Nordrheiner
Sehr aktives Mitglied
Hallo Panthi,
ich schätze dich so ein, dass du eine Wandererin bist. Ich selbst bin schon seit geraumer Zeit kein Wanderer mehr.
Weiters ist es so, dass ich einen verdammt hohen Grad an Empathie bzw. Mitfühlungsvermögen habe. Darüber schreibe ich jedoch nicht, weil ich weiß, dass es einen Menschen zerreißen kann.
Wir leben in einer Welt der Zerrissenheit. Verträge zwischen den Völkern werden gebrochen, Freundschaften brechen auseinander. Beziehungen reißen. Das Vertrauen zu einem Menschen bekommt einen Riss. Jemand hat „mein“ Vertrauen mißbraucht oder „meine“ Erwartungen nicht erfüllt. Manchmal spüren wir unseren Riss – wissen aber nicht, woher er kommt. Zu weit in der Vergangenheit begann der Riss. Wir sind oft einfach sprachlos. Angesichts unserer Sprachlosigkeit reden wir „um den Brei“ herum.
Das Schreiben über eigene Gefühle, die den Menschen zerreißen können, ist eine anspruchsvolle Arbeit. Wer dazu etwas sagen kann, hat nicht nur ein Empfinden für den eigenen tiefen Riss, sondern ist sich dessen auch bewusst. Der Riss trennt Herz von Verstand. Er trennt „wie es ist“ von dem „wie es sein sollte“.
Wie gehen wir mit unserem Riss um?
Wir legen eine Eisschicht darüber und verdrängen. Manche Menschen legen sich einen Eisenpanzer um ihr Herz und behandeln den Mitmenschen gefühllos, eiskalt, so – wie sie sich selbst fühlen. Manche Menschen verletzen mit der Absicht, die eigene Verletzung weiterzugeben. Menschen wissen meist nichts von Heilung.
Aber wie kann man einen Riss heilen? Geht das überhaupt?
Ich kann nicht dazu raten, mit jedem über diese Frage zu sprechen. . Mit wem sollten wir auch darüber reden? Sollte ich mal beim Nachbarn schellen und wenn er fragt, was ich will, dann sag ich: „Ich wollt nur mal mitteilen, dass ich eine Zerrissenheit in mir spüre.“ Dann wird er mir evt. ein Hansapflaster anbieten. Oder ich ruf bei meinem Bruder an (sofern ich einen habe). Der wird mir einen Psychologen empfehlen oder raten, abends nicht so viel zu trinken. Oder ich bekomme den Tipp: „Es wird schon wieder“. Nein, ich denke nicht, dass Menschen jeden Riss heilen können. Ich denke aber ebenfalls nicht, dass deswegen der Riss eine für immer mein Leben bestimmende Tatsache bleiben muß.
Nelly Sachs gab einen Hinweis, der für mich zielführend ist: „Alles beginnt mit Sehnsucht.“ Wenn wir sehnsüchtig Heilung wünschen, ist der erste Schritt getan. Wir sind dann noch lange nicht am Ziel, noch lange nicht geheilt. Aber wir weichen nicht mehr der Frage nach Heilung aus. Heilung ist für uns nicht mehr undenkbar. Wir hoffen auf Heilung. Hoffnung und Heilung sind Geschwister, die sich in Liebe zugetan sind.
LG, Nordrheiner