Du weisst, das eine Inflation positiv ist? Dadurch werden die Reichen Unternehmen gezwungen ihr Geld für Investitionen auszugeben anstatt es zu horten. Wir benötigen eigentlich eine viel höhere Inflation, deswegen veranstaltet die Zentralbank auch diese Geldschwemme.
Na ja, was bedeutet "viel höher"? 1-2% oder 5% oder mehr? Und warum sollte ein Unternehmen mit Geld durch eine Inflation "gezwungen" werden, sein Geld da zu investieren, wo es unserer Volkswirtschaft zugute kommt? Das ist ja gerade das vertrackte an unserer wirtschaftlichen Realität, dass politische und wirtschaftliche Strategien von der Komplexität, der Geschwindigkeit und der Globalität ausgehebelt oder ins Gegenteil verkehrt werden.
Unsere Wirtschaft basiert auf dem Prinzip "Wachstum" und "Wertschöpfung", soll heißen: wenn z.B. ein Programmierer ein tolles Programm schreibt und es auch verkauft, hat er damit einen "Mehrwert" geschaffen, für den (inkl. seinem Know-How und seiner Arbeitszeit) er einen Gegenwert erwartet. Um diesen Mehrwert zu erschaffen, musste er vielleicht einen Kredit aufnehmen, da auch Programmierer nicht von bits und bytes abbeißen können. Erlöst er mehr, als seinen bisherigen Aufwand, macht er Gewinn, erlöst er weniger, macht er Verlust und seine Kaufkraft sinkt. D.h. wiederum, die ihm zur Verfügung gestellte Geldmenge (=Kredit) reduziert sich, denn er kann den Kredit nicht vollständig zurück bezahlen und die Volkswirtschaft "schrumpft" damit ein wenig.
Verteilen sich diese "Geschäfte" auf viele Teilnehmer, gewinnt mal der eine und mal der andere und zumeist siegt die Vernunft, der "Markt" und das Geld funktioniert so, wie es ursprünglich einmal angefangen hatte: Geld sollte den Austausch von Waren vereinfachen und der Wert des Geldes sollte stabil bleiben, damit das Ganze Sinn macht.
Wenn ich heute damit rechnen muss, dass ich für das heute erwirtschaftete Geld morgen nur noch den halben Gegenwert an Waren oder Dienstleistungen kaufen kann (=Hyperinflation), dann gebe ich vielleicht das Geld schon heute aus, nur wofür? In einer Hyper-Inflation gibt es immer weniger "wertstabile" Güter, denn alle wollen sie und damit steigen auch deren Preise und die Inflation beschleunigt sich wieder. Eine höhere Inflation "heizt" also zwar die Wirtschaft an, führt aber zu einem erheblichen Vertrauensverlust der Beteiligten und dadurch zu einem nicht mehr planbaren oder vorhersehbaren Verhalten und damit zu einem Zusammenbruch des Marktes.
Was also tun? Welche Strategie greift? Die aktuelle Strategie des "billigen Geldes" führt in der Realität zu Effekten, die so sicher nicht gedacht waren: große Firmen nutzen dieses billige Geld für umfangreiche Expansionspläne weltweit. Mittlere Firmen, die im Inland wachsen wollen, werden aber von ihren Banken "knapp gehalten", weil die Businesspläne zu geringe Renditen oder ein zu hohes Risiko ausweisen. Und wohin sollen denn alle noch wachsen? In vielen Märkten haben wir nun einmal einen Verdrängungswettbewerb, das heißt: für jeden "Neuzugang" muss ein anderer gehen. Die Leute können nicht noch mehr "Brötchen" essen, nicht noch mehr Wein trinken, nicht noch mehr Autos kaufen und noch mehr Häuser bauen, weil einfach das Geld auf dem Konto nicht reicht, der Hunger nicht da ist oder es die bezahlbaren Grundstücke einfach nicht mehr gibt.
Auch die so segensreich beschworene Flexibilisierung des Arbeitsmarktes zeigt doch inzwischen ganz klar, dass damit ein kaschiertes Lohndumping versteckt wurde, in der Hoffnung, es möge alles durch ein größeres Wirtschaftswachstum wieder aufgefangen und zeitlich verschoben werden. Aber genau das passiert eben nicht mehr. Die Vorstellung von uneingeschränktem Wachstum ist der Fehler unseres Systems, denn das ist auf die Dauer einfach nicht machbar und auch nicht sinnvoll. Wir verbrauchen nur unsere Ressourcen und kämpfen irgendwann um die letzten Nischen. Kein Ding, solange es noch weiße Flecken auf der Landkarte gibt, aber die gibt es nur noch mit einem erheblichen Aufwand und damit wieder einem gesteigerten Ressourcenverbrauch.
