Liebe Celeste,
erstmal entschuldige, dass es so lang geworden ist, aber ich hatte einiges auf der Seele. Vielleicht kannst du mit dem ein oder anderen ja was anfangen.
Wie du weißt, teile ich nicht die Allmachtsfantasien in Bezug auf Psychologen und Ärzte. Entsprechend kann ich bei dir auch keine wirren oder gar psychotischen Gedankengänge entdecken.
Du hast viele unschöne Erfahrungen gemacht und dein Leben lang gekämpft. Und wenn man wie du sehr viel Gewalt erlebt hat, dann ist die Einstellung zum Leben zwangsläufig davon gefärbt.
Ich bin seit fünf Jahren in der Opferberatung und meine Erfahrung sagt mir, dass die Welt da draußen nicht gerade darauf wartet einem zu helfen.
Nun kann man natürlich sagen, dann muss man halt um die Hilfe, die einem zusteht, kämpfen. Das sehe ich auch so. Nur sehe ich in deinem Fall leider auch, dass du bereits gekämpft hast - und mein Eindruck sagt: nicht zu knapp!
Irgendwann mal sind die Akkus leer. Nicht nur das. Meine Erfahrung sagt mir, dass Menschen wie du und ich, Betroffene im Allgemeinen, auch dann noch weiterkämpfen, wenn die Akkus längst leer sind. Und dann kommt man an einen Punkt, wo man sich wirklich nur noch ins Bett legen kann und sterben kann. Es ist Schicht im Schacht.
An dem Punkt warst du als ich dich hier kennen gelernt habe.
Die Unantastbarkeit der Würde gehört zu den Menschenrechten. Es gehört zur Würde eines jeden Menschen, dass er seine Grenzen verteidigen darf.
Du, Celeste, bist aufgrund deiner Erfahrungen ohne Grenzen. Man hat dich so sehr in die Ecke getrieben, dass du kaum mehr existierst.
Jeder halbwegs einfühlsame Mensch kann spüren, wie sehr du dich zusammenkauerst, wie klein du dich machst, dass du am liebsten gar nicht mehr existieren möchtest, dich auflösen möchtest.
Zwei Dinge brauchst du jetzt.
Erstens: Du musst neue Kraft sammeln. Du bist weit, sehr weit über deine Grenzen hinausgegangen, hast gegeben, gegeben, gegeben. Wenn du noch mehr gibst, stirbst du. So einfach ist das.
Zweitens: Hör auf damit es für andere passend zu machen.
Tyra sagt, du bist es der Gemeinschaft schuldig zu kämpfen und du musst deinen Beitrag leisten.
Wenn ich das richtig verstanden habe, gab es in deiner Kindheit keinen Einzeltäter sondern es handelt sich um organisiertes Verbrechen. Da hat die Gesellschaft bereits weit über ihre Ansprüche hinaus von dir gefordert. Danach hast du Ausbildungen gemacht, dich weitergebildet, bist aufgestiegen in leitende Position. Du bist dabei über deine Grenzen gegangen und hast wahrscheinlich mehr in die Gemeinschaftskasse eingezahlt, als viele andere. Du wurdest gemobbt. Auch da hat die Gemeinschaft mehr verlangt, als ihr zusteht.
Ich sehe da eine offene Rechnung, allerdings, nämlich die der Gesellschaft an dich.
Außerdem lebst du eh nicht von der Gesellschaft. Dein Mann geht arbeiten. Da kannst du höchstens Erwerbsunfähigkeitsrente bekommen. Und das ist Geld, das du eingezahlt hast und das dir zusteht. Und was dein Mann in die Ehe einbringt, ist eine Sache zwischen dir und ihm. Das geht keinen was an.
Wobei ich persönlich der Meinung bin, dass man in einer Partnerschaft nicht aufrechnet. Ich käme nie auf die Idee meine Partnerin als belastend zu sehen, nur weil sie krank ist. Und wenn sie sich morgen nicht mehr um sich selbst kümmern kann, dann gebe ich natürlich mein Leben auf und bin bei ihr. Deswegen sind wir doch ein Paar, weil wir bereit sind füreinander da zu sein. Echt, eine Schönwetterpartnerin brauche ich nicht.
