Hallo Glacio,
deine ehrliche Selbstanalyse ist interessant und nach-
vollziehbar für mich (auch wenn ich eher ein Mensch bin,
der zu schnell zu viel Vertrauen gibt), da ich in meinem
Bekanntenkreis einige Leute habe, die deine Zeilen gleich
unterschreiben würden.
Ich denke aber, du machst einen gedanklichen Grundsatz-
fehler: denn jemand, der zu dir passt, wird fast automatisch
deinen "Misstrauensvorschuss" verstehen und auch selbst so
einen haben. Das heißt dann aber, dass jedes zu schnelle
Vorpreschen sie verschrecken würde und im Kehrschluss es
so sein müsste, dass wenn du einfach deinem eigenen Tem-
po und deiner Annäherungsrate folgst, dass sich dann auch
diejenige/n finden, die damit etwas anfangen können (weil
es ihrem eigenen inneren Bedürfnis entspricht).
Du musst also nur du selbst sein und dich so verhalten, wie
es dir entspricht (d.h. andere so ansprechen, wie du selbst
gerne angesprochen werden möchtest). Das wird zwar da-
zu führen, dass ca. 70-95% der Angesprochenen das nicht
verstehen und sich abwenden oder dir eine Abfuhr geben,
aber unter den verbleibenden 5-30% findest du dann wahr-
scheinlich genau die, mit der du auch später im Beziehungs-
alltag harmonierst.
Die Scheidungsgründe werden häufig beim Kennenlernen
angelegt, ebenso die haltbaren Verbindungen (meine Groß-
eltern waren z.B. 66 Jahre verheiratet und haben sich beim
Tanzen kennengelernt, meine Eltern übrigens auch).
Sicher kennst du den "Kleinen Prinzen" von Saint-Exupéry.
Da gibt es eine Stelle, an die ich denken musste, als ich
deinen Text gelesen habe:
"Nichts ist vollkommen!" seufzte der Fuchs. Aber der Fuchs kam auf seinen Gedanken zurück: "Mein Leben ist eintönig. Ich jage Hühner, die Menschen jagen mich. Alle Hühner gleichen einander, und alle Menschen gleichen einander. Ich langweile mich also ein wenig. Aber wenn du mich zähmst, wird mein Leben wie durchsonnt sein. Ich werde den Klang deines Schrittes kennen, der sich von allen andern unterscheidet. Die anderen Schritte jagen mich unter die Erde. Der deine wird mich wie Musik aus dem Bau locken. Und dann schau! Du siehst da drüben die Weizenfelder? Ich esse kein Brot. Für mich ist der Weizen zwecklos. Die Weizenfelder erinnern mich an nichts. Und das ist traurig. Aber du hast weizenblondes Haar. Oh, es wird wunderbar sein, wenn du mich einmal gezähmt hast! Das Gold der Weizenfelder wird mich an dich erinnern. Und ich werde das Rauschen des Windes im Getreide liebgewinnen."
Der Fuchs verstummte und schaute den Prinzen lange an: "Bitte ... zähme mich!" sagte er.
"Ich möchte wohl", antwortete der kleine Prinz, "aber ich habe nicht viel Zeit. Ich muß Freunde finden und viele Dinge kennenlernen."
"Man kennt nur die Dinge, die man zähmt", sagte der Fuchs. "Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgend etwas kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn du einen Freund willst, so zähme mich!"
"Was muß ich da tun?" sagte der kleine Prinz.
"Du mußt sehr geduldig sein", antwortete der Fuchs.
"Du setzt dich zuerst ein wenig abseits von mir ins Gras. Ich werde dich so verstohlen, so aus dem Augenwinkel anschauen, und du wirst nichts sagen. Die Sprache ist die Quelle der Mißverständnisse. Aber jeden Tag wirst du dich ein bißchen näher setzen können ..."
Am nächsten Morgen kam der kleine Prinz zurück.
"Es wäre besser gewesen, du wärst zur selben Stunde wiedergekommen", sagte der Fuchs. "Wenn du zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein. Je mehr die Zeit vergeht, um so glücklicher werde ich mich fühlen. Um vier Uhr werde ich mich schon aufregen und beunruhigen; ich werde erfahre, wie teuer das Glück ist. Wenn du aber irgendwann kommst, kann ich nie wissen, wann mein Herz da sein soll ... Es muß feste Bräuche geben."
Zitiert nach:
Der kleine Prinz
Daher kommt wohl auch die Beobachtung, dass Menschen wie
du einer bist ihre Partner eher dort kennenlernen, wo sie sowieso
schon regelmäßige Kontakte zueinander haben (Vereine, Arbeit,
Kirche), weil sich da das Vertrauen langsam aufbauen kann
🙂
Und was ich dir auch noch sagen wollte: ich glaube, du bist auch
fähig, aus deinen (wenigen) guten Erfahrungen mit dem Vertrauen
jemand einen Vertrauensvorschuss zu schenken, wenn die Attrak-
tion hoch genug ist. Hast du dazu keinen Anlass, würde ich meinen,
dass dein Unbewusstes irgendetwas am anderen oder an der denk-
baren Beziehung entdeckt hat, das die Herausgabe dieses Vertrau-
ensgutscheins abblockt - und das ist dann auch gut so.
Achte also mal mehr darauf, wo es "leicht" geht und wo du locker
bist als auf die vielen Gelegenheiten, bei denen das nicht geschieht.
Gruß, Werner
P.S. Und danke für dein Vertrauen
😉