Mein Freund lebt auf dem Land. Dort ist es ganz normal, dass unverheiratete Menschen mit über 30 noch im Elternhaus wohnen. Einige seiner Freunde sind 35-40 und wohnen immer noch bei den Eltern. Aber diese Leute sind berufstätig und bei ihnen zu Hause sieht es sehr schön aus. Wenn es bei meinem Freund so aussehen würde wie bei seinen Freunden, wäre das für mich kein Problem, bei ihm einzuziehen.
Er sagt übrigens selbst, dass er gerne den Weg des geringsten Widerstands geht. Das liegt meiner Meinung nach am Verhalten seiner Mutter. Bei ihr konnte er immer machen, was er wollte. Deshalb war er auch so schlecht in der Schule. In seiner Pubertät hat er einige Jahre beim Vater gelebt, und siehe da, auf einmal wurde er ein richtig guter Schüler. Seine Mutter hat ihm immer eine Entschuldigung geschrieben, wenn er keinen Bock auf Unterricht hatte. Als er beim Vater wohnte, musste er regelmäßig die Schule besuchen und jeden Samstag dem Vater auf dem Bauernhof helfen. Andererseits gab es bei seinem Vater auch schöne Dinge... es wurde täglich frisch gekocht, jedes Jahr Weihnachten und Ostern gefeiert, sein Vater hat mit ihm Ausflüge und Urlaub gemacht, ihm ein Haustier geschenkt, einen Tanzkurs bezahlt, usw. Im Haus seines Vaters hatte mein Freund etwas, was die meisten Menschen unter einem richtigen Familienleben verstehen. Auf der anderen Seite gab es aber auch Regeln, an die er sich halten musste. Das fiel ihm schwer, weil er es nicht gewohnt war. Und deshalb ist er nach einigen Jahren wieder zur Mutter gezogen.
Mein Freund ist kein Dummkopf, er hat schon einiges in der Birne. Leider war sein Chef in der Ausbildung kein besonders netter Mensch und hat ihn gnadenlos ausgenutzt. Mein Freund musste nicht nur in der Bäckerei für ihn arbeiten, sondern auch im Haus seines Chefs viele Arbeiten verrichten... und das alles in seiner Freizeit und ohne Bezahlung. Obwohl mein Freund viel Freizeit für seinen Chef opferte, weil er sich Hoffnungen auf eine Übernahme machte, wusste der das gar nicht zu schätzen. Vor der Abschlussprüfung meinte der Chef zu ihm, dass er sich anstrengen und wenigstens mit einer 4 bestehen solle, um ihn und seinen Betrieb nicht zu blamieren. Mein Freund hat mit 2,3 bestanden - und wurde trotzdem nicht übernommen. Das war ein harter Schlag für ihn.
Bäcker war niemals sein Traumberuf. Eigentlich wollte er Kfz-Mechaniker werden, hat aber keinen Ausbildungsplatz bekommen. Um nicht das ganze Jahr zu Hause rumzusitzen, entschied er sich am Ende für eine andere Ausbildung. Nach dem Abschluss wollte er in die Industrie, aber niemand hat ihn eingestellt. Also musste er in die Zeitarbeit. Und wurde dort auch immer wieder ausgenutzt und nirgends übernommen. Ich denke er wäre wohl heute noch berufstätig, wenn sein Vater damals nicht unerwartet verstorben wäre und ihm viel Geld vererbt hätte. Ich weiß nicht genau, wie viel Geld es ist... habe ihn nie danach gefragt. Habe auch keine Ahnung, was die Häuser wert sind.
Mein Freund und seine Mutter haben ein gutes Verhältnis, wobei sie sich nicht in sein Leben einmischt und er sicher kein Muttersöhnchen ist. Sie ist eine liebe Frau, aber nicht der Typ Mutter, der sein Kind in den Arm nimmt und "Ich hab´ dich lieb" sagt. Das war sie noch nie. Gefühle nach außen zu zeigen fällt ihr schwer, der Vater war in dem Punkt genauso. Mein Freund ist sehr emotional und zeigt das auch, im Gegensatz zu seinen Eltern.
Was genau mit seiner Mutter los ist, weiß ich nicht. Ich kenne Menschen, die über 80 sind und ihren Haushalt bestens im Griff haben. Seine Mutter ist noch nicht so alt, sie ist in den 60ern. Sie war noch nie der Typ Mensch, der großartig Interesse an der Arbeit hatte. Früher hatte sie Teilzeitjobs als Reinigungskraft, heute als Rentnerin hat sie einen Minijob und trägt so ca. 1 Stunde täglich irgendwelche Briefe/Flyer aus. Die restliche Zeit des Tages sitzt sie im Esszimmer, hört Radio, liest Zeitung, telefoniert mit ihren Verwandten und macht ein bisschen was im Haushalt. Es ist auffällig, dass sie sich für so ziemlich nichts richtig interessiert. So war sie schon immer. Nach der Trennung vom Vater meines Freundes (da war er noch ein Baby) hatte sie nie wieder einen Partner. Freunde hatte sie auch noch nie, da sie recht menschenscheu ist. Es gibt da eine Bekannte im Dorf, mit der sie sich ab und zu mal zum Reden trifft. Hobbys und Interessen hatte sie auch noch nie.
Früher hat sie noch etwas mehr gemacht. Mein Freund konnte natürlich nicht kochen, als er noch ein kleines Kind war. Damals musste sie es tun. Aber wirklich Lust hatte sie nie darauf, entsprechend schlecht schmeckte ihr Essen. Einen Garten hat die Familie nicht mehr, seit die Großeltern nicht mehr leben. Die Mutter meines Freundes hat sich nie dafür interessiert. Sie hat übrigens noch eine Schwester, die das komplette Gegenteil von ihr ist. Die Tante meines Freundes ist ein paar Jahre älter als seine Mutter, führt aber ein ganz anderes Leben als sie. Sie hat eine abgeschlossene Berufsausbildung und war vor ihrem Ruhestand meistens berufstätig, ist seit Jahren verheiratet, hält viel Kontakt mit ihren Kindern, passt regelmäßig auf ihre Enkel auf, kümmert sich prima um ihren Haushalt, ist in Vereinen aktiv und hat mehrere Interessen. Manchmal kommt die Tante zur Mutter und hilft ihr beim Putzen.
Ich mache mir große Sorgen... einerseits frage ich mich, was aus der Mutter werden soll und andererseits habe ich Angst, dass mein Freund im Laufe der Jahre genauso wird wie sie. Ich liebe diesen Mann über alles. Er hat ein Herz aus Gold und ich bin dankbar, dass ich ihn kennengelernt habe. Unsere gemeinsame Zeit ist eine große Bereicherung für mich. Aber ich habe Angst, dass ich eines Tages zwei Erwachsene wie Kleinkinder versorgen muss. Das packe ich nicht. Und ich will es auch nicht. Mir wäre es am liebsten, mir in seiner Gegend eine Mietwohnung zu nehmen.