Aber zurück zum Thema.
Man hat dich in eine Ecke gedrängt und da sitzt du nun und weißt nicht so Recht, wie es weitergehen soll.
Ich sag dir, es ist alles okay, wie es ist, aber da ist auch Tyra, die sagt, Mensch, krieg den Hintern hoch. Und natürlich gefällt dir das, was sie sagt. Du bist ja niemand, der sich vor dem Leben versteckt. Du willst ja kämpfen und gesund werden.
Aber ehrlich gesagt habe ich den Eindruck, dass Tyra die Situation nicht wirklich versteht.
Ich will auch, dass du kämpfst, aber nicht für mich und schon gar nicht für die Gesellschaft. Kämpfe für dich, damit du das Leben führen kannst, das dir zusteht.
Ich bin auch ein Kämpfer. Und ich hasse Leute, die sich hinter ihrer Krankheit verstecken. Ich hasse die Jammerer, die den Missbrauch in der Kindheit als Entschuldigung dafür nehmen, dass sie sich vor dem Leben verstecken.
Aber du versteckst dich ja nicht.
Du bist nur am Ende deiner Kräfte und du hast dir eine Auszeit verdient. Dazu gehört auch eine Auszeit von Therapie und Ärzten.
Das kostet nämlich auch Kraft. Und genau die hast du momentan nicht.
Was soll ein Therapeut momentan denn anderes mit dir anfangen, als deinen Alltag zu stabilisieren? Traumabearbeitung wäre dein Ende!
Aber deinen Alltag stabilisieren kannst du auch allein. Ich gebe zu, viele wären damit überfordert, aber dir traue ich das durchaus zu.
Erst mal musst du wieder zu Kräften kommen. Schreib dir einfach mal auf, was dich Kraft kostet und was dir Kraft bringt. Ersteres versuchst du so gut es geht zu eleminieren und dafür baust du das zweite systematisch auf.
Gefühle muss man zulassen. Ich weiß, dass du oft traurig bist, Angst hast, dich Gedanken quälen. Es ist okay. Es ist auch okay sich mal die Arme zu ritzen, alles in sich hinein zu fressen und wieder auszukotzen.
Je mehr Angst du vor diesen Gefühlen hast, umso mehr kontrollieren sie dich. Du bist diejenige, die sie nährt! Du gibst ihnen Macht! Und nur du allein kannst ihnen die Kontrolle über dich auch verwehren.
Immer daran denken, Celeste, du bist weit über deine Grenzen gegangen. Deine Akkus sind leer, leerer gehts nicht. Jetzt und hier geht es allein darum Kräfte zu sammeln.
Vielleicht kannst du dich ja jeden Morgen hinsetzen und dir dein "Kräfteprogramm" aufschreiben. Da vermerkst du alles, was dir Kraft gibt. Und immer daran denken, dazu gehören auch Ruhezeiten. Es ist okay den ganzen Vormittag im Bett zu liegen. Es ist okay sich mit einer großen Portion Obst vor den Fernseher zu flätzen und sich den Kinderkanal reinzuziehen.
In diesem Rahmen habe auch einen Buchtipp für dich:
Elfenhelfer. Aus Depressionen auferstehen von Linus Mundy (Autor), R. W. Alley (Illustrator); Preis: EUR 5,90; Taschenbuch
Verlag: Sequoyah-Verlag (März 2002); ISBN-13: 978-3854660323
Das ist eine ganze Reihe. Die Elfen tun wirklich der Seele gut!
Du musst lernen dir zu verzeihen und dich zu lieben.
Als Opfer nimmt man immer einen Teil der Schuld auf sich. Hätte ich dieses oder jenes getan oder eben nicht getan, wäre alles anders gekommen. Wäre ich nicht so ein böses Kind gewesen, hätte mich meine Mutter lieben können.
