Hat mir dir jemand schon mal Stabilisierungsübungen gemacht? Arbeitet ihr an deiner Sicherheit?
Ich mache eine Ausbildung zum Traumatherapeut, hab nächsten Monat meine Prüfung.
Wir haben gelernt, erst sorgt man dafür, dass der Klient stabil ist, dann arbeitet man an seiner Sicherheit. Und erst DANN macht man eine Traumakonfrontation. Das hat man uns von Anfang an eingetrichtert. Wir haben unzählige Stabilisierungsübungen gemacht. Haben lange darüber geredet, was Sicherheit bedeutet. Das war der Hauptteil unserer Ausbildung.
Wenn die in der Klinik mit dir eine Konfrontation machen, okay. Die haben ja für Sicherheit gesorgt. Wenn der Therapeut mit dir EMDR macht, kann er sicher sein, dass 24 Stunden für dich jemand greifbar ist, der weiß wie man Erste Hilfe leistet und der den Notruf alarmieren kann. Die können dich auffangen.
Wobei auch hier die Frage im Raum steht, ob man zeitgleich mit dir an Stabilisierungsübungen für die Zeit nach der Klinik gearbeitet hat.
Dass deine Therapeutin in diesem Rahmen kein EMDR macht, halte ich - natürlich nur aus der Ferne gesehen - für sinnvoll. In dem Zustand, in dem du bist, würde ich dir gegenüber nicht mal die Technik erwähnen. Wir haben EMDR in der Ausbildung gemacht und bei uns sind im Kurs gestandene Persönlichkeiten heulend unter den Tisch gekrochen.
Stabilisierung heißt, dass der Klient die Werkzeuge an die Hand bekommt, jederzeit ins Hier und Jetzt zurückzukommen, wenn er abstürzt. Da macht man Visualisierungsübungen, Klopftechniken, Bildschirmübungen, findet Triggerauslöser und schaltet die aus.
Mehr oder weniger parallel dazu arbeitet man an der Sicherheit. Da kommen Dinge zum Einsatz wie das Ressourcendiagramm, die fünf Säulen der Identität.
Dann kann man langsam anfangen, an Glaubenssätzen zu arbeiten. Meist kommt die Konfrontation dann von allein.
Du kannst all diese Begriffe googeln und dich weiter darüber informieren.
Wenn ich weiß, mein Klient ist in der Lage, sich aus Flashbacks rauszuholen, er hat ein Sicherheitsnetz, das ihn im Leben hält, dann kann ich ihn auffordern, über das Erlebte zu reden. Ansonsten gehe ich auf das Erlebte nur dann ein, wenn etwas hochkommt und der Klient selbst darüber reden möchte. Meist arbeitet man dann aber daran, die Erinnerung wieder wegzupacken.
Ich habe es massiv an mir selbst erlebt. Du kannst nicht einfach ein Trauma auflösen und alles ist schick. Damit verbunden sind immer auch Glaubenssätze und löst du das Trauma auf, erschütterst du die Persönlichkeit und ihre Werte. Da braucht man eine solide Basis, um das tragen zu können.
Wenn du also merkst, die Frage, warum du immer wieder zurück bist, destabilisiert dich, sag deiner Therapeutin, sie soll das lassen. Es ist ganz wichtig, dass du zum jetzigen Zeitpunkt gut auf dich achtest und dass du wieder stabil wirst.
Wenn jemand einen Autounfall hat, wird kein Arzt bei Verstand diesen Menschen einer unnötigen OP aussetzen. Da wird immer erst stabilisiert. Wenn alle Werte okay sind, dann schiebt man den Patienten in den OP. Ansonsten wird man nur dann operiert, wenn es unausweichlich ist, um die Stabilität herzustellen. Mit der Psyche ist es nicht anders.
Also hab keine Scheu davor, ganz klar eine Grenze zu ziehen.
Ich kann es nicht so einschätzen, aber ich möchte dich auf jeden Fall ermutigen, dir zu überlegen, ob eine Konfrontation momentan für dich sinnvoll ist oder ob du lieber eine Zeit daran arbeiten möchtest, Boden unter die Füße zu bekommen. Mein Eindruck ist, der fehlt dir momentan etwas.
Was dieses "immer wieder zurückgehen" betrifft. Da gibt es Mechanismen in deiner Seele, die von Tätern angelegt wurden. An der Stelle wurdest du manipuliert und zwar auf eine Weise, dass du dich nicht dagegen wehren konntest. Das ist eine Art von Gehirnwäsche. Da sind Glaubenssätze in dir aktiv, die dich Dinge tun lassen, die du nicht willst. Die wirken aus dem Unterbewusstsein heraus. Da gibt es auf deiner Seite keine Schuld. Quäl dich nicht mit der Frage nach dem Warum. Wir sind so gestrickt. Die Psyche macht solche Dinge. Die Psyche ist korrumpierbar, um das zu bekommen, was sie braucht. Und in deinem Fall war es Liebe und Geborgenheit. Und das hat der Täter dir vorgespielt. Wir werden uns nie ganz von diesem Mechanismus befreien können. Wir können uns letztendlich nur verzeihen, dass wir immer wieder in diese Falle tappen und uns bemühen, sie zu erkennen, wo es nur irgend möglich ist.
Tuesday