Ronja00
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Ja genau. Das wäre eine Erklärung. Freiheit ist ja immer eine Zuschreibung, die aus der Außen- und Innenperspektive sehr unterschiedlich vorgenommen werden kann. Jemand mag sich in der Sklaverei innerlich frei fühlen (man denke an Epiktet z.B.) während ein anderer sich bei allen äußeren Anzeichen der Freiheit als völlig fremdbestimmt erlebt.
Ich glaube sagen zu können, dass tendenziell vor allem Frauen dazu neigen, sich als unfrei zu definieren. Freiheit bedeutet immer auch Verantwortung für das, was man tut, inklusive der Möglichkeit des Schuldigwerdens. Sören Kierkegaard hat das vor über 150 Jahren in seinem Buch "Der Begriff der Angst" sehr ausführlich beschrieben. In unserer Gesellschaft hat in der weiblichen Sozialisation der Begriff der Schuld eine viel weitreichendere Bedeutung als in der männlichen Sozialisation. Kleine Jungen dürfen sich ungestraft raufen und offnene Konkurrenzkämpfe ausfechten. Bei kleinen Mädchen führen solche Verhaltensweisen nicht selten zu massiver Ausgrenzung.
Es ist für uns Männer (mich eingeschlossen) unendlich schwer, sich in das (tendenziell) weibliche Empfinden von Freiheit und Autonomie, Schuld und Verantwortung einzufühlen.
Du selbst beschreibst dich problemlos als eigenverantwortlich aktiv und aktiv:
Sogar der Umstand, dass du dich deiner Familie angepasst, war deiner Selbstbeschreibung nach deine eigene Entscheidung.
Aus diesem Unterschied in der Definition von Freiheit ergibt sich nicht selten folgender typischer Teufelskreis:
Die Frau opfert sich ihrem Selbstverständnis nach seit Ewigkeiten für die Familie auf. Sie fühlt sich dabei oft wie fremdgesteuert. Der Mann hingegen legt sein Konzept von Freiheit zugrunde, ihm erscheinen die Handlungen seiner Frau als freie Entscheidungen ("Anscheinend möchte sie jetzt putzen") und reagiert entsprechend. Schließlich hat er all diese Dinge ja nie explizit gefordert. Die Frau erwartet hingegen endlich Dank für all die selbstlose Mühe und (fehl-)interpretiert die Reaktionen des Mannes als Lieblosigkeit. Daraus erwächst im Laufe der Zeit eine immense Frustration. Egal was frau auch tut, es ist offensichtlich nie genug. Äußert nun der Mann noch einen Wunsch, stößt er entsprechend oft auf harte Ablehnung. Seine direkte Art wird als indirekte Kritik verstanden. Damit hat er aber den vermeintlichen "Beweis" für ihre Autonomie: Seine Frau will nicht.
Diese Dinge werden aber selten thematisiert. Das klare Äußern von Wünschen und Bedürfnissen ist aus Frauenperspektive oft noch immer eine schwierige Angelegenheit. Zudem wird oft das Ideal der Bedürfnislosigkeit als Selbstideal hochgehalten. Der Mann steht hingegen vor der Aufgabe, unausgesprochene Wünsche erraten zu müssen. Damit erscheinen ihm die Bedürfnisse seiner Frau als unendlich hoher und unmöglich zu erfüllender Anspruch, im krassen Gegensatz zu dem, wie die Frau sich selbst erlebt. Dadurch staut sich auch beim Mann eine erhebliche Frustration auf. "Immer lässt du mich machen und meckerst am Ende, wenn es doch wieder falsch war." Entsprechend pocht er auf das Selbstbestimmungsrecht der Frau: "Wenn du etwas willst, dann sprich das doch bitte klar aus und übernimm endlich Verantwortung für deine Entscheidungen." Auf diese Weise dreht sich der Teufelskreis immer weiter und weiter. Im Kern steckt unverändert die unterschiedliche Konzeption von Freiheit und Verantwortung.
