Ich bin zwar extrovertiert, mag aber auch lieber Einzelfreundschaften und kleinere Gruppen als große Gruppen. Aber ich weiß, was du meinst. Und ich kann es auch nicht verstehen, dass viele Leute hierzulande ihre Freizeit nur mit der Familie verbringen. Mir wäre das auf die Dauer zu langweilig, ich brauche Abwechslung.
Meine Schulfreundin, zu der der Kontakt wieder eingeschlafen ist, durfte früher auch nur etwas mit ihrer Herkunftsfamilie unternehmen. Rückblickend sehe ich es so, dass die Eltern die Kinder bis zum Abitur intensivst in ihrem bildungsbürgerlich-konservativen Sinn beeinflussen wollten. Unter anderem besuchte man am Wochenende und im Urlaub bekannte Museen und Kunstausstellungen und führte die Kinder in berühmte Werke ein. Meine Freundin hatte schon als Kind das Römisch-Germanische-Museum in Köln mit ihrer Großmutter und einer Tante besucht und den Isenheimer Altar in Colmar gesehen, lange, bevor ich ihn 1980 auf einer Fahrt mit meiner Jahrgangsstufe zu sehen bekam. Außerdem hatten ihre Eltern, was Kunst betraf, natürlich auch viel mehr Hintergrundwissen als meine. Meine Eltern konnten mir insofern nichts vermitteln, obwohl auch sie durchaus gern im Urlaub Kirchen besichtigten. Aber was Romanik, Gotik, Renaissance, Barock ist, davon hatten sie als Volksschüler natürlich keine Ahnung. Meine gesamten kunstgeschichtlichen Kenntnisse habe ich mir erst nach dem Abitur autodidaktisch angeeignet.
Meine Freundin durfte auch nie mal am Wochenende bei mir übernachten, wie es z.B. bei meiner Schwester und ihren Freundinnen üblich war. Aber bei den Töchtern von Geschäftsfreunden ihres Vaters in einem anderen Bundesland durfte sie mit ihrer Schwester bezeichnenderweise mal eine ganze Ferienwoche verbringen. Ich weiß nicht, welche Position der Geschäftsfreund hatte, erinnere mich aber noch, dass seine Töchter, geboren in den 1960er Jahren, Juliana und Charlotte hießen - vermutlich also betontes Bildungsbürgertum. Ebenso durfte meine damalige Schulfreundin mit höheren Töchtern und Söhnen in den Schulferien nach Frankreich fahren. Auf diese Gruppenreise hatte ihre 100 km entfernt wohnende Großmutter, Jahrgang 1906, die auch schon aus dem gehobenen Bürgertum stammte (Bruder war Augenarzt, sie selber technische Lehrerin), sie aufmerksam gemacht. Bei einem der höheren Söhne, die meine Schulfreundin auf der Reise kennen gelernt hatte, durften sie und ihre Schwester auch nach einer Einladung zu seiner Geburtstagsparty übernachten. Auch er wohnte damals rund 100 km vom Elternhaus meiner Freundin entfernt. Machte aber nichts, sie durften trotzdem hin.
Die 5 Minuten Fußweg zu meinem Elternhaus waren dagegen offenbar zum Übernachten zu weit...
Aber der besagte Bürgersohn ist heute auch Professor an einer Uni in den USA; seine Mutter hatte promoviert und eine exponierte Position in einer der größten deutschen Städte, wurde dann später sogar von deren Oberbürgermeister mit einer Laudatio in den Ruhestand verabschiedet...
Das Milieu, aus dem ich stamme, war denen wohl zu kleinbürgerlich und bieder.
Und so laufen diese Dinge in Deutschland bis heute. 😎