Die unerfreuliche Nachricht ist nun mal, dass wir Menschen in der Gesamtheit mit unseren Konzepten und Ideen in so vielen Bereichen an einer Obergrenze angelangt sind, die unsere bisherigen Strategien ad absurdum führen. Ich kann heute als Unternehmer meiner Bank nicht verständlich machen, dass ich nicht expandieren will, sondern einfach nur ein laufendes Geschäft finanzieren möchte. Der Jung-Bänker schaut mich dämlich an, weil er nicht kapiert, dass eine Expansion nur wieder dazu führt, dass jemand anderes "seinen" Auftrag nicht bekommt und damit Verlust macht, weil ich ihn hinausgedrängt habe. Das wäre nicht so sehr dramatisch, wenn er nicht dadurch pleite gehen würde, seine Familie nicht mehr ernähren kann und damit wieder der Volkswirtschaft zur Last fällt.
Auch die neue Groko und keine andere Partei ändern etwas daran, dass KEIN WÄHLER hören will, dass wir so nicht weiter machen können und dürfen, sonst wird diese Partei einfach nicht mehr gewählt. Das Schlimme ist, dass WIR ALLE uns einfach wegducken und so tun, als ob das niemand sehen würde.
Beschäftigungsprogramme verrinnen wie Sand, weil das Geld an Konzerne fließt, die es anderweitig investieren. Vielen Menschen fehlt es an Jobs, die einem ein Leben ohne Existenzängste und Scham ermöglichen. Das Schulsystem gerät immer mehr unter "Nachweisdruck" für "Effizienz und Erfolg", die Austauschbarkeit des Menschen grasiert immer schneller. Vor einigen Monaten bekam ich eine Anfrage für eine 1-Tages-Schulung als Referent zum Preis von 60,-€ inkl. 160km Anfahrt. Die Firma hat einen Dozenten bekommen für dieses Geld, weil es inzwischen viele gibt, die wenigstens die 60,-€ haben MÜSSEN. Sie sind besser, als nichts.
Die früheren Verknüpfungen von Geld, Arbeitskraft, Wertschöpfung und der Realität funktionieren einfach nicht mehr. Wir haben uns an ein Ausgabenniveau gewöhnt, das mit unseren Einnahmen nicht mehr mit angemessenem Aufwand gedeckt werden kann. Die Gewinne vieler Firmen wachsen zwar, aber wenn man die Zusammensetzung betrachtet, dann stecken dahinter oft Spekulationen, Aktienblasen und der Verkauf von Anlagevermögen. Jeder hofft auf den nächsten Hype, um die Löcher in der eigenen Unterhose zu stopfen, denn die dürfen nicht publik werden.
Die Komplexität und die zeitliche Verzerrung von Aktionen machen politische Entscheidungen so furchtbar beliebig, denn bis sie greifen, hat sich wieder einiges geändert, oder wenn sie schief laufen, sind wieder andere am Ruder.
Ich beneide keine Regierung jedweder Farbe, weil es im Grunde keine Entscheidungen mehr gibt, die das Ruder noch herum reißen könnten. Statt "Arbeit muss sich wieder lohnen" sollte es heißen "Arbeit muss Sinn machen und man muss davon leben können". Statt "Wachstum" brauchen wir "Bescheidenheit". Statt "Gier" brauchen wir "Vernunft". Aber welcher Politiker wird gewählt, der sagt: "Leute, wir müssen Einbußen akzeptieren, wir müssen auf das eine oder andere verzichten, wir müssen Rückschritte in Kauf nehmen, damit wir für etwas Neues Platz schaffen können, vor allem in unseren Köpfen." Mit dieser Botschaft kommt ein Politiker gerade mal mit einem Papp-Schild bis zur nächsten Straßenecke.
Solange wir Menschen den Unterschied zwischen "mehr" und "genug" nicht verstehen, solange kann es nur auf einen Kampf gegen einander und gegen die Natur hinauslaufen. Für "große Entscheidungen" geht es uns noch nicht schlecht genug und "kleine Entscheidungen" sind immer wieder nur kurzsichtig und lächerlich. Solange wir uns gegenseitig nicht trauen können, weil die Gier und die Unvernunft einfach "verlässlicher" sind, als Anstand und Vernunft, solange wird sich das nicht ändern. Wir können ja zum Teil nicht einmal in diesem Forum vernünftig und mit Anstand mit einander schreiben, obwohl es doch hier weder um die eigene Existenz noch das tägliche Brot geht. Wie soll das dann der Nährboden für eine politische Kultur des Anstands sein? Wenn sich jemand auf Kosten anderer bereichert, kommt uns das verständlicher und nachvollziehbarer vor. Was nach "Anstand" aussieht, wird eher argwöhnisch beobachtet und das ja oft leider zurecht.
Es gibt keine "einfachen Lösungen" mehr, ohne das Rückschritte und Rückschläge nicht normal werden dürfen.