Meine Frau ist seit über 11 Jahren zu Hause, vorher war sie arbeiten. Seit diesen Zeitpunkt hat sie alles in die Hand genommen. Ich bin nur noch fürs Geld nach Hause zuständig. Leider massregelt Sie mich immer öfter, weiss alles besser und hat immer was an mir auszusetzen.
Das war früher anders, da war ich immer oben auf und hab alles selbst entschieden. Das mit den Entscheidungen ist auch so ne Sache, wenn wir Auto fahren und ich am Steuer von "Ihrem" Auto sitze sagt sie immer wenn ich frage ob wir die eine oder andere Richtung einschlagen "Du bist der Fahrer" meckert aber kurz darauf warum ich mich so entschieden habe. Sag ich was dann hüllt sie sich in Schweigen oder sagt" am besten ich sage gar nichts mehr.
Hallo Ronja00,
ich würde dieses anschaulich geschilderte Beispiel gerne einmal anhand des Begriffspaars "Autonomie" und "Bindung" aufschlüsseln. Möglicherweise ergeben sich daraus interessante Impulse.
Die Grundannahme ist folgende: Menschen sind allgemein in einer Gegensatzspannung aus Autonomie und Bindung gefasst. Autonomie bezeichnet die Freiheit,
innengesteuert seinen Wünschen und Antrieben zu folgen. Maximale Innensteuerung erfordert dabei minimale Beschränkungen von außen. Bindung ist in diesem Zusammenhang das genaue Gegenteil. Sie gibt äußere Sicherheit und Verlässlichkeit. Sie lässt sich durch das Gefühl beim Aufwachen illustrieren, dass die so vertraute Welt auch heute noch dieselbe wie gestern ist. Maximale Bindung setzt natürlich ein Minimum an Störeinflüssen voraus. Und die Empfindungen von Menschen sind in der Regel hochgradig unberechenbar, sofern sie nicht von äußeren Strukturen in geordnete Bahnen gelenkt werden.
In gewisser Hinsicht stehen sich beide Strebungen in einer Weise entgegen, dass sie zusammen eigentlich unerfüllbar sind. Das macht es erforderlich, die Verhältnisse ständig "dynamisch" neu auszuhandeln und situationsbedingt mal die eine und mal die andere Seite zum Zuge kommen zu lassen.
Da das Thema bei euerer Autofahrt das "Entscheiden" war, fällt es nicht schwer, diesen Begriff mit dem oben beschriebenen Autonomiestreben zu identifizieren. Wer dem anderen vorwirft, dass dieser sich frei entscheiden kann, der sieht sich in aller Regel in der Rolle des Gebundenen und wünscht sich eigentlich in dieser Situation mehr Autonomie. Diese Autonomie wird im anderen gesehen und über den Wunsch schließlich zum Vorwurf. Da du in dieser Situation als Fahrer "entscheiden" durftest, hast du für deine Frau wahrscheinlich genau diesen innersten Wunsch verkörpert. Natürlich hast du dich überhaupt nicht "frei" gefühlt: Du musstest dich dem Straßenverkehr unterwerfen und dir von deiner Frau anhören, dass du falsch entscheiden hast.
Dieser letzte Satz, das "falsch entschieden haben", ist sehr interessant: Hier wird, damit sich deine Frau im Vergleich zu dir nicht ganz so unfrei vorkommt, schnell ein Käfig mit den Gitterstäben "richtig" und "falsch" um deine Freiheit konstruiert. Damit warst du gott sei dank doch nicht ganz frei, sondern die ganze Zeit den Kategorien "richtig" und "falsch" unterworfen.
Auf diese Weise wird von deiner Frau der
Unterschied negiert, den sie in diesem Moment in eure Situation hineinkonstruiert. Das Schweigen können wir als Geste deuten, um nun selber Entscheidungsfreiheit zu demonstrieren. Wenn du ihr argumentativ schon nicht alles durchgehen lässt, so kann sie aber wenigstens frei entscheiden, überhaupt nichts zu sagen, und du bist dementsprechend machtlos.
Betont werden in diesem Beispiel ausschließlich Tendenzen in Richtung Autonomie. Dieses Verhalten wird in der Psychologie als "Pseudofeinlichkeit" bezeichnet und meint, dass in einer eigentlich engen Beziehung durch Verhaltensweisen, die Autonomie betonen, Freiräume geschaffen und verteidigt werden.
Der Wunsch nach Autonomie muss hierbei nicht zwangsläufig aus der Beziehung selbst resultieren, er kann auch ein Hinweis auf sonstige Lebenseinschränkungen sein. Schauplatz kann trotzdem die Beziehung werden, da sich Autonomiewünsche hier (und nur hier)
mitteilen lassen. Somit sind derartige Kontextverschiebungen wahrscheinlich.
Ein weiterer zu untersuchender Aspekt besteht in der Lösung besagter Gegensatzspannung, den die Ausübung von
Macht verspricht: Wenn ich einen Menschen unterwerfe, mit dem ich mich in einer Beziehung befinde, kann ich
gleichzeitig innerhalb einer engen Bindung ein höchstmaß an Autonomie erreichen. Manche Beziehungen sind gekennzeichnet durch die Gegenseitige Angst, vom Partner in dieser Form unterworfen zu werden und gleichermaßen dem Versuch, den Partner zu unterwerfen.
Ich habe hier skizzenhaft ein Arbeitsmodell angerissen, welches versucht den von dir bisher gegebenen Input auf
dahinterliegende Zusammenhänge zu beziehen. Damit ist natürlich noch nicht gesagt, welche Auswege aus dem Dilemma führen. Das würde mir im ersten Ansatz zu weit führen. Erstmal möchte ich abwarten, ob du diese Gedankengänge mitvollziehen kannst.