere Instanz gibt, diese Erkenntnis in unserer Vernunft „wohnt“ – wir deshalb noch nicht in der Lage sind, Gott zu beschreiben (zu bestimmen).
Wenn aber gar keine Existenz eines Gottes vorausgesetzt ist - dann fällt dieses ganze schöne Bauwerk in Stücke, weil man dann die "Moral" auf andere Art legitimieren müßte, auf eine Art, die näher am realen, lebenden Menschen ist als ein unerreichbarer, unangreifbarer Gott im fernen Olymp, und das wäre zu Zeiten Kants (geboren 1724, gestorben 1804), zweifellos eine ganz andere Art von Legitimation gewesen als heute, nach den Lernprozessen, die die Europäer seit damals durchgemacht haben... (mit Abschaffung von Leibeigenschaft und "gottgewollter" Adelsherrschaft, Weltkriegen, Diktaturen, Holocaust, technologischen und gesellschaftlichen Fortschritten und vielen anderen Bereichen...)
... und das ist auch der Grund, warum ich beim Zitieren von "älteren" Philosophen grundsätzlich zu einer Prise Salz greife. Was hätten Kant & Co. wohl formuliert, wenn sie heute leben würden und ggf. in atheistischen Familien großgeworden wären, in denen die Existenz von "moralerhaltenden Göttern" eben nicht als "selbstverständlich" vorausgesetzt wurde?
(P.S. falls sich jemand fragt: ja, ich beherrsche die Übersetzung "Beamtendeutsch" in Normalsprache). 🙂 Hilft eminent beim Entwirren philosophischer Statements...
Hallo, Daoga,
Moral muß man nicht legitimieren. Legitimieren müsste man lediglich Gesetze und Richtlinien. Besser ausgedrückt: Man muß darüber nachdenken, inwieweit jeweils aktuelle Gesetze und Richtlinien näher am Menschen dran sind. Was immer das bedeuten mag.
Die Lernprozesse, die die Europäer durchmachten, die zu einer Abkehr von Leibeigenschaft etc. führten, zeigen lediglich falsche Interpretationen von Moral und Ethik auf. Warum sind Leibeigenschaft und Holocaust etc. falsch? Weil sie ganz offensichtlich menschen- und glücksfeindlich sind. Diese zu verneinen, finde ich gut. Das bedeutet aber nicht gleich die Hinwendung zum richtigen Verständnis dessen, was Gut oder Böse ist. Aber was ist das richtige Verständnis?
Ich sehe da zwei alternative Antworten mit entsprechend unterschiedlichen Verhaltensweisen:
Nr. 1: Jeder Mensch legt seine eigenen Richtlinien fest. Dies kann er wirklich ganz alleine tun oder in Zusammenarbeit innerhalb einer Gruppe (z.B. demokratischer Staat). Dies sehe ich nicht weniger skeptisch als das, was in der Vergangenheit durch Könige oder Diktatoren geschah. Wäre Selbstbestimmung der richtige Weg, stünden wir weltweit nicht vor riesigen Katastrophen. Mit diesem System der Selbstbestimmung arbeiten wir uns fleißig weiter auf unsere selbstgeschaffenen Katastrophen zu.
Nr. 2.: Wenn es richtig ist, dass Gott die oberste moralische Instanz ist, dann wäre Er auch zu befragen, zu welchen Lebensformen und Richtlinien Seine Moral führen soll.
Diese Selbstbestimmung (Nr. 1) führt aus meiner Sicht nicht zu einer Abnahme von Schuld, sondern zu einer Zunahme. Und wenn ich in der Tagesschau lese, dass wieder X Menschen im Mittelmeer ertrinken oder 1% der Menschen über 50% des weltweit gesamten Vermögens besitzt, Menschen hungern… dann erkenne ich, dass das Prinzip der Selbstbestimmung tödlich ist. Mach‘ Dir deutlich: Wir beide können ISIS und andere schreckliche Regime ablehnen, aber sie sind auf dem gleichen Prinzip aufgebaut, wie unsere Demokratie: Selbstbestimmung
Und ob dabei jemand auf Gott verweist oder „in Verantwortung vor Gott“ in der Präambel steht, täuscht mich jedenfalls nicht darüber hinweg, dass es trotzdem nur um Selbstbestimmung geht. Da nutzt auch kein dickes Fell.
LG, Nordrheiner