Bei Streitigkeiten über Kleinigkeiten geht es in aller Regel nicht um das Sachthema an sich, sondern diese sind lediglich Symbole bzw. Aufhänger für dahinterliegende als existenziell erlebte Empfindungen. Ein liegengelassener Socken kann die Liebe in Frage stellen, eine falsch stehende Couch das Gefühl auslösen, der andere habe im gemeinsamen Haus schon immer alles nur nach seinen Vorstellungen gestaltet.
Möglicherweise ist es an der Zeit, den jeweils anderen in seiner Gewordenheit noch einmal neu kennenzulernen. Und das schließt mit ein, sich selbst kennenzulernen. Nach welchen grundlegenden Kategorien strukturiere ich mein Weltbild? Und deckt sich das mit denen meines Partners/meiner Partnerin? Hier wartet eine spannende und sehr tiefgründige Entdeckungsreise.
Hallo Tuny,
das hättest Du nicht besser formulieren können.
Es ist für uns Männer (mich eingeschlossen) unendlich schwer, sich in das (tendenziell) weibliche Empfinden von Freiheit und Autonomie, Schuld und Verantwortung einzufühlen.
Die Frau erwartet hingegen endlich Dank für all die selbstlose Mühe und (fehl-)interpretiert die Reaktionen des Mannes als Lieblosigkeit. Daraus erwächst im Laufe der Zeit eine immense Frustration. Egal was frau auch tut, es ist offensichtlich nie genug.
Das ist auch so ein Thema, Frauen (meine natürlich auch) erwarten immer das ich gesehen habe das sie z.B. geputzt hat oder irgendwas in der Wohnung verändert hat. Nun das ist für mich eben nicht so einfach. Ich komme doch nicht nach Hause um zu schauen ob sie geputzt oder etwas verändert hat. Wenn Sie etwas an sich verändert, nicht gerade ein anderes MacUp, also wie Klamotten, Frisur oder ähnliches dann fällt mir das wohl auf. ich schaue meine Frau ja schließlich an. Aber ob die Wohnung geputzt ist oder sie was umgestellt hat, welchen Mann soll das auffallen?
Ich find schon das ich Ihr ausreichend Dank entgegen bringe nur eben nicht für solche Sachen wo ich nicht offensichtlich sehe, sie bedankt sich ja schließlich auch nicht dafür das ich arbeiten war und ich würde dann wohl auch komisch reagieren.😀
Auch das Thema mit den erraten der Wünsche von unseren Frauen ist nicht einfach. Ich z.B. sage mit einfachen und klaren Worten was ich will oder mag. Warum machen dann die Frauen immer ein Geheimnis daraus?
Das mit dem neu kennen lernen der Gewohnheiten des eigenen Partner ist zwar richtig und wäre eine tolle Sache aber ich möchte mal wissen wie das gehen soll. Vielleicht bin ich zu doof, aber ich könnte nicht sagen wie ich es anstellen soll
Wenn ich meine Frau ab und an mal anspreche hat sie nie irgendwelche Wünsche. Ob sie nun erwartet das ich diese erraten kann oder aber wirklich keine hat habe ich noch nicht herausgefunden.
Früher war es z.B. immer ein Theater was schenke ich meinen Partner zum Geburtstag, zum Hochzeitstag, oder zu den vielen anderen Events was es immer gibt.
Das Thema haben wir abgeklärt. Bis auf unseren Hochzeitstag gibts keine Geschenke mehr untereinander weil man sich ja doch schon das ganze Jahr Dinge kauft die man will. Bei uns bekommen nur noch die Kinder und seit Enkel da sind nur noch sie die Geschenke.
Was unser Heim anbelangt da habe ich meiner Frau bis auf die technischen Dinge immer freie Hand gelassen. Frauen und das soll hier nicht negativ klingen sind in Sachen des einrichten meist Intuitiver😉