[...]
Liebe Celeste,
ich habe mich gestern mit jemandem unterhalten, der einerseits Psychotherapeut ist, aber andererseits auch Schamane. Sein Ansatz im Bezug auf die Depression hat mich zum Nachdenken angeregt und ich hatte für mich so das Gefühl, da sind einige Puzzleteilchen an den rechten Platz gerutscht.
Depression ist, wie jede andere Krankheit auch, ein Versuch der Selbstheilung.
Ich schaue oft zurück auf die Zeit vor der Depression und mir tut weh, was ich alles verloren habe. Ich bin nicht mehr leistungsfähig. Viel Wissen ist einfach weg. Mein Optimismus ist kaum mehr vorhanden. Ich fühle mich leer. Freude und Liebe sind kaum mehr spürbar.
Und immer denke ich, ich möchte zurück. Zurück an den Punkt, wo alles noch besser war. Und das ist ja auch das, was Psychologen und Therapeuten anstreben. Heilung bedeutet zurück zur vollen Leistung.
Wenn aber Depression eine Selbstheilung ist, dann will ich mich ja gerade davon heilen. Und wenn ich genau hinschaue, dann habe ich vor der Depression perfekt funktioniert.
Darum hat mir Therapie auch nie was gebracht, weil es immer ein Zurückschauen war.
Depression ist nicht nur eine psychische und körperliche Fehlfunktion, sondern ein Leiden an der Unfähigkeit der Wandlung.
Also funktionstüchtig und leistungsstark war ich schon mal. Und weil ich das nicht ändern konnte, es mir aber nicht gut tat, wurde ich krank.
Wenn also Therapie mich in den Zustand von funktionstüchtig und leistungsstark versetzen will, ist Therapie schlicht und einfach für den A****.
Kann es sein, dass du genau wie ich instinktiv gefühlt hast, dass die Ziele, die man dir anbietet, nicht deine Ziele sind? Dann kannst du dich auch nicht auf die Therapie einlassen.
Die Depression ist ein Zustand ohne Lebens- und Seelenkraft. Es scheint widersinnig, dass die Seele diese Kräfte in der Dunkelheit sucht. Oder?
Schamanen haben eine große Nähe und ein Verständnis für die Natur. Darum ging es gestern. Mein Bekannter meinte, die Natur zieht sich in die Dunkelheit zurück, um Kraft zu schöpfen. Selbst nachtaktive Tiere ziehen sich am Tag in Höhlen zurück und schlafen ebenfalls in der Dunkelheit.
Sicherlich, die Helligkeit und die Sonne sind für uns ebenso wichtig. Auch da sammeln wir Kraft. Aber wie der Baum strecken wir uns der Sonne entgegen und treiben unsere Wurzeln in die dunkle Erde.
Das deckt sich mit dem, was ich erfahren habe. Mein Partner nannte die schwer depressiven Tage immer "Regentage in der Seele". Er hat mich dann auf die Couch gepackt, mir heiße Schokolade mit viel Sahne gebracht, Kinderfilme eingelegt. Manchmal, wenn es ganz schlimm war, hat er mir eine Decke unter seinen Schreibtisch gelegt, da habe ich mich zusammengerollt. Das war meine kleine Höhle. Weil ich so geschützt war, konnte ich die Angst gut aushalten.
Weißt du, Menschen, die masochistisch sind, gehen durch den Schmerz. Sie bekämpfen ihn nicht. Sie lassen ihn einfach zu, sie schreien ihn raus. Sie atmen ihn raus. Bis sie an eine Stelle kommen, wo die Endorphine kicken und dann ist man im sogenannten Subspace; man kann auch sagen auf Wolke 7.
Aber wir brauchen ja gar nicht auf perverse Pfade zu gehen. Eine schwangere Frau lernt vor der Geburt ihres Kindes durch den Schmerz hindurch zu atmen.
