Mittendurch
Moderator
Meine Meinung: fast ja.
Der Zustand des Opferdaseins bezieht sich zusätzlich auch auf das "Verhältnis" zwischen Täter und Opfer. Solange es dieses Verhältnis gibt, wird der Täter Täter sein und das Opfer Opfer.
Dabei ist es meiner Meinung nach nicht wichtig, ob die Tat selber zuende ausgeführt ist oder nicht oder schon lange.
Beispiel: Einer haut dem anderen einfach so eine rein und verzieht sich, die beiden treffen sich nicht wieder. Wenn das Opfer ohne tieferes Trauma aus der Sache rausgeht, ist er nach Tatende kein Opfer mehr.
Bleibt er traumatisiert, geht er meiner Meinung nach eine Art Bindung mit der Tat und dem Täter ein und bleibt Opfer.
Beispiel: Kind wird vom Vater einmalig oder mehrmalig missbraucht, hat Angst davor, sich aus den Familienbanden zu lösen, erinnert sich auch Jahrzehnte später daran, überwindet das Trauma auch im späten Erwachsenenalter nicht - Opfer.
Dieselbe Person könnte aber auch kein Opfer mehr sein, wenn es die Tat überwindet und somit mit dem Täter-Opfer-Verhältnis bricht.
Meiner Meinung nach gibt es durchaus eine Mitwirkungsmöglichkeit (-pflicht?) von seiten des Opfers, auch nach der Tat.
Darkside
Das erscheint mir zu einfach dargestellt. Nehme ich mal an, das ehemalige Opfer stellt sich vor dem ehemaligen Täter, bäumt sich auf verweißt ihn deutlich in seine Schranken, schützt auch andere vor diesem Täter, weiß nur nicht warum die in dieser sehr heftigen Form geschieht...
So ist das ehemalige Opfer eigentlich kein Ofer mehr, denn es ist in der Lage sich dem ehemaligen Täter entgegen zu stellen. Trotzdem war es Opfer dieses Täters, doch es ist eben kein Opfer mehr, weil es sich befreien konnte und auch sich und andere schützen konnte...
Doch trotzdem könnte es traumatisiert sein...
Ich habe das Gefühl, genau das ist es, was es so schwer macht. Die Grenzen zwischen Opfer sein und Opfer gewesen sein, also es nicht mehr zu sein, sind gar nicht immer so klar definiert.
Vielleicht liegt es daran, es gibt eben doch mehr als schwarz und weiß...
Bindungen in der Familie zwischen Eltern und Kinder entstehen naturbedingt, sie sind notwendig für das Kind zu überleben. Das macht es wohl auch so schwer für diese Menschen, sich von den Tätern, wenn es die Eltern oder einer der Elternteile ist sich zu lösen. Bei fremden Tätern, wenn es einmalig ist, sieht es meist anders aus...
Also besteht wohl der Konflikt darin, die Eltern als Täter zu sehen, weil sie doch die Aufgabe haben zu schützen. Auch wird doch dann oft genug dem Kind die Verantwortung gegeben, weshalb ich wohl etwas gegen die Eigenverantwortung hatte, bzw. die Frage ab wann es sie gibt.
Auch wenn sich manch ein Mensch erst spät mit den Traumafolgen auseinandersetzt, kann es durchaus sein, dass er längst kein Opfer mehr ist. Aber erst nach und nach begreift, warum sich von den Tätern distanziert wurde, warum diese immer hart in ihre Grenzen verwiesen wurden....
Doch dann zu erkennen einst Opfer von diesen Menschen gewesen zu sein, ist gar nicht mehr so einfach. Weil dazu gehört sich in dieses Kind zu versetzen, was sich selbst noch nicht hat schützen können, außer ....
Und jetzt sind wir da, wo wir schon mal waren, warum die Flucht nach innen, doch vorrübergehend einen guten Schutz bot und damit dem Täter zumindest teilweise entkommen konnte. Ihm dem (ehemaligen) Opfer, das Gefühl gab etwas tun zu können... Ich sollte auch das ersteinmal so stehen und es wirken lassen.
Ich weiß, auch dies wird von manchen Tätern genutzt und bietet dann eher keinen wirklichen Schutz und die Traumafolgen zu heilen, ist dann um einoiges schwerer....