Ich rate Dir: „Stehe drüber“ und gehe einfach für ein paar Stunden bei Deinen Eltern vorbei. Sag‘ Ihnen, dass Du Ihnen zu Liebe ein paar Stunden Deiner bereits zugesagten ehrenamtlichen Hilfe opferst, dass in dieser Zeit andere christlicherweise für Dich einspringen.
Widerstehe der Versuchung, Ihnen Ihr Verhalten vorzuhalten.
Sei einfach da, verbringt ein, zwei Stunden miteinander und Du wirst sehen, dass vor allem DU Dich danach sehr gut fühlen wirst.
Klar, dann brauchen die Eltern ihr Verhalten wenigstens nicht infrage zu stellen.
😉
Ironie beiseite:
Zwischen dem "Vorhalten" eines Verhaltens im Sinne generalisierter, unsachlicher Vorwürfe einerseits und der Schilderung, weshalb ein bestimmtes, konkretes Verhalten einen verletzt hat, andererseits sehe ich einen Unterschied.
Konflikte sollte man immer in angemessenem, respektvollem Ton offen ansprechen mit dem Ziel, die Angelegenheit zu bereinigen, und nicht so tun, als ob nichts gewesen wäre. Deine Eltern und dein Bruder dürfen und sollten durchaus wissen, wie ihr damaliges Verhalten bei dir angekommen ist, was es bei dir ausgelöst und wie nachhaltig es dich verletzt hat. Anschließend können sie ja ihre Sicht der Dinge dazu äußern.
Wenn ich eines im Leben gelernt habe, dann ist es das, dass man Dinge, die einen stören, nicht einfach auf sich beruhen lassen darf, sondern sie ansprechen muss. Hierbei kommt es auf das Wie und auch auf den richtigen Zeitpunkt an.
Auch im Berufsleben spricht man Konflikte offen, aber immer noch wertschätzend an. Der Ton macht hier die Musik. Vom Totschweigen ändert sich das störende Verhalten nämlich nicht. Im Gegenteil: Beide Seiten stellen dann insgeheim nur noch Mutmaßungen über die Motive der anderen Seite an, unterstellen sich aufgrund ihrer verletzten Gefühle gegenseitig nur noch üble Absichten und reagieren schließlich nicht mehr auf das tatsächlich Geschehene, sondern auf ihre mit der Zeit immer negativer werdende
Interpretation des Geschehenen. Schon deshalb muss man Verhaltensweisen, die einen verletzt haben, offen ansprechen und sie sachlich beschreiben. Man muss aber auch den Mut haben, offen zuzugeben, welche Gefühle das Verhalten bei einem ausgelöst hat. Daran anschließend nennt man die Erwartungen und Wünsche, die man an das Gegenüber hat, was die Bereinigung der Angelegenheit und das künftige Verhalten betrifft. Hat man sich an der einen oder anderen Stelle selber ungeschickt verhalten, ist es ein Zeichen von Stärke, dies auch einzuräumen.
Im Idealfall spricht man so etwas früh wie möglich an. Dann ist das Risiko geringer, dass der Konflikt weiter eskaliert. Schade, dass eine Klärung hier nicht schon unmittelbar nach Weihnachten 2020 stattgefunden hat. Aber besser spät als nie. Und wenn man schon nicht mehr miteinander reden kann, ohne dass mindestens eine Seite laut und unsachlich wird oder beim Telefonat einfach den Hörer auflegt, dann bleibt nur der schriftliche Weg, zumindest zu Beginn des Bereinigungsversuchs. Wer einen solchen Brief dann nicht liest, nicht bereit ist, sich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen, nicht darauf reagiert oder den Brief gar aus Wut zerfetzt, der setzt sich selbst ins Unrecht.
Ich würde auch meine Zusage für die Hilfe bei den Obdachlosen nicht wieder rückgängig machen, sondern zu meinem Wort stehen. Den Eltern hast du für dieses Jahr keinen Weihnachtsbesuch versprochen.
Bei Einsicht der Eltern könntest du ihnen aber noch vor Weihnachten, z.B. am 4. Advent, einen Besuch abstatten und im nächsten Jahr an den Familienfeiern wieder teilnehmen. Damit hättest du deinen guten Willen dann ja auch gezeigt.