Ich habe vorhin geschrieben, dass wir wie ein Baum unsere Wurzeln in die dunkle Erde schlagen. In der Dunkelheit der Depression liegen also unsere Wuzeln. Unser wahres Sein. Und dahin zieht sich die kraftlose Seele zurück.
Versuchst du die Wurzeln aus der Dunkelheit zu ziehen, verlierst du den Halt und vor allem einen wichtigen Teil deiner Selbst.
Wenn man uns sagt, dass wir unsere Kraft nicht an die Dunkelheit vergeuden sollen, dass wir doch wieder leistungsstark und fröhlich sein sollen, dann geht es dabei nicht um uns, sondern darum einen funktionierenden Roboter für die Gesellschaft zu schaffen.
Ich empfinde es als Verschwendung von wertvoller Lebensenergie, wenn man 16 Stunden am Tag perfekt seinen Job auf die Reihe kriegt, dann nach Hause kommt, sich um die Familie kümmert, deren emotionalen Bedürfnisse erfüllt (und ich rede hier ganz bewusst nicht von irgendwelchen hausfraulichen Verpflichtungen oder so).
Irgendwann mal habe ich für mich entschieden, diese Dunkelheit gehört zu mir. Manchmal bin ich nicht gut gelaunt, manchmal empfinde ich keine Freude, manchmal sind mir meine Lieben fremd. In letzter Zeit treffe ich mehr und mehr die Entscheidung, dass Menschen oder Umstände nicht in mein Leben passen. Ich versuche nicht mehr alles passend zu machen. Damit geht es mir gut.
Ich weiß nicht, was für dich passend ist. Aber wir haben eine ähnliche Geschichte, gehen ähnlich an die Menschen heran, haben einige gemeinsame Ansichten. Ich lese deine Beiträge gern und sorgsam. Da sind so viele Hinweise auf deine innere Stärke. Du gehst schwimmen, du suchst Freunde, setzt dich gegen deine andere Freundin durch. Aber ich glaube, wirklich wahrnehmen tust du deine Stärke nicht.
Ich habe dank lieber Freunde für mich erkannt, dass ich die Stärke habe durch die Dunkelheit hindurchzugehen und zu schauen, was am anderen Ende wartet.
Mir hat es viel Tiefe gegeben da durch zu gehen. Ich habe viel über mich erfahren. Es hat mir viele Ängste genommen.
Ich habe ja geschrieben, Depression ist die Unfähigkeit zur Veränderung. Auf mich trifft es zu. Ich hatte Angst davor mein Leben zu verändern. Ich habe hervorragend funktioniert. Ich habe mir nie erlaubt ich selbst zu sein.
Wir leben in einer leistungsorientierten Gesellschaft. Und ist das gut? Müssen wir daran teilnehmen?
Du kennst das doch, Celeste, die Führungsetage. Jeder Volldepp, der eiskalt über Leichen geht, kommt da hin. Du hast genau wie ich erfahren, was beruflicher Erfolg wert ist. Nichts. Einfach nichts. Es bleibt gar nichts davon - außer einem fetten Arschtritt.
Meine Depression und der Zusammenbruch haben mir klar gemacht, dass andere Werte wichtiger sind. Für mich sind Menschen leistungsfähig, wenn sie zu sich selbst stehen, wenn sie ehrlich sind. Menschlichkeit ist mir wichtig.
Viele Menschen sind unglücklich, weil sie eine Rolle spielen müssen. Das habe ich für mich abgestellt. Zuerst mal muss man zu sich selbst finden, schauen, was einen ausfüllt.
Mittlerweile habe ich viele Menschen getroffen, die die gleichen Ansprüche haben wie ich.
Wenn man den Mut hat, kann man selbstbestimmt leben. Mir gehts besser, seit ich das für mich erkannt habe.
Wenn Depression das Leiden an der Unfähigkeit der Verwandlung ist, wohin führt dann dein Weg, Celeste? Wie müsste dein Leben aussehen, damit du wieder gesund sein kannst?
