Hallo Jette
Ich bin heute zufällig auf Deinen Thread aufmerksam geworden, und habe mir mal Deine Beiträge durchgelesen. An Deinen ersten Beitrag konnte ich mich sogar nocht undeutlich erinnern, Du hast ihn in einer Zeit geschrieben, als ich noch häufiger im Forum gelesen habe.
Ich habe mir lange überlegt, ob und wie ich Dir schreiben soll. Ich bitte Dich, mir nicht zu antworten, dass andere Menschen eine Situation, wie Du sie hast, nicht verstehen könnten. Ich kenne eine entsprechende Situationen aus meinem eigenen Leben.
Zuerst einmal glaube ich nicht, dass Du sterben willst. Du möchtest leben. Und Du hoffst darauf, dass Du irgendwann einen Ausweg aus Deiner Situation findest. Das machst Du nun seit fast zwei Jahren.
Was könnte denn dann Dein Problem sein?
Du hast vor knapp zwei Jahren Deinen Partner verloren. Dein Partner war Dein Freund, Dein Lebensgefährte, Dein Mentor. Und Ihr habt, wie Du selbst schreibst, all die Jahre sehr zurückgezogen gelebt. Und da sehe ich ein Symptom Deines Problems, nicht die Ursache, aber ein Symptom.
Du warst sehr stark auf Deinen Lebensgefährten fixiert. Sicher ist das in einer Beziehung normal, besonders nach 15 Jahren. Aber Dein Partner scheint noch einmal eine besonders große Rolle für Dich gespielt zu haben.
Jetzt hast Du ihn von heute auf morgen verloren. Die Realität, wie sie bisher existiert hat, ist nicht mehr. Nun hast Du die Wahl. Entweder Du lebst weiter in Deinen Gefühlen. Das führt natürlich dazu, dass Du nicht in der Realität lebst. Oder Du akzeptierst die Realität, wie sie jetzt ist. Was dazu führt, dass Du die Gefühle, die nicht in die Realität passen, nach und nach abbauen mußt.
Bisher hast Du Dich dafür entschieden, weiter in Deinen Gefühlen zu leben. Das ist natürlich schmerzhaft, weil Du Tag für Tag, Monat für Monat immer wieder damit konfrontiert wirst, dass Dein früherer Lebensgefährte nicht mehr lebt. Und weil das so schmerzhaft ist, fast so schmerzhaft, als wäre er gerade erst gestorben, spielst Du mit dem Gedanken, selbst zu sterben, vielleicht auch mit der kleinen Hoffnung, dann wieder so mit ihm vereint werden zu können, wie Du es einmal warst.
Aber warum entscheidest Du Dich nicht für die Realität? Du müßtest Dir dafür entweder sagen, ich will so nicht weitermachen, ich will wieder leben, und dafür will ich kämpfen. Oder, ich kann so nicht weiter machen, ich halte das nicht mehr aus, ich will da wieder herausfinden.
Du wirst Deine Gründe dafür haben, Dich für Deine Gefühle, und gegen die Realität zu entscheiden. Ich nehme an, die Realität, also voll und ganz anzunehmen, dass Dein Partner gestorben ist, ist so schlimm für Dich, dass Du Dich nicht in der Lage siehst, diesen Weg zu gehen. Einen wirklichen Hinweis für die Ursachen hast Du auch gegeben:
Mir geht es ehrlich gesagt seit Silvester nicht so gut...warum? ich weiss es selbst nicht...komme immer wieder auf den Gedanken, -man war es eben nicht wert-...niemand wollte mich als "Kind", bis meine Atoptivmutter kam...als Sie starb brach für mich die erste Welt zusammen...dann kam mein Freund/Mann/Partner...der wollte mich dann auch nicht mehr...zumindestens glaube ich das denn auch er hat mich allein und im Stich gelassen...die zweite Welt brach für mich zusammen...langsam glaube ich schon...irgend etwas hast Du falsch in deinem Leben gemacht, denn ansonsten würden die Menschen sich nicht einfach davon stehlen...vor meiner Person.
Ich vermute, Du hast eine ausgesprochen starke Sehnsucht nach einer intensiven Zweierbeziehung mit einem Menschen. Vielleicht hat alles seine Ursachen darin, dass Dich als Kind niemand wollte. Du Dein Leben lang auf der Suche nach einem Menschen bist, "der Dich will", so wie Eltern Dich gewollt hätten. Wenn Du einen solchen Menschen findest - Deine Adoptivmutter, oder Deinen Lebensgefährten - und ihn dann wieder verlierst, dann scheiterst Du zuerst einmal lange Zeit daran, das realisieren zu können.
Gedanken, wie "niemand will mich", oder "was habe ich im Leben falsch gemacht", sind für Dich ganz natürlich, weil sie natürlich für einen Menschen sind, der immer Angst bekommt, dass ihn niemand will, wenn sich jemand von ihm abwendet, oder er jemanden verliert.
Du willst gar nicht sterben. Du willst wieder in diese Beziehung zurück, in der Du das gefunden hast, was Du seit Deiner Kindheit suchst. Und weil es zu schrecklich für Dich wäre, zu akzeptieren, dass diese Beziehung ein Ende gefunden hat, hältst Du Deine Gefühle und auch Deine Realität so aufrecht, als ob sich nichts verändert hätte.
Ich glaube, Jette, leben hieße, das zu erkennen. Zu akzeptieren, dass Du ein Mensch bist, der ganz stark jemanden sucht, der ihn will, so, wie Du es einst als Kind gesucht hast. Und zu akzeptieren, dass Du jemanden verloren hast, der Dir das Gefühl gegeben hat, im Leben willkommen zu sein. Und Dich auf die Suche zu machen nach einem Weg in der Realität. Nach einem anderen Weg, als Du bisher gegangen bist, egal, wie er aussieht.
Und Dir dafür auch Hilfe zu suchen. Und damit meine ich nicht nur zwei Therapiestunden, die vielleicht noch dadurch sehr eingeschränkt waren, dass Du Deine Situation gar nicht verlassen willst.
Leben heißt, da herauszukommen, wo Du bist. Ein "ich will oder ich kann" so nicht weitermachen. Und dafür ist der Tod keine Lösung, auch nicht das Verharren. Der Tod hieße jetzt, nicht mehr daran zu leiden, dass Du verlassen worden bist. Aber er hieße nicht, wieder zu leben. Es gibt andere Auswege, Lösungen für Dein Dilemma.
Und Hilfe heißt, sich dafür Begleitung zu suchen. Vielleicht einen Therapeuten zu suchen, der Dich für 2 Jahre begleitet, mit dem Du Dich auf die Suche nach einem Ausweg machen kannst. Nach einem der vielen Auswege, die es jetzt gäbe. Einem, den Du gehen kannst. Während der Therapie vielleicht auch einmal einen stationären Aufenthalt einlegen. Ein paar Wochen oder auch länger einfach mal herauskommen, aus dieser Scheiße. Das Leben noch einmal von einer anderen Seite zu erleben. Es zu spüren, sich neu zu spüren, Dinge, die Du vielleicht schon fast vergessen hast, die tief in Dir existieren. Und von außen mal einen Blick auf das zu werfen, was für Dich jetzt Dein Leben ist. Und zu schauen, ob man da nicht doch etwas ändern könnte.
Ich will so nicht weitermachen. Ich kann so nicht mehr weitermachen. Ich halte das nicht mehr aus. Ich will noch einmal schauen, was mir das Leben bieten kann. Damit fängt es vielleicht an. Oder willst Du immer so weiter machen?
Liebe Grüße
Günter