Die Verheirateten wiederum beneiden die Singles um deren Freiheit und Unabhängigkeit.
Der Vorteil vom Alleinleben bedeutet, keinen Verpflichtungen nachkommen zu müssen, den Tag gestalten zu können, wie man grade lustig ist.
Genau diese Freiheit und Unabhängigkeit hat aber eben längst nicht jeder Alleinstehende. Das ist auch nur so ein Klischee. Viele Alleinstehende sind auch deshalb alleinstehend, weil sie ständig von alten und/oder kranken Eltern oder sonstigen problematischen Familienangehörigen in die Pflicht genommen werden und ein schlechtes Gewissen haben, diese Angehörigen "im Stich zu lassen", während diejenigen, die rechtzeitig geheiratet haben, sich wunderbar unter Hinweis auf ihre familiären Verpflichtungen aus der Verantwortung stehlen können und manchmal obendrein noch bis ins mittlere Erwachsenenalter von ihren Eltern unterstützt werden.
Familiäre Belastungen werden immer nur bei Leuten mit "eigener" Familie, vor allem mit kleinen Kindern, unterstellt. Dafür wird jede Menge Rücksichtnahme erwartet. Dabei führt so manche Familie - wenn auch natürlich nicht jede - mit kleinen Kindern ein unbeschwerteres Leben als ein Alleinstehender, der sich um alte, kranke Eltern, behinderte oder psychisch kranke Geschwister kümmern muss, worin dann neben seinem meist in Vollzeit ausgeübten Beruf nahezu die gesamte "Freizeitgestaltung" besteht.
Ich zähle mich selbst zu dieser Sorte lange Zeit Alleinstehender und weiß auch, dass ich kein Einzelfall bin. Allein in meiner Heimatstadt kenne ich mehrere vergleichbare Fälle, und auch im Berufsleben habe ich nicht nur einmal Männer oder Frauen mit vergleichbarem Schicksal und Hintergrund kennen gelernt.
Meine großkotzige Cousine z.B. "musste" mit 20 heiraten, weil ein Kind unterwegs war. Sie bekam damals jede Menge finanzielle und praktische Unterstützung von ihren Eltern und Schwiegereltern und wohnte schon mit 25 im eigenen Haus, obwohl sie bestenfalls einen Realschulabschluss und einen entsprechenden einfacheren Büroberuf erlernt hat, in dem sie gewiss nicht überdurchschnittlich verdient hat. Nur von ihrem eigenen Erwerbseinkommen hätte sie sich das niemals leisten können. Das hat sie wirklich geschickt hingekriegt! Sie hatte zwar später auch eine Phase von ca. 2 Jahren, in der sie sich um ihre gebrechlich gewordenen Schwiegereltern kümmern musste, bis diese starben. Aber da war ihr Sohn schon im Abitur und sie hatte privat ihre Schäfchen längst im Trockenen. Ihr Mann hat sie unterstützt und so konnte sie sogar trotz der pflegebedürftigen Schwiegermutter mit ihrem Sohn als Geschenk zu dessen Abitur in die USA fliegen. Die Schwiegermutter hatte ihr übrigens auch ihren Sohn großgezogen, damit sie weiter arbeiten gehen konnte.
Offenbar ist diese Verwandte nicht in der Lage, sich vorzustellen, dass so ein Lebensverlauf nicht selbstverständlich ist und man dafür dankbar sein sollte. Im Gegensatz zu ihr hatte ich von Kindheit an nur mit alten und kranken Leuten zu tun, beileibe nicht nur mit meinen Eltern (die auch bei meiner Geburt und der meiner Schwester schon im vorgerückten Alter waren), sondern auch noch mit der bei uns im Haus wohnenden Oma und unverheirateten Tante, die uns mit tatsächlichen, aber teilweise auch eingebildeten Krankheiten nur die Ohren volljammerten und jede Menge Rücksicht erwarteten. Und natürlich war meine Mutter auch häufig krank bzw. im Krankenhaus. Eine unbeschwerte Kindheit und Jugend habe ich nicht gekannt. Dennoch habe ich ein gutes Abitur gemacht, ein anspruchsvolles Fach wie Jura studiert, übe den Beruf nun seit über 26 Jahren in Vollzeit aus, lebe aber, da ich nie einen Partner zum Heiraten gefunden habe, bis heute bescheiden in einer Mietwohnung. Die ganze Situation in meiner Herkunftsfamilie war über all die Jahre so belastend, dass ich gar nicht den Nerv hatte, mich dabei und neben meinem Beruf auch noch um den Erwerb einer ETW zu kümmern. Wichtig war mir immer, meine Arbeitskraft so lange wie möglich zu erhalten, denn von irgendetwas muss ich schließlich jetzt und auch im Alter leben. Ich hoffe, dass ich zumindest noch durchhalte, bis ich 63 bin, dann kann ich jederzeit auf Antrag, wenn auch mit gehörigen Abzügen bei der Versorgung, vorzeitig in den Ruhestand gehen. Als Beamtin bin ich ja finanziell auch bei vorgezogenem Ruhestand recht gut abgesichert, aber dafür habe ich auch viel getan. Geschenkt worden ist mir im Leben nichts.
Habe dann ja auch noch das Drama mit meiner psychisch kranken Schwester erlebt und nach dem Tod unserer Mutter (2011) eine jahrelange Erbauseinandersetzung, die dazu geführt hat, dass ich meinen gesamten Erbteil unter Wert verkaufen musste, um überhaupt aus der Erbengemeinschaft herauszukommen. Solange meine Mutter lebte, habe ich mich selbst im Urlaub nie weit weg gewagt und bin meistens nur in Deutschland geblieben - es hätte ja wieder mal was mit ihr sein können, dann war ich wenigstens schnell wieder zu Hause.
Und dann gönnen mir nach ihrem Tod Leute, die selber schon in den USA, China, Australien und Neuseeland gewesen sind und denen weder privat noch materiell irgendetwas abgegangen ist, nicht ein einziges Mal im zarten Alter von 54 eine Reise zu Verwandten nach Kanada...
🙁