Tuesday
Liebe Celeste,
ich habe mich gestern mit jemandem unterhalten, der einerseits Psychotherapeut ist, aber andererseits auch Schamane. Sein Ansatz im Bezug auf die Depression hat mich zum Nachdenken angeregt und ich hatte für mich so das Gefühl, da sind einige Puzzleteilchen an den rechten Platz gerutscht.
Depression ist, wie jede andere Krankheit auch, ein Versuch der Selbstheilung.
Ich schaue oft zurück auf die Zeit vor der Depression und mir tut weh, was ich alles verloren habe. Ich bin nicht mehr leistungsfähig. Viel Wissen ist einfach weg. Mein Optimismus ist kaum mehr vorhanden. Ich fühle mich leer. Freude und Liebe sind kaum mehr spürbar.
Und immer denke ich, ich möchte zurück. Zurück an den Punkt, wo alles noch besser war. Und das ist ja auch das, was Psychologen und Therapeuten anstreben. Heilung bedeutet zurück zur vollen Leistung.
Wenn aber Depression eine Selbstheilung ist, dann will ich mich ja gerade davon heilen. Und wenn ich genau hinschaue, dann habe ich vor der Depression perfekt funktioniert.
Darum hat mir Therapie auch nie was gebracht, weil es immer ein Zurückschauen war.
Depression ist nicht nur eine psychische und körperliche Fehlfunktion, sondern ein Leiden an der Unfähigkeit der Wandlung.
Also funktionstüchtig und leistungsstark war ich schon mal. Und weil ich das nicht ändern konnte, es mir aber nicht gut tat, wurde ich krank.
Wenn also Therapie mich in den Zustand von funktionstüchtig und leistungsstark versetzen will, ist Therapie schlicht und einfach für den A****.
Kann es sein, dass du genau wie ich instinktiv gefühlt hast, dass die Ziele, die man dir anbietet, nicht deine Ziele sind? Dann kannst du dich auch nicht auf die Therapie einlassen.
Die Depression ist ein Zustand ohne Lebens- und Seelenkraft. Es scheint widersinnig, dass die Seele diese Kräfte in der Dunkelheit sucht. Oder?
Schamanen haben eine große Nähe und ein Verständnis für die Natur. Darum ging es gestern. Mein Bekannter meinte, die Natur zieht sich in die Dunkelheit zurück, um Kraft zu schöpfen. Selbst nachtaktive Tiere ziehen sich am Tag in Höhlen zurück und schlafen ebenfalls in der Dunkelheit.
Sicherlich, die Helligkeit und die Sonne sind für uns ebenso wichtig. Auch da sammeln wir Kraft. Aber wie der Baum strecken wir uns der Sonne entgegen und treiben unsere Wurzeln in die dunkle Erde.
Das deckt sich mit dem, was ich erfahren habe. Mein Partner nannte die schwer depressiven Tage immer "Regentage in der Seele". Er hat mich dann auf die Couch gepackt, mir heiße Schokolade mit viel Sahne gebracht, Kinderfilme eingelegt. Manchmal, wenn es ganz schlimm war, hat er mir eine Decke unter seinen Schreibtisch gelegt, da habe ich mich zusammengerollt. Das war meine kleine Höhle. Weil ich so geschützt war, konnte ich die Angst gut aushalten.
Weißt du, Menschen, die masochistisch sind, gehen durch den Schmerz. Sie bekämpfen ihn nicht. Sie lassen ihn einfach zu, sie schreien ihn raus. Sie atmen ihn raus. Bis sie an eine Stelle kommen, wo die Endorphine kicken und dann ist man im sogenannten Subspace; man kann auch sagen auf Wolke 7.
Aber wir brauchen ja gar nicht auf perverse Pfade zu gehen. Eine schwangere Frau lernt vor der Geburt ihres Kindes durch den Schmerz hindurch zu atmen.
