Weißt du, Amicellini, in deinen Beiträgen entdecke und verstehe ich gerade sehr viel auch über mich. Dafür erstmal Danke (falls du diesen Dank weiterwinken möchtest: abgelehnt! Den wirst du jetzt erstmal aushalten müssen 😀)
Das einzige, was während meiner Kindheit je positiv an mir kommentiert worden ist, war meine Intelligenz. Logisch, daß man das, was man kann und anerkannt sieht, zu verstärken versucht. Ergebnis: ich war sehr früh als "Klugscheißer" verschrien: die Erwachsenen nannten mich altklug, die anderen Kinder und Jugendlichen nannten mich neben "Dicke" auch "Frau Professor" - beides war nicht nett gemeint. Und trotzdem war es das, wo mir so leicht keiner Konkurrenz machen konnte - also bemühte ich mich immer weiter, noch besser, noch durchdachter, noch schneller im Denken zu sein als die anderen. 🙂
Es ist gut, seine Begabungen zu kennen und auszubilden. Es kann aber auch eine Falle darin stecken: die Dosierung macht's. Sprich: es ist nicht leicht, sich in dem Bereich zurückzunehmen, in dem man sich sicher fühlt. Was du beschreibst: die Ängste, sobald jemand eine halbe Note besser bekommt, sobald jemand vielleicht eine andere Sichtweise äußert, die mehr Beifall findet als die eigene usw. - die sind gar nicht so schlecht im Grunde. Sie helfen einem, eine gewisse gesunde Relation zur Außenwelt wahrzunehmen. Schlecht wird's, wenn die Ängste diesbezüglich einen so sehr beeinträchtigen, daß man sich selbst damit zu stark in Frage stellt, denn worauf kann man zurückgreifen, wenn die eigenen Stärken plötzlich nicht mehr auszureichen scheinen?
Mein "Trick" (richtiger: Training, ich muß das bis heute immer wieder neu üben) besteht darin, daß ich nicht mehr versuche, in meinen "Disziplinen" NOCH besser, NOCH trainierter, NOCH schneller zu werden, sondern ganz bewußt manches an meinen Fähigkeiten zurückzuhalten, um anderen den Raum zu lassen, den SIE brauchen, um mit ihren Begabungen und Besonderheiten hervorzutreten. Darin steckt eine besondere Qualität, auch für einen selbst. Und daneben auch herauszufinden, in welchen Bereichen man außerdem Interessen und Fähigkeiten hat, die man bisher vielleicht nicht so besonders geübt hat. Das trainiert einerseits eine gewisse Demut vor dem, was andere zu leisten imstande sind, wo man selbst so viel Mühe reinstecken muß - und es verleiht einem das gute Gefühl, nicht überall konkurrieren zu müssen. Es lebt sich entspannter, wenn man sieht, daß man nicht "besser" sein muß als andere.
Weiß nicht, ob dir das weiterhilft - mehr Klugschiß will ich dir von meiner Seite aus nicht zumuten, zumal ich davon überzeugt bin, daß es vieles gibt, was du in deiner nächsten Therapie über dich und deine Fähigkeiten lernen wirst.