Ich würde woanders ansetzen. Was die Förderung, vor allem Frühförderung angeht und die prinzipiellen Möglichkeiten von Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft und Kultur angeht. Ich denke, viele Betroffene können nie ihre Möglichkeiten und ihr Potenzial entfalten, weil sie nicht richtig gefördert wurden als Kinder und Jugendliche. Gerade unter den Menschen mit Behinderungen, die geistig und psychisch sind, die zur Altersgruppe 50+ gehören, ist die Zahl der Analphabeten sehr hoch oder dass diese Personengruppen zumindest sehr schlecht lesen und schreiben können. Die hat man einfach schulisch aufs Abstellgleis gestellt. Oder irgendwie "mitgezogen", aber halt nie so, dass man sie richtig gefördert hat.
Bei Autismus spricht man ja bis jetzt von einer Behinderung. Aber dass das alles wirklich tiefgehender erforscht wird, ist noch nicht so lange. Es gibt Autisten, die haben Inselbegabungen, von denen können die meisten nur träumen. Da es jetzt eine bessere Förderung und Anerkennung von Autismus gibt und man weiß, wie man damit arbeiten muss, kann man diese Fähigkeiten sehr viel besser ausbilden und fördern, als es noch vorher der Fall war. Davor wäre das nicht möglich gewesen. Da waren Autisten auch meistens irgendwelche verschrobenen Typen, die sich nicht anpassen wollen, maßlos verwöhnte Kinder oder "Gestörte", ohne dass man geschnallt hat, dass es sowas wie Autismus gibt oder man dem die notwendige Anerkennung gibt. Es gibt leider erschreckend viele Lehrer höheren Alters, die sagen, Autismus wäre nur eine "Modeerscheinung" und die "Sogenannten Autisten" müsste man nur mit ausreichend Disziplin und Strenge zurechtstutzen.
Ich kenne ein Kind mit Autismus, der hatte bereits mit 5 Jahren einen IQ von ca. 140 - und der hat den IQ-Test nach ca. 2/3 einfach verweigert und nicht mehr weitergemacht. Nur, wenn du den in eine Regelschule stecken würdest, mit nicht ausreichend dafür ausgebildeten Lehrern, der würde alles andere als so intelligent wirken, weil seine Baustelle auch sein Sozialverhalten ist. Mit der notwendigen sozialen Förderung und Struktur KANN der erst seine Intelligenz richtig zeigen.
Ich kenne einen geistig behinderten Mann, der ein fotografisches Gedächtnis hat. Dem gibst du ein Telefonbuch, ein Fachbuch, der blättert das einmal durch und dann kann er es auswendig. Ohne Scherz. Das habe ich mehrmals mit dem ausprobiert. Er kann das, was er aufnimmt, nur nicht vollständig umsetzen oder verstehen. Aber ich finde das wahnsinnig interessant und wie viele Menschen können das so? Der hat Fahrpläne auswendig gekonnt. Von allen Zügen und Linien. Das war praktisch. Der konnte dir alle Verbindungen runterbeten und aus dem Kopf raussuchen, wenn du dem nur gesagt hast, um wie viel Uhr du losfahren willst und wohin.
Natürlich ist jetzt nicht jeder Autist hochbegabt oder jeder geistig behinderte Mensch mit so einer Kapazität im Gehirn ausgestattet. Es gibt auch welche mit unterdurchschnittlichen IQ. Aber was ich sagen will: vielleicht ist unsere Gesellschaft sehr lange überhaupt nicht bereit gewesen, das individuelle Potenzial von Menschen mit Behinderungen zu entdecken und fängt jetzt erst so langsam damit an. Die Forschung ist allgemein auch nicht so weit. Und mal Hand aufs Herz: die meisten Menschen, die ich kenne, für die bedeuten Behinderungen entweder Autismus oder Down-Syndrom. Und das wars. Und denken alle sitzen sie sabbernd und debil in irgendwelche Einrichtungen oder sind wie kleine Kinder. Und dann kommen noch körperbehinderte Menschen dazu, blinde und "taubstumme". Aber die werden von vielen so behandelt, als wären sie keine "richtigen Behinderten". Also unsere Gesellschaft ist auch vielleicht noch nicht so offen, wie sie sein könnte, um diese Menschen auf ihrem Werden zu unterstützen. Es geht oft auch nicht darum, in allem gut zu sein oder so wie die anderen - sondern für sich den optimalsten und besten Weg zu finden und zu gehen und sich entfalten zu können. Dieses "behindert = leistungsschwach/dumm" ist sehr fest in nicht wenigen Köpfen verankert. Und das finde ich nicht richtig. Das wird diesen Betroffenen nicht gerecht.
Ich verstehe Grisous Beitrag auch nicht so, wie ihm vorgeworfen wurde. Warum kann man da denn nicht einfach mal nachfragen, wie er das gemeint hat, sondern kommt direkt mit der Keule?
Man müsste sich vielleicht auch mal darüber unterhalten, was "Leistung" für jeden bedeutet. Die Definition kann sehr verschieden sein. Für mich ist das vielschichtig. Weil damit auch von jedem die Lebensrealität einhergeht.
Für mich ist es eine große Leistung, wenn ein Mensch mit Behinderung sich sehr viel mehr anstrengen muss, um das zu schaffen, was für andere selbstverständlicher oder mit weniger Aufwand verbunden ist. Eine Person mit geistigen Behinderungen, die jeden Tag mit vollem Einsatz in einer Wäscherei arbeitet, sich anstrengt und den Job ernst nimmt, immer im Fokus hat, etwas für die Gesellschaft zu tun, ja, diese Person leistet für mich persönlich mehr als andere, bei denen es nicht so ist. :schulterzucken: Für mich leistet auch jemand mit Depressionen, der hart um seinen Alltag kämpft und alles gibt, mehr als jemand, der dies nicht tun muss und der vieles "easy going" nimmt. Auch wenn oberflächlich betrachtet dem anderen mehr zufliegt, der vielleicht studiert hat, weil er eben nicht mit Depressionen kämpfen muss usw.
Rein nüchtern betrachtet, rein von den Fakten her sieht das anders aus. Aber ich finde, mit einfließen muss auch immer, was das für jemanden bedeutet, etwas gleiches oder sehr ähnliches zu schaffen und zu tun. Mit wie viel Mühen, Aufwand oder Überwindung das verbunden ist. Wir Menschen sind nunmal nicht nur rein nüchterne Fakten.