Aber was urteilen wir eigentlich über Menschen und deren Gründe keinen Ausweg mehr zu sehen? Wäre es nicht besser stattdessen zu überlegen wie man konkret helfen, für jemanden da sein und wieder Hoffnung geben kann?
Genau das meine ich ja auch. Aber den meisten Menschen ist das viel zu unbequem und anstrengend. Das könnte ja die friediche Behaglichkeit ihrer Bilderbuchfamilie und/oder -partnerschaft stören. Sie fragen sich nur: "Was habe
ich davon?" Denen ist es scheißegal, ob ein depressiver, vereinsamter oder verzweifelter Mensch wieder Hoffnung schöpft oder nicht. Sie wollen nur "Fun" und sich mit in jeder Hinsicht erfolgreichen "Freunden" bzw. (in gehobenen Kreisen) "Gästen"
🙄 schmücken, die bei ihnen bzw. bei denen sie ein- und aus gehen. Sie erwachen erst dann, wenn es ihnen selber oder einem ihrer engsten Angehörigen dreckig geht, sprich: wenn das Leid sie unmittelbar und persönlich heimgesucht hat.
Die populärwissenschaftliche Lebenshilfeliteratur und Artikel in Frauenzeitschriften, in denen einem dazu geraten wird, sich aus psychohygienischen Gründen nur mit "positiven", "erfolgreichen" Menschen zu umgeben, möglichst auch noch solchen mit "charismatischer"
🙄 Ausstrahlung, lassen keinen Raum mehr für das, was man vor Jahrzehnten auch in der westlichen Welt noch unter Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Hilfsbereitschaft verstanden haben mag. Solche Werte stehen nicht mehr hoch im Kurs, sie werden nur noch kalt belächelt. Dagegen immunisiert man sich am besten. In Ländern, in denen der Wohlstand geringer ist und die Menschen mehr aufeinander angewiesen sind, mag das noch anders sein.
Natürlich ist auch das andere Extrem falsch, das darin besteht, sich bis zur eigenen Erschöpfung für andere Menschen aufzuopfern oder sich derart von ihnen vereinnahmen und ausnutzen zu lassen, dass kein Raum mehr für die eigenen Bedürfnisse bleibt. Aber viele Menschen wehren mit solchen Befürchtungen gleich die selbstverständlichsten Formen mitmenschlicher Anteilnahme ab.
Sich ein- oder zweimal im Monat mit einem in der Nähe wohnenden depressiven Menschen zu treffen und mit ihm mit dem Hund spazieren zu gehen, sodass er mal auf andere Gedanken kommt und etwas hat, worauf er sich freuen kann (wie in dem Beispielsfall von Nicclas), ist keine Aufopferung.
Sich auch als etwas entferntere Verwandte (z.B. Cousine) wenigstens alle sechs Wochen mal telefonisch bei jemandem zu melden, von dem man weiß, dass er - noch dazu unverschuldet - in einer schwierigen Lebenssituation steckt, damit ziemlich alleingelassen wird und dennoch alles Mögliche unternimmt, um die missliche Lage zu bewältigen, ist noch keine Zumutung. Auch dann nicht, wenn das Telefonat eine gute halbe Stunde dauert und nicht nur heitere Themen oder Erfolgsgeschichten zur Sprache kommen.
Sich mit einer alleinstehenden langjährigen Schulfreundin, maximal 30 km entfernt wohnend und an der Aufrechterhaltung des Kontakts durchaus interessiert, zweimal im Jahr nach Feierabend zu verabreden, wenn man sogar im selben Ort arbeitet, oder wenigstens in diesen Zeitabständen anzurufen, sollte auch bei hoher beruflicher Beanspruchung drin sein. Gerade dann, wenn bei diesen Treffen oder Telefonaten beileibe nicht nur Probleme gewälzt werden. Statt dessen: Nachrichten (meist per Email) bestenfalls zu Weihnachten und zum Geburtstag. Treffen? Vielleicht alle zwei Jahre mal. Für "vorzeigbarere" Bekannte nimmt man sich dagegen Zeit, auch wenn diese über 500 km entfernt wohnen, und erscheint auch zu jedem Klassentreffen trotz immerhin einstündiger Anreise mit dem Auto; denn daraus könnte sich ja eine vielversprechende Kontaktpflege zu Professor(inn)en oder ehemaligen Mitschülern mit Doktor- und/oder Adelstiteln entwickeln...
Solche Fälle, teils auf persönlichen Erfahrungen beruhend, meine ich. So etwas muss nicht sein, da könnte man mit wenig Aufwand und überschaubarem persönlichem Einsatz deutlich mehr Herz zeigen. Ich bin sicher, der eine oder andere Selbstmord hätte durch kleine Gesten mitmenschlicher Anteilnahme und Unterstützung verhindert werden können.