Kinder fühlen und leben sehr persönlich. Sie können sich nicht abgrenzen und die Schuld beim Täter lassen.
Ich hatte mal ein Pflegekind. Er war so anderthalb. Der Kleine hat uns immer - Überraschung 😀 - die Schränke ausgeräumt. Und so sagten wir, das sei böse, was er das macht. Plötzlich fing er an davon zu reden, dass er böse sei.
Gewalt im frühkindlichen Alter ergibt an dieser Stelle immer eine Bruchstelle. Was der Täter tut, ist böse. Ich muss böse sein.
Mir ist schon klar, dass du voll auf das abfährst, was Tyra dir hier sagt. Sie spricht diese Schuld in dir an. Du bist das böse Kind und wenn du dich nur mehr anstrengst, wenn du nur lieber bist, dann kann man dich auch lieb haben. Dann hört all das Schreckliche auf. Und jetzt da du am Ende bist und einfach nicht mehr weiter kannst, da ist Tyra die Rettung. Sie hat es übernommen dir in den A**** zu treten und dich anzutreiben.
Was ich dir zu bieten habe, das macht dir Angst, das kennst du nicht. Sei was du willst, die starke oder die schwache Celeste. Ich mag dich so oder so. Ich werde nicht weggehen, auch dann nicht, wenn du die böse Celeste bist.
Ziemlich gemein, was? Da kommt einfach einer daher und sagt, ich mag dich wie du bist. Dabei weißt du doch ganz genau, dass du nicht liebenswert bist, so wie du bist...
Da erinnere ich mich gerade an ein Spiel, das mein damaliger Partner mit mir gespielt hat. Ich musste jeden Tag Gründe aufschreiben, warum ich liebenswert bin. Das ist eine ganz schöne Strafarbeit, wenn dir schon am ersten Tag die Gründe ausgehen! Jeweils für fünf Gründe gab es einen Riegel Kinderschokolade. Späterhin habe ich dann versucht zu schummeln und einen Grund ein zweites Mal in die Liste einzutragen, aber er ist mir leider immer drauf gekommen. Das gab dann Abzug von Schokipunkten 🙁.
Ich habe viel gelernt dadurch.
Aber wirklich richtig verstanden habe ich diese Sache mit dem Liebenswertsein erst, als ich meine jetzige Partnerin kennen gelernt habe. Es gibt nur einen einzigen, wirklich entscheidenden Punkt auf dieser Liste. Ich bin liebenswert, einfach weil ich ich bin. Ich muss mich gar nicht sonderlich anstrengen oder irgendwelche Dinge vorweisen können.
Ich habe auch jede Menge dunkle Seiten. Meine Partnerin hat ihre dunkle Seiten. Manchmal müssen wir drüber reden, um den Anderen zu verstehen. Aber ich liebe sie ganz sicher nicht nur wegen ihrer hellen Seiten. Ich liebe sie einfach so, wie sie ist.
Du, Celeste, bist auch dann noch liebenswert, wenn du nicht in Therapie gehst und heulend und kotzend in der Ecke liegst. Es ist kindisch und unreif dich unter Druck zu setzen, indem man dir droht, wenn du nicht machst, was ich für richtig halte, rede ich nicht mehr mit dir.
Ich kann sehr gut verstehen, warum du im Moment nicht nach einem Therapeuten oder Arzt suchen kannst. Und wenn ich es nicht verstehen könnte, würde ich es trotzdem annehmen und im Höchstfall mal nachfragen, damit ich es verstehe.
Du hast das Recht darauf dich ganz klein und schwach zu fühlen.
Ich sehe es an meiner Partnerin. Die hat zwei Jahre gebraucht, um sich ihre Therapeutin zu erziehen. Ja, auch Therapeuten müssen erzogen werden. Das ist die Crux an der Sache. Du musst deine Ziele forumlieren, dir darüber klar werden, welchen Umgang du dir für dich wünschst.
Wie du diesen Kraftaufwand in deiner momentanen Situation leisten willst, ist mir ein Rätsel.
