Jetzt spekuliere ich ein bißchen ... wer ist wohl am anfälligsten für die Ideen von Anarchismus und Ur-Kommunismus?
Vermutlich sind es hauptsächlich Leute, die im gültigen (immer noch einigermaßen hierarchischen) Gesellschaftssystem zu den Verlierern gehören oder sich selbst dazuzählen, häufig schon von der Familie her, die nicht fähig war, für vernünftige Lebensgrundlagen zu sorgen (Armut, Sucht, dysfunktionale Familien, Bildungsmangel, schulische Probleme etc.) und die sich daher vom System ausgeschlossen fühlen.
Und Leute wie daryus, die mal ziemlich blauäugig von Verbesserungen im Miteinander träumten, mit ihren Projekten auf die Nase fielen und anschließend erleben mußten, wie "die Gesellschaft" sie in ihrer Not alleinließ, ohne Hilfe, ohne "Gerechtigkeit".
Sehr viel seltener dürften reine Idealisten und Sozialromantiker sein, die ohne eigene Not oder negative Erlebnisse, mehr aus diffuser Schwärmerei heraus oder um das "Establishment" (vor allem die Eltern) anzupinkeln, vom vermeintlichen kommunistischen Paradies auf Erden träumen.
Diese letzteren dürften auch die ersten sein, die sich wieder von den Ideen verabschieden und sich besseren Gefilden zuwenden, wenn es nicht so läuft wie erträumt, aber die haben meistens auch andere Eisen im Feuer (reiche Eltern, Bildung...) und können sich daher problemlos die eine oder andere Sackgasse im Leben leisten, sofern sie unterwegs nicht "milieutypisch" an Drogen, strafbaren Handlungen oder anderen Hindernissen scheitern.
Eine Option, die die ersten zwei Gruppen nicht haben, weshalb sie sich um so verbissener an den Ideen festklammern.
Meines persönlichen Erachtens ist die Neigung zum Anarchismus sowas wie eine
https://de.wikipedia.org/wiki/Regression_(Psychoanalyse), eine unbewußte Sehnsucht zur Rückkehr in ein Alter, in dem man von "Hierarchien" und ihren Anforderungen noch nichts wußte und nur für die eigenen Bedürfnisse lebte -
nämlich als Kleinkind, sorgenfrei und von jeder Verantwortung für irgendwelche Lebensentscheidungen frei. Dieser Zustand wird wieder angestrebt ("Essen und Wohnung umsonst, nur das tun was man selber will, niemandem gehorchen müssen, keine Entscheidungen anderer akzeptieren müssen etc." - der typische Zustand eines kleinen Kindes, dem man noch alles durchgehen läßt!),
aber dabei wird der winzige Punkt übersehen, daß ein Kleinkind auch für all das bezahlt - nämlich mit dem totalen Mangel an Autonomie. Ein Kind entscheidet nicht über seine eigenen Lebensumstände, sondern alle Umstände werden von anderen über seinen Kopf hinweg entschieden.
Also exakt das Gegenteil von dem, was ein Anarchist wirklich will, denn er will null Verantwortung, null eigene Anstrengung bei gleichzeitig voller Autonomie.
Was dummerweise nicht funktioniert, bei einem Erwachsenen, von dem die Übernahme von Verantwortung, zumindest für sein eigenes Leben und seinen Anteil an einer funktionierenden Gesellschaft, erwartet wird.
Das gleiche haben wir im überstaatlichen Sinn gerade mit dem Brexit - die Briten wollen raus aus der EU, keine Verantwortung, keine Zahlungen etc. mehr tragen, keinen Vorschriften der EU mehr gehorchen, Anarchie auf zwischenstaatlicher Ebene, aber nach wie vor alle Vorteile einer Mitgliedschaft genießen.
Sie glauben sich diese Forderung erlauben zu können, weil sie sich für unverzichtbar halten - und müssen gerade erkennen, daß das keineswegs der Fall ist, daß die EU sich nicht erpressen läßt, und daß EU-Vorteile eben auch nur für EU-Mitglieder gelten (sollen und dürfen).
Wer sich aus eigener Dummheit jenseits davon stellt, braucht sich nicht wundern, wenn ihm alle Vorteile gestrichen werden, und muß mit dieser seiner eigenen Entscheidung samt Folgen dann auch leben.
In menschlichen Gemeinschaften war das schon immer so, wer sich absichtlich abseits stellte, überall mitessen wollte ohne jemals eine Gegenleistung zu erbringen, dem wurde irgendwann der Stuhl vor die Tür gestellt, er wurde vors Stadttor geschickt und das Tor hinter ihm zugeschlagen, und was dann weiter mit ihm geschah, hat niemanden mehr interessiert.
Denn "wichtig" oder "unverzichtbar" war er nicht, als Leistungsverweigerer.
(In einigen Kulturen behandelte man Leistungsverweigerer sogar extrem, die Bandbreite lief vom gefürchteten "Arbeitshaus" europäischer Städte - das war real Gefängnis mit Zwangsarbeit, nur daß man dort völlig ohne Anklage, Anwalt, Gerichtsverfahren oder Widerspruchsrecht landete - bis zum sofortigen "Kopf ab" für Streuner und Bettler im alten Japan.)
In der heutigen "soften" Demokratie haben Leistungsverweigerer bessere Chancen, zumindest landen sie nicht auf der Landstraße wie in früheren Zeiten, aber auch hier wird ihnen der Hintern nicht gepampert, wie das Kleinkind in ihnen es gerne möchte. Und dann träumt man halt schon mal von der totalen Zerstörung dieser "bösen" Gesellschaft, die sich nicht erweichen, nicht erpressen läßt, weil man in jeder Hinsicht am kürzeren Hebel sitzt.