AW: Behinderte in unserer Gesellschafft
Mir ist das teilweise mit der Lebensrealität von Angehörigen von Menschen mit Behinderung und von den Betroffenen selbst teilweise zu hart abgewertet und zu pauschalisierend. Ich selbst habe jahrelang in der Behindertenhilfe gearbeitet. Habe mich ehrenamtlich engagiert (jetzt geht es aus zeitlichen Gründen einfach nicht mehr), habe mehrere Leute in meiner Familie, die dort beruflich zu tun haben und ich habe auch eine Chefin gehabt, die ausgeprägtere Behinderungen hatte (eine hochintelligente, scharfsinnige, taffe, sehr starke Frau, von der ich sehr, sehr viel gelernt habe!!!) und eine Kollegin, die geistig behindert ist und fast blind. Und auch Leute aus meiner Familie sind sehr schwer behindert, sie müssen z. B. in einem Wohnheim leben.
Ganz ehrlich, es kommt so sehr auf den Einzelfall an. Auch wie viel Geld man erhält und wie man lebt. Ich will jetzt nichts beschönigen, es ist an sich eine sehr viel schwierigere Ausgangssituation, eine Behinderung zu haben, als keine. Das bedeutet aber auch nicht, dass man total unglücklich dahinvegetiert oder alle total unglücklich macht und belastet in seinem Umfeld und alles nur eine einzige Qual ist.
Was ich sagen kann ist, dass ich oft unglaublich lebensfrohe Menschen kennen lernen durfte, von denen viele "Nicht-Behinderte" sich eine ganz fette Scheibe abschneiden können. Und abgesehen wegen den Behinderungen an sich haben sie oft auch eher deswegen gelitten, weil sie von ihrem Umfeld so abgewertet, verurteilt oder angegangen wurden, was bis zur Diskriminierung geht. Anstatt also nur darüber zu reden, wie "qualvoll" es ist, behindert zu sein oder einen Angehörigen in der Familie zu haben der es ist, sollten wir auch darüber reden, wie viele Nicht-Behinderte, wir selbst, Menschen mit Behinderungen begegnen und mit ihnen umgehen. "Teilhabe" ist da ein gutes Wort, das mit Inklusion einhergeht. Und ich habe oft das Gefühl, viele WOLLEN Behinderte einfach nur in irgendeine Ecke stellen und so wenig wie möglich sich damit außeinandersetzen, als zu überlegen, wie man eine gemeinsame Gesellschaft gestaltet, die für ALLE schöner ist. Oder zu überlegen, wie verschieden Behinderungen sein können. Und dass es einfach nicht "die Behinderungen" gibt. Jemand, der körperbehindert ist, muss nicht minderbegabt sein und kann sogar einen hohen Bildungsgrad besitzen. Und jemand, der geistig behindert ist, kann körperlich trotzdem sehr fit und gesund sein und viel leisten, was körperliche Arbeit angeht.
Es kommt auch immer darauf an, welche Erwartungen ich in meine Kinder stecke. Wenn ich natürlich fest davon ausgehe, dass der Fötus in meinem Bauch mal studieren wird oder in die beruflichen Fußstapfen der Familie tritt, dann ist es halt ein herber Rückschlag zu akzeptieren, dass das bei einem behinderten Kind vielleicht nicht der Fall sein wird. Ich erlebe es so, dass da nicht wenige Eltern einfach auch hart reagieren.
Es ist auch so, es gibt nicht nur Wohnheime, es gibt betreutes Wohnen, halboffene Wohngruppen, es gibt eine gesetzliche Betreuung, die einfach nur vorbeikommt oder eine Haushaltshilfe, es gibt Berufsausbildungsprogramme für Menschen mit Behinderungen, Förderschulen, sonderpädagogische Einrichtungen und Schulformen ganz speziell für geistig behinderte Kinder. Natürlich ist ganz klar alles noch ausbaufähig und kränkelt so als System vor sich hin. Es ist aber auch nicht so, als würde man komplett vor dem Nichts stehen und überhaupt keine Hilfe bekommen. Es fehlt natürlich auch an Beratungsstellen und Gruppen für Angehörige, aber dennoch, ganz allgemein kann man sich Hilfe suchen. Nur viele nehmen sie nicht an. Ich habe jetzt auch immer wieder beruflich mit Eltern zu tun, die setzen alles daran, dass ihr Kind unter gar keinen Umständen auf eine "Behindertenschule" geht und quälen ihr Kind furchtbar, als dass sie es einfach auf die Förderschule tun und erstmal abwarten, wie es sich entwickelt. Eltern, die ihren Kindern vermitteln: "Du bist eine Enttäuschung und eine Belastung, weil du auf keine normale Grundschule gehst." Wo dann mir 6-jährige Kinder (!!!) sagen, sie wären froh, niemals geboren worden zu sein, weil sie ihre Eltern traurig machen. Und das, das ist ein Armutszeugnis, sorry. Wenn ich mein Kind mit solchen Gefühlen in die Welt schicke.
Es gibt auch die Eltern - oft bei bereits erwachsenen Menschen mit Behinderung - die können nicht loslassen. Die versuchen auch wenig, ihre Kinder möglichst unabhängig zu erziehen und zu möglichst selbständigen Erwachsenen werden zu lassen. Da gibt es dann 45-jährige Männer, die noch ein "Kinderzimmer" haben, die Eltern sind bereits schon über 75 oder 80, können gesundheitlich sehr schlecht, aber wenn als Option kommt, dass ihr bereits erwachsenes Kind in eine Wohngruppe ziehen könnte, dort neue Kontakte findet und Unterstützung, wehren diese Eltern sich mit Händen und Füßen. Ganz oft erlebt.
Und nochmal: ich will das nicht runterspielen oder die Angehörigen ausklammern. Es ist oft hart. Sehr hart. Und gerade Eltern sollten viel mehr auch emotional und psychologisch unterstützt werden. Gerade wenn es um Kinder geht, die sehr schwere Behinderungen haben. Weil damit häufig eine größere psychische Belastung einhergeht. Und man nennt die Geschwisterkinder von solchen Kindern, die keine Behinderungen haben, nicht umsonst "Schattenkinder", die dann selbst später als Erwachsene öfters eigene Probleme entwickeln. Und die Eltern entwickeln wiederum oft riesen Schuldgefühle diesen Geschwistern gegenüber und haben das Gefühl, als Eltern weitgehendst versagt zu haben. Das sind große Dramen, Tragödien, die man oft mit mehr Hilfe auffangen und mildern könnte - aber eben auch, wenn unsere Gesellschaft zu Teilen anfangen würde, toleranter und offener damit umzugehen.
Es gibt z. B auch das Modell, dass durchaus Zuschüsse und Förderungen gezahlt werden, wenn man behinderte Mitarbeiter beschäftigt. Aber viele Firmen wollen das trotzdem nicht und nehmen das auch nicht in Anspruch. Beschäftigen sich auch nicht damit, ob es nicht doch weniger schwierig sein könnte einen behinderten Azubi oder Mitarbeiter zu beschäftigen, als sie es sich vorstellen. Da herrschen viele Vorurteile und einige dieser Arbeitgeber haben auch nicht das Interesse, da zu recherchieren oder sich mal zu informieren.
Das Thema ist also sehr vielschichtig, wie ich finde und es gibt verschiedene Seiten.