Ich glaube, niemand kann sich das wirklich vorstellen, wie es ist, wenn man so am Boden ist, wie du gerade und dann noch nach einem Therapeuten suchen soll. Es ist schon so unmöglich nur einen davon anzurufen! Gott, was für ein Kampf! Und dann schaffst du das und solltest eigentlich glücklich und stolz sein, aber die Antwort ist natürlich: "Wartezeit!" Und dann klingt die gute Dame/der gute Herr am Telefon noch so, als wäre es eine Unverschämtheit von dir überhaupt da anzurufen.
Und wie viel Kraftaufwand es dann kostet, es noch mal probieren und wieder die gleiche Antwort. Und noch mal und noch mal und noch mal.
Dann schaffst du es endlich und bekommst immerhin mal einen Termin zum Vorsprechen (aber natürlich wäre der Platz wenn überhaupt erst in einem halben Jahr frei!) und dann kommst du dahin und der Therapeut ist eigentlich eine Lusche. Aber erstens bist du es gewöhnt alles so zu machen, dass es für den Anderen passend ist und zweitens kannst du einfach nicht mehr kämpfen, also nimmst du den.
Nun wird dir gesagt, du musst auch mitarbeiten, du musst es auch wollen. Und du willst ja mitarbeiten, du willst ja gesund werden.
Aber du, Celeste, bist ein Mensch mit einer hohen emotionalen Intelligenz. Für diese Menschen ist es eh schon sehr schwer sich selbst wahrzunehmen, weil sie so viel Input von außen verkraften müssen.
Aber wenn du dann noch Opfer von Gewalt bist und zwar von Kindesbeinen an, dann passiert etwas ganz Fatales. Du lernst beinahe bis zur Perfektion dein Gegenüber zu lesen. Du bist ihm immer einen Schritt voraus und er bestimmt dein Handeln.
So ist es auch mit dem Therapeut. Du liest ihn, tust, was er von dir erwartet und die Therapie geht trotzdem schief. Und weil du, Celeste, noch dazu ein schlaues Köpfchen hast, fällt dir auch noch auf, dass du mit deinem Therapeuten "gespielt" hast. Und das passt dann Gott sei Dank wieder ins Bild. Du bist die Böse. Es ist deine Schuld, dass die Therapie schief gegangen ist.
Aber tatsächlich ist die Sache anders. Jemand, der so feinfühlig ist wie du, braucht ein Gegenüber, das emotional ehrlich sein kann. Dazu muss man reich an Erfahrungen sein, ein gesundes Selbstbewusstsein besitzen und man muss (professionelle!) Nähe zulassen können.
Nur dann kannst du auch vertrauen und dich öffnen.
Darum habe ich dir auch die Adresse von der Therapeutin geschickt. Denn die wäre dir gewachsen. Versuch es doch mal.
Werner hat das hier im Forum an anderer Stelle gesagt. Eine Therapie läuft nur gut, wenn die Beziehung stimmig ist. Und du brauchst einen warmherzigen Menschen, jemand, der dir die Wärme zurückgeben kann, die du in jede Beziehung einbringst.
Du hast so viel Liebe und Wärme für andere, nur nicht für dich selbst. Aber nur da ist die Heilung.
Du kannst dich so viel nach den Anforderungen anderer strecken, wie du willst. Es wird dich dir selbst nicht näher bringen. Und das ist die Traurigkeit in dir. Du trauerst um dein Ich.
Wenn ich dich fragen würde, wer du bist, hättest du dann eine Antwort?
Wer immer danach strebt anderen zu gefallen, von allen geliebt zu werden, der vergißt darüber das eigene Ich.
Ich glaube nicht, dass du jemanden brauchst, der dir in den Hintern trittst, denn DAS erledigst zu selbst mit einer Bravour, wenn es dafür Preise geben würde, hättest du sie alle.
Du brauchst ganz etwas anderes und zwar ein ganz dickes "egal, ich liebe mich trotzdem!"
Ja, du wirst es schaffen weiter zu überleben. Aber ich würde mir wünschen, dass du auch eine Chance bekommst zu leben.
Tuesday