Ich habe vorhin geschrieben, dass wir wie ein Baum unsere Wurzeln in die dunkle Erde schlagen. In der Dunkelheit der Depression liegen also unsere Wuzeln. Unser wahres Sein. Und dahin zieht sich die kraftlose Seele zurück.
Versuchst du die Wurzeln aus der Dunkelheit zu ziehen, verlierst du den Halt und vor allem einen wichtigen Teil deiner Selbst.
Wenn man uns sagt, dass wir unsere Kraft nicht an die Dunkelheit vergeuden sollen, dass wir doch wieder leistungsstark und fröhlich sein sollen, dann geht es dabei nicht um uns, sondern darum einen funktionierenden Roboter für die Gesellschaft zu schaffen.
Ich empfinde es als Verschwendung von wertvoller Lebensenergie, wenn man 16 Stunden am Tag perfekt seinen Job auf die Reihe kriegt, dann nach Hause kommt, sich um die Familie kümmert, deren emotionalen Bedürfnisse erfüllt (und ich rede hier ganz bewusst nicht von irgendwelchen hausfraulichen Verpflichtungen oder so).
Irgendwann mal habe ich für mich entschieden, diese Dunkelheit gehört zu mir. Manchmal bin ich nicht gut gelaunt, manchmal empfinde ich keine Freude, manchmal sind mir meine Lieben fremd. In letzter Zeit treffe ich mehr und mehr die Entscheidung, dass Menschen oder Umstände nicht in mein Leben passen. Ich versuche nicht mehr alles passend zu machen. Damit geht es mir gut.
Ich weiß nicht, was für dich passend ist. Aber wir haben eine ähnliche Geschichte, gehen ähnlich an die Menschen heran, haben einige gemeinsame Ansichten. Ich lese deine Beiträge gern und sorgsam. Da sind so viele Hinweise auf deine innere Stärke. Du gehst schwimmen, du suchst Freunde, setzt dich gegen deine andere Freundin durch. Aber ich glaube, wirklich wahrnehmen tust du deine Stärke nicht.
Ich habe dank lieber Freunde für mich erkannt, dass ich die Stärke habe durch die Dunkelheit hindurchzugehen und zu schauen, was am anderen Ende wartet.
Mir hat es viel Tiefe gegeben da durch zu gehen. Ich habe viel über mich erfahren. Es hat mir viele Ängste genommen.
Ich habe ja geschrieben, Depression ist die Unfähigkeit zur Veränderung. Auf mich trifft es zu. Ich hatte Angst davor mein Leben zu verändern. Ich habe hervorragend funktioniert. Ich habe mir nie erlaubt ich selbst zu sein.
Wir leben in einer leistungsorientierten Gesellschaft. Und ist das gut? Müssen wir daran teilnehmen?
Du kennst das doch, Celeste, die Führungsetage. Jeder Volldepp, der eiskalt über Leichen geht, kommt da hin. Du hast genau wie ich erfahren, was beruflicher Erfolg wert ist. Nichts. Einfach nichts. Es bleibt gar nichts davon - außer einem fetten Arschtritt.
Meine Depression und der Zusammenbruch haben mir klar gemacht, dass andere Werte wichtiger sind. Für mich sind Menschen leistungsfähig, wenn sie zu sich selbst stehen, wenn sie ehrlich sind. Menschlichkeit ist mir wichtig.
Viele Menschen sind unglücklich, weil sie eine Rolle spielen müssen. Das habe ich für mich abgestellt. Zuerst mal muss man zu sich selbst finden, schauen, was einen ausfüllt.
Mittlerweile habe ich viele Menschen getroffen, die die gleichen Ansprüche haben wie ich.
Wenn man den Mut hat, kann man selbstbestimmt leben. Mir gehts besser, seit ich das für mich erkannt habe.
Wenn Depression das Leiden an der Unfähigkeit der Verwandlung ist, wohin führt dann dein Weg, Celeste? Wie müsste dein Leben aussehen, damit du wieder gesund sein kannst?
Tuesday
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